Kaikhosru Sorabji – monströsester Komponist aller Zeiten

Kaikhosru Shapurji Sorabji

Kaikhosru Shapurji Sorabji

Von allen unbekannten Komponisten des 20. Jahrhunderts ist Kaikhosru Sorabji der abgedrehteste. Als er 1988 fast hundertjährig starb, hinterließ er ein Werk von riesenhaften Ausmaßen, dessen größter Teil niemals aufgeführt wurde und wohl auch niemals aufgeführt werden wird.

Sein heute „populärstes“ Werk, das „Opus Clavicembalisticum“ für Soloklavier, dauert bescheidene vier Stunden. Sorabji selbst hat seine Aufführung fünfzig Jahre lang verboten. Bis heute haben nur fünf Pianisten das extrem schwere und hochkomplexe Stück komplett gespielt – der erste war Sorabji selbst, der zweite wurde verrückt, die drei anderen leben noch.

Sorabji, 1892 als Engländer parsischer Herkunft in Essex geboren, begann sich als Teenager mit Avantgardemusik zu beschäftigen und veranlasste wenig später einen Musikkritiker zu der erstaunten Feststellung, Arnold Schönberg sei ihm gegenüber ein zahmer Reaktionär.

Reaktionär war Sorabji aber durchaus auch selbst. Er schrieb Fugen und Kanons, Ricercars und Fantasien, Prä- und Interludien (keineswegs ironisch gebrochen!) – nur dass all diese historischen Formen unter seinen Fingern wild zu wuchern begannen, bis sie etwas ganz anderes bedeuteten als ihre Vorbilder. Sorabji war zwar ein Reaktionär, aber ganz bestimmt kein zahmer.

In seiner seltsamen Mischung von Rückwärtsgewandtheit und Avantgarde ähnelte er seinem amerikanischen Kollegen Charles Ives. Mit Ives teilt er auch seinen zunehmenden Rückzug aus dem Musikleben und das Desinteresse, sich um die Aufführung seiner Werke zu kümmern. Sorabji war gewissermaßen die britische Variante von Ives: dieser ein finanziell unabhängiger Unternehmer, jener ein finanziell unabhängiger Gentleman. Publikum, Veranstalter und Presse waren beiden gleichermaßen schnurz.

Die Abkehr vom aufführungspraktischen Realismus treibt bei Sorabji allerdings noch buntere Blüten als bei Ives. Dem 1929/30 entstandenen „Opus clavicembalisticum“ folgte 1957/59 ein „Opus clavisymphonicum“ für Klavier und Orchester. Dieses Werk dauert zwar nur kurzweilige 100 Minuten, schreibt allerdings ein megalomanes, sechsfach besetztes Orchester vor. Demselben Apparat fügt Sorabji in seiner „Messa Alta Sinfonica“ noch großen Chor und acht Solisten hinzu – Spieldauer: 320 Minuten. Ähnlich opulent besetzt existieren noch zehn weitere Klavierkonzerte und diverse andere Orchesterkompositionen. Das Sorabji-Archiv vermerkt überall traurig: „Not yet recorded – Not yet performed – No broadcast performances“. Sowas aber auch!

Auch wenn man sich über die unpraktikablen Monstrositäten belustigen mag – zum Regelbetrieb der Neuen Musik mit seinen Heerscharen an Zehn-Minuten-Stücken, die mit zweieinhalb Proben auf die Bühne gebracht werden, stellen sie einen wohltuenden Kontrast dar. Nur in der absoluten Zurückgezogenheit konnten solche Werke ohne jeglichen Bezug zum Denk- und Machbaren entstehen. Hätte Sorabji jemals an eine Aufführung gedacht, wäre das Opus clavisymphonicum niemals geschrieben worden.

Sorabjis Orchesterwerke sind sowas von over the top, dass an eine Aufführung auch heute oder in näherer Zukunft kaum zu denken ist. Mögen auch da und dorten vergessene Riesenwerke des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts ausgegraben und wiederaufgeführt werden: Sorabji lehrt sie alle das Fürchten. Selbst ein eigentlich dafür prädestiniertes Festival wie die RuhrTriennale, die ein „kleineres“ Werk wie das 100minütige Opus clavisymphonicum womöglich mit noch stemmen könnte, würde am 320-Minüter scheitern.

Am Willen fehlt es freilich sowieso. Und auch am Wissen über diese Schwarten. Selbst wer Sorabji kennt, kennt im Normalfall nur das Opus clavicembalisticum und die Orgelsymphonien (für Orgel solo). Von der Existenz der großen Orchesterwerke weiß fast niemand.

Würde es sich denn überhaupt lohnen, sie aufzuführen? Nobody knows. Die Partituren existieren nur als krakeliges Faksimile von Sorabjis Originalhandschrift. Für Summen zwischen 80 und 250 Pfund kann man sie beim Sorabji-Archiv erstehen (Preisnachlass für pdf). Auch für gute Partiturleser dürften die bis zu tausendseitigen Konvolute eine Herausforderung sein. Vielleicht würde die Uraufführung letztendlich zur großen Enttäuschung.

