Die Orgel ist ein guter Mensch

Archäopteryx

Archäopteryx

Als Pianist ist mein Verhältnis zur Orgel so ähnlich wie das des Adlers zum Archäopteryx – es schwankt irgendwo zwischen Verachtung und heimlicher Bewunderung. Momentan schlägt das Pendel wieder eher in Richtung „Bewunderung“ aus, und so hab ich mir vor ein paar Tagen einen Orgelsimulator namens GrandOrgue downgeloadet (JAA: diesen verbalen Clash von „Grand Orgue“ und „downgeloadet“ hats jetzt einfach gebraucht!!!). Seitdem spiele ich, von archaischem Grauen erfüllt, auf Waldflöte und Prinzipal, auf Gemshorn und Subbass – und natürlich immer und immer wieder VOLLES WERK, denn niemals ist die Orgel so sehr Orgel, als wenn sie VOLLES WERK spielt, womit wir schon beim Thema wären.

Der Guru aller Gurus nämlich, die Autorität aller Autoritäten, der unsterbliche Doyen der Musikwissenschaft, mit einem Wort – Carl Dahlhaus irrt, wenn er seinen Aufsatz über die Orgel (Band 8, S. 196ff.) mit den Worten abschließt:

„Ob es der Orgel zum Guten anschlüge, wenn sie sich gegen eine reichere Abstufung der Dynamik sperrte und sich in die Tradition einschlösse, aus der sie stammt, ist zweifelhaft.“

Mit anderen Worten will Dahlhaus also die Orgel von ihrer grobklötzigen Registerdynamik befreien und ihr durch – wie auch immer geartete – technische Modifikationen smoothere Lautstärkenmodulationen ermöglichen. Er sagt das vor dem Hintergrund der Musik seiner Zeit, des Serialismus: schließlich sei „unleugbar der Zug zur Differenzierung der Dynamik eine der charakteristischsten Tendenzen der seriellen und aleatorischen oder postseriellen Musik, also der neuen Musik der letzten anderthalb Jahrzehnte“.

Tja, so ändern sich die Zeiten!

Was den Meister aller Meister an dieser Stelle so ungewohnt altmodisch und überholt erscheinen lässt, ist nicht die Tatsache, dass dynamische Differenzierung heute keine Rolle mehr spielen würde (dem ist ja bekanntlich nicht so), sondern dass er die Zeitgemäßheit der Orgel an Fragen des musikalischen Materials festmacht. Und das ist nun wirklich so total Sixties…!

Da halte ichs ausnahmsweise mal mit Ligeti, der einst von der „riesigen Prothese“ schwärmte und damit gerade das ästhetisch Inkompatible der Orgel hervorhob, sowie mit dem Deutschen Creativ-Brockhaus, der erklärt:

Orgel

Es ist also einfach Quatsch, dem Archäopteryx Vorwürfe zu machen, dass er nicht so elegant fliegen könne wie der Adler. Der Archäopteryx bleibt ein Archäopteryx, und die Orgel bleibt eine Orgel, und wer für die Orgel schreibt, der muss sich eben mit den riesigen Blechrohren auseinandersetzen und kann sie nicht einfach durch Darmsaiten ersetzen. Der Rekurs aufs Archaische hat der Moderne schon oft neue Impulse gegeben – man denke an Xenakis oder an Hans Henny Jahnn, der sinnigerweise selbst Orgelbauer war, oder an den (leider eher folgenlos gebliebenen) Kaikhosru Sorabji, dessen monströse Orgelsymphonien man übrigens hier hören kann (falls man gerade mal 117 Minuten übrig hat) – es lohnt sich jedenfalls, denn bei diesem metabarock-megalomanen Overkill handelt es sich meiner Meinung nach (trotz diverser Längen und Unzulänglichkeiten) um eins der seltenen überzeugenden Konzepte Neuer Orgelmusik.

Die Stärke der Orgel liegt also gerade in all dem, was sie nicht kann. Sie zwingt den Komponisten geradezu, nach neuen Lösungen zu suchen. Wer heute für Orgel schreibt, hat nur zwei Möglichkeiten: entweder in die Konvention zurückzufallen – oder etwas Niedagewesenes zu erfinden. Ein bequemes Weiterschreiben in der lingua franca der Neuen Musik ist unmöglich.

Um die Möglichkeiten dafür auszuloten, malträtiere ich jetzt wieder meine GrandOrgue. Ich ziehe die Waldflöte… dazu Holzgedackt… Rohrflöte… Mixtur… vielleicht noch das Cornet… ah, Trompete ist auch schön… Terz und Hautbois schließlich noch… autsch: ich bin ja schon wieder beim Vollen Werk! Und so greife ich in die Tasten und lasse ihn steigen – flieg, flieg, flieg, Archäopteryx!

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