Leichenteile & Geldschnipsel

Verwunderlicher als Leichenteile: Geldschnipsel

Verwunderlicher als Leichenteile: Geldschnipsel in Darmstadt

Heute, liebe Hörerinnen und Hörer des mozartzuvielenoten-Kollegs, beweisen wir, dass Geld wertvoller ist als Menschen.

Nehmen wir dazu an, ein Mensch besitze zwei Güter – genannt A und B. Das Gut A ist ihm lieb und teuer, das Gut B hingegen hat für ihn nur einen geringen Wert. Welches wird er wohl leichteren Herzens wegwerfen? – Nun, lieber Sokrates, zweifellos das Gut B, das ihm weniger bedeutet.

Nehmen wir weiters an, ein Mensch fände in einer Stadt das Gut A auf der Straße, von einem Unbekannten fein säuberlich zerstückelt und entsorgt. Würde er sich wundern, dass das Gut A entsorgt wurde? – Gewiss wird er es tun, allerdings nur, wenn das Gut A nicht nur für ihn, sondern für alle Menschen einen unschätzbaren Wert hat. Wenn das Gut A nur für manche, nicht aber für alle Menschen einen hohen Wert hat, so wird er dessen Entsorgung vermutlich bedauern, aber doch – aus der Warte des anderen – nachvollziehbar finden.

Nehmen wir nun ad tertium an, in einer Stadt – nennen wir sie Darmstadt – würden zerschnipselte Geldscheine im Wert von 20.000 Euro gefunden, und die ganze Welt bräche darüber in großes Staunen aus, und zwar viel mehr, als wenn zerstückelte Leichenteile gefunden worden wären. Was schließen wir daraus? – Genau: Geld ist ein Gut, das für alle Menschen einen hohen Wert hat – ein Mensch hingegen ist ein Gut, das für bestimmte Menschen keinen hohen Wert hat. Deshalb kann die Welt – gemäß unserer Annahme Zwei – die Entsorgung von Geld niemals, die Entsorgung eines Menschen hingegen sehr wohl nachvollziehen (wenn auch nicht gutheißen).

Wenn nun also das Gut A für alle Menschen einen hohen Wert hat, das Gut B hingegen nur für manche Menschen, dann ist das Gut B naheliegenderweise weniger wert als das Gut A. Ergo ist ein Mensch weniger wert als Geld. Dies hat uns die Kunstaktion in Darmstadt (oder was immer das sein mag) aufs Beste demonstriert. Und genau das soll Kunst auch tun: unsere gewohnte Sicht der Dinge umkrempeln. Q.E.D.

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Kommentare

Leichenteile & Geldschnipsel — 4 Kommentare

  1. Wie genau stellst Du die Verbindung zu Leichenteilen her? Gehst Du einfach davon aus, dass die Assoziation vom – vermuteten – Künstler intendiert ist bzw. machst Du sie automatisch?

    • Nein, es fällt mir einfach auf. Es werden ja öfter mal Leichen oder -teile gefunden, und man unterstellt dem Mörder immer ein Motiv für seine Tat. Hier aber kann man sich gar kein Motiv vorstellen. Also ist es offenbar leichter verständlich, einen Menschen zu zerstückeln als Geld zu zerstückeln.

      Ob ein Künstler, ein Psychopath oder ein Snob für die Aktion verantwortlich ist, wissen wir ja gar nicht. Aber wir können es als Kunst lesen, darum geht es mir. Es macht das gleiche mit uns wie Rilkes Torso: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

  2. Ja, nun verstehe ich es besser. Ich erlaube mir allerdings die Humorlosigkeit festzustellen, dass ich diesen Schluss zumindest schwierig finde; man staunt zwar besonders über die Zerschnipselung des Geldes (schließlich stellt es ja nichts anderes dar als Wert, in welchem Sinne auch immer…?), man ist aber nicht unbedingt abgestoßen davon. Vielleicht würde man ja auch staunen, wenn einer sein eigenes Haus anzünden würde. Wie dem auch sei, es ist sicher eine Aktion, die einen zum Nachdenken bringt.

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