Konnte Sorabji denn überhaupt für Orchester schreiben? Als Aufnahme verfügbar ist momentan nur ein Frühwerk von 1923, Orchesterlieder nach Texten von Michelangelo. Ein hybrid-postromantisches Werk, das noch nicht viel mit Sorabjis späterer Schreibweise zu tun hat.

Was ist aber nun mit dieser Schreibweise? Die Adjektive „monströs“, „abgedreht“, „schwer“, „komplex“, „reaktionär“, „avantgardistisch“ sind gefallen – aber ist Sorabjis Musik auch gut?

Ich würde sagen: ja und nein. Sorabjis Werke sind gut, ja sogar verblüffend gut, wenn man sie in ihrer Gesamtheit als drei- oder vierstündige Werke betrachtet. Sie schielen auf einzigartige Weise nicht auf die Verschiebung von Wahrnehmungsmustern und den Übergang zu einer mehr meditativen Hörweise – wie es etwa Morton Feldman tut. Sie sind strukturell dicht durchkomponiert wie ein normaler Zehnminüter. Ich kenne niemanden sonst, der eine solche syntaktische Dichte auf dieser Länge zuwegebrächte.

Wenn man sich die Werke im Detail – und vor allem auf der mittleren formalen Ebene – ansieht, dann sieht man allerdings auch genügend Schwächen. Allzuoft verlässt Sorabji sich auf die Tragfähigkeit einer Struktur, die den Hörer bereits zu langweiligen beginnt. Die Dramaturgie ist manchmal arg dünn. So manche halbe Stunde kann unendlich trocken sein – dafür folgen dann wieder 45 Minuten großartige Musik.

Anders als Ives ist Sorabji niemand, den man sich gerne mal abends anhört, um sich in die fremden Welten seiner abgedrehten Phantasie entführen zu lassen. Sorabji ist spröde, undankbar. Aber er schrieb vierstündige Werke für sechsfach besetztes Orchester. Das ist womöglich das außergewöhnlichste an ihm.

In gewisser Weise kann man Sorabji als einen Konzeptkünstler bezeichnen, der kein Konzeptkünstler ist. Das Besondere an ihm ist, dass er über Zeiträume von mehreren Stunden keine Konzeptmusik macht, sondern ganz traditionell Fugen und Präludien komponiert. Und dennoch ist er als Komponist nicht (wie es traditionell der Fall wäre) darum interessant, weil beliebige 30 Sekunden aus seinem Werk so großartig wären – sondern weil er Stücke schreibt, die so lang und so krass sind, dass man sie kaum oder gar nicht aufführen kann.

Nichtsdestotrotz – ich würde das Opus clavisymphonicum gerne mal hören. Ob es wohl, solange ich auf Erden weile, seine Uraufführung erleben wird?

Ähnliche Beiträge

  • Was ist Meta-Komposition? (Artikelserie – Teil 1)13. Januar 2019 Was ist Meta-Komposition? (Artikelserie – Teil 1) Was ist Meta-Komposition? Was kann sie? Wofür braucht man sie? Lohnt sich die Anschaffung jetzt?? Und was hat das alles mit dem SCHWELBRAND-Konzert zu tun, das am 14. März 2019 im […]
  • Interview über Sorabjis »Opus Clavicembalisticum«22. Juli 2016 Interview über Sorabjis »Opus Clavicembalisticum« Bereits seit Januar übt Daan Vandewalle das fünfstündige »Opus Clavicembalisticum« von Kaikhosru Sorabji, um es am 31. Juli bei unserem Festival Schwelbrand Overkill zu Gehör zu […]
  • Countdown für Schwelbrand4. November 2014 Countdown für Schwelbrand Sooooooo: Heute abend ist es soweit: Schwelbrand 2 mit zwei Uraufführungen von Filip Caranica und mir kommt um 19:30 Uhr in den Berliner Sophiensaelen auf die Bühne! Inzwischen habe […]
  • Die wichtigsten Fragen zur Zeitumstellung26. März 2016 Die wichtigsten Fragen zur Zeitumstellung Heute nacht ist es wieder soweit: die Zeiger beginnen zu rasen, und um 2 ist es plötzlich schon 3! Damit Sie die Zeitumstellung ohne größere Unfälle bewältigen, finden Sie hier Antworten […]

Kommentare

Kaikhosru Sorabji – monströsester Komponist aller Zeiten — 2 Kommentare

  1. Hallo!
    Kann man sowas heute denn nicht digitalisieren? Also ich meine, die Partitur auslesen und die einzelnen Stimmen in ein oder mehrere Keyboards oder sowas einspielen und sich dann einfach mal anhören, wie das klingt?

    • Man kann natürlich die Partitur mit dem Computer setzen – auch wenn das bei 300 oder mehr Partiturseiten (und der Unleserlichkeit von Sorabjis Handschrift) eine Heidenarbeit ist. Die klangliche Simulation ist allerdings immer nur bedingt aussagekräftig, gerade bei einer so großen Besetzung. Da würde ich einem guten Partiturleser mehr vertrauen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.