Wie fühlt man sich eigentlich während einer Bilokation?

Die erste Kopie des Martin von Porres

Die erste Kopie des Martin von Porres

Da haben wir heutzutage dieses phantastische Internet – aber über die wirklich wichtigen Fragen erfährt man in all den tausend Diskussionsforen leider nix. Dabei fände ich das echt interessant zu wissen: Wie fühlt es sich an, an zwei Orten gleichzeitig zu sein?

Okay, die Datengrundlage ist etwas mau. Bilokation war ja schon früher eher selten. Heutzutage wird sie, soweit ich weiß, nur noch von einem einzigen alten indischen Guru praktiziert.

Aber dennoch: wie fühlt sich das an, wenn man, wie mein Namensvetter Martin von Porres (1569–1639), gleichzeitig im Kloster den Boden kehrt und im Krankenhaus die Armen pflegt? Sieht man mit dem linken Auge das Kloster und mit dem rechten das Krankenhaus? Was ist mit dem rechten Arm, der sich einerseits beim Kehren vor- und zurückbewegen muss und andererseits gleichzeitig absolut stillhalten muss, damit der todkranke Greis den Brei vom Löffel ablecken kann? Und was antwortet man nach Ende der Bilokation, wenn man gefragt wird: „Hey, wo warst Du eigentlich vor zwei Stunden?“ – Woran erinnert man sich? Wird man schizophren dabei?

Der Ausnahmephysiker Nikola Tesla hat Ende des 19. Jahrhunderts ein Gerät konstruiert, das Menschen verdoppeln kann – mithilfe dieses komischen neuen Phänomens namens „Elektrizität“. Zumindest behauptet das der Zaubererfilm „The Prestige“ von Christopher Nolan. Mit Hilfe von Teslas Maschine kann der Protagonist, einer der größten englischen Zauberer seiner Zeit, am Ende doch noch seinen größten Konkurrenten überflügeln, dem er früher immer unterlegen gewesen war. In Sekundenbruchteilen erzeugt der Apparat in fünfzig Meter Entfernung eine identische Kopie des Zauberers. Das Publikum jubelt über den Magier, der scheinbar Raum und Zeit überwinden kann. Doch die Kopiervorlage, der echte Zauberer, der seinen Platz nicht gewechselt hat, fällt – vom Publikum unbemerkt – durch eine Falltür in die Tiefe und ertrinkt unter der Bühne in einem Wassercontainer.

Der Zauberer wird nicht schizophren, denn eine der beiden Kopien wird vernichtet. Die beiden Ereignislinien der Bilokation kommen nicht wieder zusammen. Niemand wird den wieder verschmolzenen Zauberer je fragen: „Wo warst Du vor zwei Stunden?“ – und er wird niemals antworten müssen: „Auf der Bühne“ und gleichzeitig „Fünfzig Meter weiter auf der Empore“. Christopher Nolan geht auf Nummer sicher.

Wenn die Ereignislinien aber wieder zusammenfinden – wie im Falle des Martin von Porres –, dann wird es komplexer. Dann dürfen die beiden Vergangenheiten nicht so absolut inkommensurabel sein wie beim Zauberer – einerseits: vom jubelnden Publikum beigeistert empfangen werden – andererseits: jämmerlich unter der Bühne ertrinken.

Und in der Tat – warum gibt es denn Bilokationen? Die traditionelle Deutung ist, dass es den Heiligen so sehr nach der Hingabe für seine Mitmenschen dürstet, dass es ihm nicht „ausreicht“, nur an einem Ort Gutes zu tun. Also: Bodenfegen im Kloster ist zweifellos löblich – aber wenn doch die Sterbenden im Krankenhaus ebensosehr seine Hilfe brauchen?! Es ist ein Impetus, der aber zu groß ist, als dass ihm eine Materialisation genügen würde. Der Heilige tut während der Bilokation letztendlich zweimal dasselbe. Die zwei Ereignisstränge verschmelzen miteinander, die Performance ist eine einzige – und darum funktioniert sie.

Jede Performance ohne verschmolzene Identität – ein Schauspieler, der auf der Bühne nicht mit sich im Reinen ist, ein Akteur, der sich schämt für das, was er da tut – ist zum Scheitern verurteilt. Jede Performance, die sich aus der Selbstverständlichkeit, aus der Freude, aus der totalen, unreflektierten Hingabe speist, wird gelingen und überzeugen.

Darum funktioniert die Bilokation. Der Bilozierte grübelt und hadert nicht, sondern verspürt einfach nur das unbändige Verlangen zu helfen. Und er hilft und hilft und hilft und verdoppelt sich dabei und merkt es womöglich noch nichtmal. Und danach geht er zum Abendgebet, und seine Mitbrüder kommen zitternd auf ihn zu: „Alle erzählen, Du seist heute im Krankenhaus gewesen! Aber Du warst doch hier!“ – doch er zuckt nur die Schulter und antwortet mit dem Credo jedes routinierten Performers: „ich mach einfach nur, was ich normal finde“

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