Ist es wahrscheinlicher, eine totale Sonnenfinsternis oder eine Komplettaufführung von Sorabjis „Opus Clavicembalisticum“ zu erleben?

Opus Claveclipsicum

Opus Claveclipsicum

Gleich vorweg: beides ist natürlich extremst selten. Viele bedauernswerte Menschen erleben, solange sie auf Erden wandeln, weder das eine noch das andere!

In der Schweiz hat es z.B. seit 250 Jahren keine totale Sonnenfinsternis gegeben – es soll sogar Orte auf der Welt geben, die seit 4000 Jahren unverfinstert dahinvegetieren müssen – und in Underdog-Städten wie München, Wien oder Buenos Aires wartet man bis heute vergeblich auf Kaikhosru Sorabjis Riesenklavierwerk!

Auf der anderen Seite konnte das vom Glück begünstigte Dörfchen Canjala in West-Angola im Juni 2001 eine totale Sonnenfinsternis beobachten und im Dezember 2002 gleich schon wieder! Und das Londoner Konzertpublikum konnte im Juli 1988 Sorabji bestaunen und im November desselben Jahres ein weiteres Mal.

Das sind jedoch kuriose Einzelfälle. Verlassen kann man sich darauf keineswegs! Die Regeln für solche wiederkehrenden Ereignisse sind komplex, und es wäre naiv zu glauben, nur weil Sorabjis Monumentalwerk bereits im März 2002 in Berlin gespielt wurde und nun am 31. Juli 2016 schon wieder dort zur Aufführung kommt, könnte man sich den Besuch bis zur nächsten Wiederaufführung im Jahr 2030 sparen! Nee, meine Lieben! So funktionierts nicht! Jene Angolaner, die beide Sonnenfinsternisse verpasst haben, müssen jetzt bis 2193 warten! Und wer Sorabji dieses Jahr verpasst, wird ihn womöglich seinen Lebtag nicht mehr live hören können!

Anders als Sonnenfinsternisse sind Sorabjiaufführungen nämlich langfristig nicht vorherberechenbar. Alle Bemühungen, die bislang 16 Komplettaufführungen (siehe Karte) in eine mathematische Gesetzmäßigkeit zu bringen, sind bis heute gescheitert.

Lediglich gewisse Trends konnten herausgearbeitet werden – so sind Sorabjiaufführungen, anders als Sonnenfinsternisse (siehe zweite Karte), nicht gleichmäßig über den Globus verteilt, sondern konzentrieren sich in gewissen Gegenden (nördliche blaue Banane, östliche USA, Schottland). Wer also in Afrika oder Südamerika lebt, dürfte in den nächsten 500 Jahren wenig Chancen auf Sorabji haben – wer hingegen über weiteren Wohnsitz in Belgien verfügt, darf nicht nur das mysteriöseste Feld der Steuererklärung ausfüllen, sondern sich auch gute Hoffnungen machen, vor seinem Dahinscheiden nochmal das Opus Clavicembalisticum zu hören – was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass die Sorabjipianistendichte in Belgien so hoch ist wie in keinem anderen Land der Welt!

Auch das darf man allerdings nicht verabsolutieren. Während es bei Sonnenfinsternissen kein nennenswertes Stadt-Land-Gefälle gibt, sind bisher 94% der Sorabjiaufführungen in Großstädten aufgetreten. Bewohner der iranischen Wüste werden also höchstwahrscheinlich früher eine totale Sonnenfinsternis als eine Aufführung des Opus Clavicembalisticum erleben – ob aber dasselbe auch umgekehrt gilt (wer in Brüssel lebt, wird früher eine Sorabjiaufführung erleben als eine totale Sonnenfinsternis) steht nicht fest: zwar gab es die letzte totale Sonnenfinsternis in der belgischen Hauptstadt sage und schreibe 1406, die nächste wird aber schon wieder 2090 stattfinden – während das Opus Clavicembalisticum dort noch nie gespielt wurde!

Überhaupt gab es seit dem 1. Dezember 1930 weltweit 59 totale Sonnenfinsternisse, aber nur 16 Sorabjiaufführungen – was die eingangs gestellte Frage abschließend beantworten dürfte! Ein Grund mehr, die nächste Aufführung keinesfalls zu verpassen!!!!

Und eine gute Nachricht obendrauf: Während totale Sonnenfinsternisse nach maximal acht Minuten vorbei sind, kann man das Opus Clavicembalisticum volle fünf Stunden lang genießen. Und die nervigen Brillen braucht man auch nicht!

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