Eine der besten Performances der Berliner Philharmoniker…

Scheitern nicht zulässig: Schnipsel aus der Zeit

Scheitern nicht zulässig: Schnipsel aus der Zeit

…war das am Montag, denn das Feuilleton steht Kopf. Es ist mal wieder die Sternstunde der originellen musikalischen Metaphern – die Süddeutsche beklagt eine „vergeigte Wahl“ und titelt „Wir üben noch“, die Frankfurter Rundschau lamentiert über „verschleppte Tempi“, und die taz bemüht das wohl einzige moderne Musikstück, das der Durchschnittsjournalist kennt und versteht: Cages 4’33.

Der Tagesspiegel belfert, sichtlich verletzt, „Reichlich unprofessionelle Öffentlichkeitspolitik!“ (N.B. inzwischen in der Formulierung entschärft), die Zeit jammert über „frierende Journalisten“, die Deutsche Welle sieht „die Marke Berliner Philharmoniker“ beschädigt, und die Bildzeitung wirft gar den denkwürdigen Satz aus: „Bis zur Wahl-Farce (sic) am Montag galt es als ruhmreichstes Orchester der Welt.“

Ziemlich allein steht das Neue Deutschland mit seiner (von mir geteilten) Einschätzung: „Der Nachfolger von Sir Simon Rattle als Chef der Berliner Philharmoniker wurde – erfolgreich – nicht bestimmt“, schließlich sei „eine langwierige, aber autonome Entscheidung allemal besser als eine autoritäre“.

Nachdem die Dirigentenwahl regelmäßig mit der Papstwahl verglichen wurde, sei darauf hingewiesen, dass in der Vergangenheit schonmal 12 Kardinäle 821 Tage brauchten, um sich zu einigen (nämlich 1292–94). Hochgerechnet auf 120 Musiker wären das 8210 Tage, was in unserer auf reibungsloses Funktionieren getrimmten Medienwelt eher zu den Monstrositäten gezählt würde. Selbst die katholische Kirche legt ja inzwischen wert darauf, dass die Konklaven innerhalb von 2-3 Tagen abgeschlossen ist, weil sonst der Eindruck von Zerrissenheit entstünde. Scheitern ist in der massenmedialen Rezeption nicht vorgesehen.

Insofern war die Performance der Berliner Philharmoniker am Montag großartig. Als „bestes Orchester der Welt“ (Zitat Feuilleton) vor die versammelte Weltpresse zu gehen und nonchalant zu sagen: „Wir habens versiebt“ – das ist echt eine künstlerische Meisterleistung.

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