Bücherverbrennung Büchervernichtung ist wieder chic

Vor kurzem habe ich Thomas Pynchons Roman V. in die Bibliothek zurückgebracht. Zum Glück wars die Berliner Amerika-Gedenkbibliothek. Wenns die Stadtbibliothek Bad Dürrheim gewesen wäre, wäre das Buch vielleicht umgehend vernichtet worden. Denn es enthält ein Wort, das in Bad Dürrheim nicht mehr wohlgelitten ist:

Neger

3200 Bücher oder 40% des Bibliotheksbestands wurden jüngst in Bad Dürrheim auf die Müllkippe geworfen. Gegen den Willen der Bibliotheksleiterin und zur Bestürzung der Bevölkerung – durch einen obrigkeitsstaatlichen Akt des Regierungspräsidiums.

Entsorgt wurden nicht nur Bücher mit missliebigen Ausdrücken, sondern auch solche, die längere Zeit nicht mehr ausgeliehen wurden, und solche, die (horribile dictu!) in alter Rechtschreibung verfasst waren. „Gerade für Kinder“ sei es nämlich wichtig, dass hier keine Verwirrung geschafft werde – so eine der Verantwortlichen.

Klar doch: Wo kämen wir hin, wenn Kinder plötzlich auf die Idee kämen, Sprache sei nicht identisch mit dem, was der staatlich bestallte Deutschlehrer ihnen jeden Morgen in der Schule beibringt – sondern eine dynamische, anarchische Angelegenheit, die sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Tag zu Tag ändert?

Wo kämen wir hin, wenn Eltern ihren Kindern bei der abendlichen Thomas Pynchon Otfried-Preußler-Lektüre erzählen würden, das Wort „Neger“ sei in ihrer Kindheit ganz normal gewesen, inzwischen aber durch den Sprachwandel außer Gebrauch geraten? Oder wenn die lieben Kleinen erführen, dass es in der alten Zeit vor der Rechtschreibreform möglich gewesen sei, zwischen einem vielversprechenden und einem viel versprechenden Politiker zu unterscheiden? Was wäre, wenn unsere Kinder gar in der Bibliothek auf ein Buch stoßen würden, das jahrelang nicht mehr ausgeliehen wurde, weil das Thema gar zu abseitig ist, und wenn sie es – Schrecken aller Schrecken – sogar durchlesen würden? Würden sie dann womöglich selbst zu denken anfangen?!? – Da sei Gott und das Regierungspräsidium vor!

Vielleicht gab es unter den verbrannten vernichteten Büchern sogar eine Ausgabe von Victor Klemperers Lingua Tertii Imperii – in alter Rechtschreibung? Oder einen Irak-Reiseführer von 2012, der die Leser darüber informierte, dass es dort bis vor kurzem christliche und heidnische Bauzeugnisse gab?

Kein Wunder, dass sich der Staat in der Pflicht sieht, ein Buch, das an die Elimination von Kulturzeugnissen durch einen anderen Staat erinnert, gleich mit zu eliminieren. Denn egal ob Heinrich Heine, Otfried Preußler oder der Löwe von Palmyra: die Elimination von Kulturgütern, die Zensur der Vergangenheit ist immer im Sinne der Herrschenden.

Es geschieht ja nicht für uns – es geschieht für unsere Kinder. Wir wollen doch eine bessere Zukunft für sie. Sie sollen sich mit all diesen Kämpfen, die wir durchfechten mussten, nicht mehr belasten müssen. Frei nach Gerhard Polt: Wir müssen unsere Nachkommen nicht mehr zum Selberdenken erziehen, weil wir sind ja schon aufgeklärt.

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Kommentare

Bücherverbrennung Büchervernichtung ist wieder chic — 5 Kommentare

      • Geht nicht um Fremdwörter (und nicht mal darum, wie die Einrichtung heißt), sondern um den Zweck der Einrichtung. Die Einrichtung in Bad Dürrheim hat das Ziel, dem Publikum aktuellen Lesestoff zur Verfügung zu stellen. Sie dient nicht dazu, Werke aufzubewahren oder ein Sammelgebiet zu bedienen.

        • Ja. Es gibt aber auch einen Weg zwischen Deinem zweiten und dritten Satz. Eine Stadtbücherei muss durchaus nicht nur „aktuellen Lesestoff“ zur Verfügung stellen. Ich war immer sehr froh, in der Stadtbücherei meiner Heimatstadt auch abseitiges und älteres zu finden. Gerade weil ein Teenager auf dem Land kaum Möglichkeiten hat, sonst an solche Sachen zu kommen, haben die Büchereien da imho schon auch einen Bildungsauftrag abseits des Mainstreams.
          Dass immer wieder Werke aussortiert werden, ist klar. Nicht klar ist aber, (a) dass dabei ideologische Kriterien angelegt werden und (b) dass sie nicht für 50 Cent verkauft oder verschenkt werden.

          • Dann habe ich mich wahrscheinlich von der Überschrift aufs falsche Gleis bringen lassen.

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