Die Hitlerdifferenz

Würden Sie diesem jungen Mann Ihre Tochter vermählen?

Würden Sie diesem jungen Mann Ihre Tochter vermählen?

Mit Hitler ist es wie mit der Lichtgeschwindigkeit. Man kann sich gemäß der Relativitätstheorie so schnell bewegen, wie man möchte – zu Fuß, im Düsenjet oder in einem futuristischen Raumschiff mit 30.000 Kilometer pro Sekunde: die Differenz zur Lichtgeschwindigkeit bleibt immer exakt dieselbe. Man kann einen Lichtstrahl nicht einholen. Er braust – so schnell man selbst auch unterwegs sein mag – immer mit derselben Geschwindigkeit von einem fort: der Lichtgeschwindigkeit eben.

Mit Hitler ist es genauso. Es ist egal, in welchen Kontext man ihn stellt: seine Erwähnung bildet immer die maximalmögliche Differenz.

Man mag von allen möglichen Grausamkeiten sprechen, von Kriegen, Mördern, Ausbeutern, Folterknechten – aber sobald ich sage: „Herr XY ist wie Hitler“, dann habe ich den unendlichen Überschlag gewagt – dann habe ich die relativistische Unmöglichkeit behauptet, „Mein Auto fährt so schnell wie das Licht“.

Hitler bleibt auch nach hunderttausend Hitlervergleichen unvergleichlich. Ein Hitlervergleich sorgt auch beim hunderttausendundersten Mal zuverlässig für einen Eklat. Hitler steht für ein unerschöpfliches Reservoir an Bosheit, das sich, obgleich es täglich tausendmal angezapft wird, niemals erschöpft. Hitler ist der Ozean der Schande. Niemand kann ihn leertrinken.

Dieses transzendente Potential macht ihn in transzendenzloser Zeit interessant. Konnten die Künstler früherer Jahrhunderte ihre Inspiration aus dem unerschöpflichen Gnadenschatz der Heiligen ziehen, so macht man sich heute die unerschöpfliche Bosheit Adolf Hitlers zunutze.

Adolf Hitler European TourDie Kunstwerke, Zeitschriftencover, Werbeannoncen, Feuilletonhalbsätze, die mit der Hitlerdifferenz arbeiten, sind Legion. Das T-Shirt „Adolf Hitler European Tour 1939–45“ war in den 80er Jahren so etwas wie die Initialzündung. Die Titanic hat Hitler längst entdeckt, der Spiegel sowieso. Daniel Erk führte für die taz jahrelang den Hitlerblog, wo er Phänomene aus Medien, Kunst und Popkultur untersuchte, in denen Hitler verwurstet wird. Werbung mit Hitler ist höchst lukrativ – eine Hitlerpizza ist eben unendlich mehr als eine normale Pizza.

Kondensationspunkt der Hitlerdifferenz ist der Bart. Nirgends ist die Differenz größer. Auf der einen Seite ein kleiner schwarzer Balken, ein winziger Strich mit dem Edding, in Sekundenbruchteilen aufs Wahlplakat appliziert – auf der anderen Seite die sechs Millionen. Nirgendwo in der Welt bekommt man für so wenig so viel.

Der Bart ist so wichtig, dass sich die Frage stellt, ob die Hitlerdifferenz überhaupt möglich wäre, wenn Hitler keinen Bart getragen hatte. Was wäre geschehen, wenn sich 1933 der nette junge Mann oben rechts zur Wahl gestellt hätte? Wäre er gewählt worden? Hätten ihm die Massen zugejubelt? Wie wäre der Zweite Weltkrieg ausgegangen, wenn Hitler glattrasiert gewesen wäre?

Diese Fragen gehören zu den seltsamen Sätzen, die im Umfeld der Hitlerdifferenz regelmäßig auftauchen, ähnlich wie die seltsamen relativistischen Effekte bei der Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit (dass man etwa ein Objekt von hinten sehen kann, schon bevor man an ihm vorbeigeflogen ist). Die folgenden Sätze, so absurd sie klingen, sind z.B. mit ziemlicher Sicherheit wahr:

  • Jeder gebildete Deutsche denkt täglich mindestens einmal an Hitler.
  • Jede bedeutende deutsche Tageszeitung erwähnt Hitler mindestens einmal wöchentlich.
  • Der international bekannteste Ungar ist Béla Bartók – der international bekannteste Deutsche ist Adolf Hitler.

Hitler - TitanicZwei Fragen stellen sich.

Erstens: Ist es moralisch statthaft, mit der Hitlerdifferenz zu arbeiten? Ich meine: ja. Natürlich gibt es – dazu ist sie ja gemacht – immer genügend Leute, die „nein“ sagen und sich aufregen. Doch die Hitlerdifferenz ist eben nicht nur parasitär, in dem Sinne, dass sie aus dem unaussprechlichen Leid der Vergangenheit einen ästhetischen Mehrwert für die Gegenwart zöge. Sie ist vielmehr eine der gar nicht so zahlreichen Möglichkeiten, über das Leid der Vergangenheit heute überhaupt anders als floskelhaft zu sprechen.

Wenn man sich umsieht, wie im öffentlichen Diskurs – vor allem von Politikern – über Hitler, das dritte Reich und den Holocaust gesprochen wird, dann sind das in der Mehrzahl hohle, standardisierte Phrasen, die dem Grauen noch viel, viel weniger angemessen sind. Diese Sprachkonventionen durchzuschütteln und uns damit aus der intellektuellen Bequemlichkeit zu reißen, kann die Hitlerdifferenz leisten. Sie versucht das Unsagbare immer neu – d.h. auf neue Weise unpassend – zu sagen.

Zweitens: Wo sind die ästhetischen Grenzen der Hitlerdifferenz? Ihre Stärke und gleichzeitig ihre Beschränkung liegt darin, dass sie eine Differenz ist. Sie kann ihre Wirkung nur vor der Kontrastfolie der real existierenden Geschichte entfalten. Sie bleibt immer abhängig vom wirklich geschehenen Horror, sie kann sich nur an ihn dranhängen und unsere Kategorien und Denkweisen dadurch erschüttern, dass sie sie mit ihm konfrontiert. Die Hitlerdifferenz ist ein Mittel der Transzendierung, das davon abhängig ist, dass die Folie der Transzendierung – Hitler – selbst nicht transzendiert wird. Da aber echte Transzendierung den einmal erreichten Überstieg immer nur als Zwischenschritt, als Ausgangsbasis für den nächsten begreift, bleibt die Hitlerdifferenz unvollständig, in ihrer Reichweite begrenzt. Von daher kann sie sich immer nur für das punktuelle Aha-Erlebnis eignen, nicht als universelle ästhetische Maxime.

In diesem Sinne habe ich die Hitlerdifferenz auch selbst in einigen meiner Kompositionen benutzt. Ich sage nicht in welchen – schließlich ist Musikerfahrung immer besser als Musikerklärung. Die Leute jedenfalls, die es bemerkt haben, waren regelmäßig entsetzt – vor allem wegen der Beiläufigkeit, mit der sie auftritt. Doch es geht eben nicht anders, wenn das Kunstwerk nicht zur Etüde verkommen will. Die Hitlerdifferenz kann nur ein special effect sein. Nein, das ist nicht zynisch. Das ist die Hitlerdifferenz.

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