Die längste Symphonie ist nicht so lang wie das kürzeste Buch

Länger als alle Mahlersinfonien zusammen

Länger als alle Mahlersinfonien zusammen

Wir sind es nicht gewöhnt, Kunstwerke unterschiedlicher Genres hinsichtlich ihrer absoluten Dauer zu vergleichen.

Wir vergleichen Werkdauern nur relativ, innerhalb desselben Genres: ein kurzes Gedicht hat vier Verse, ein langes Gedicht hat 400 Verse. Ein kurzer Roman hat 120 Seiten, ein langer Roman hat 1000 Seiten. Ein kurzes Musikstück dauert fünf Minuten, ein langes Musikstück dauert eine Stunde. Ein Kurzfilm dauert 30 Minuten, ein Monumentalfilm dauert vier Stunden. Wenn wir über ein „großangelegtes“, „umfangreiches“ Werk, ein „Opus Magnum“ sprechen, dann verstehen wir das relativ zur jeweiligen Kunstform: Schillers Glocke, Joyce‘ Ulysses, Mahlers Achte, Ben Hur gelten gleichermaßen als „lang“.

Dass es aber auch interessant, ja sogar ausgesprochen erhellend sein kann, absolute Dauern zu vergleichen, darauf hat mich eine Bekannte gebracht (die eigentlich eher eine Unbekannte ist, nämlich die Mutter der Freundin eines Freunds, wie es mit erhellenden Erkenntnissen eben öfter mal so ist…)

Ich erzählte ihr von meiner Kurzoper ORLANDO und von meiner Abneigung gegen konventionelle Plots im zeitgenössischen Musiktheater. Sie meinte zu meiner Überraschung: „Ja, natürlich“ – und auf meine erstaunte Nachfrage erklärte sie: „Ist ja auch schwierig, in dreißig Minuten eine Geschichte zu erzählen.“

So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Schließlich war meine Entscheidung gegen den Plot keine pragmatische, sondern eine grundsätzlich-ästhetische gewesen. Aber sie hatte recht: es ist wirklich schwer, in dreißig Minuten eine Geschichte zu erzählen, die einigermaßen komplex und emotional tiefgehend ist. Nicht umsonst dauern Spielfilme mindestens 80 Minuten.

Die Zeit vergeht in verschiedenen Kunstgenres unterschiedlich schnell. In der (konzertanten) Musik ist es schließlich durchaus möglich, in 20 Minuten etwas tiefes und komplexes zu erzählen. Der Film braucht für dieselbe Menge an Informationen, Charakterisierungen und turning points die vierfache Menge Zeit.

Es ist allerdings nicht so, dass die Zeit im Film in jeder Hinsicht langsamer verginge. Ein 80minütiger Film mag relativ gesehen genauso lang sein wie ein 20minütiges Streichquartett – die Tatsache, dass er absolut gesehen viermal so lang dauert, wirkt sich doch signifikant auf seine Rezeption aus.

Denn je länger ein Kunstwerk dauert, desto länger setzen wir uns ihm aus, desto mehr Lebenszeit investieren wir, desto tiefer kann uns das Kunstwerk in seine Welt hineinziehen. Ein vierzeiliges Gedicht mag tief und berührend sein – aber nach vier weiteren Sätzen werden wir es vergessen haben. Demgegenüber wirkt eine Symphonie wesentlich länger nach – wenn sie uns beeindruckt hat, werden wir wohl kaum zwei Minuten später schon wieder das Radio einschalten. Ein guter Film kann einen sogar den ganzen Abend umtreiben. Als Faustregel würde ich sagen, dass die Nachwirkung eines Kunstwerks (immer vorausgesetzt, es berührt einen überhaupt) ungefähr ebenso lange dauert wie das Kunstwerk selbst. Wir gleichen sozusagen einer Kondensatorplatte, welche die elektrische Energie, die sie aufgenommen hat, in ebenderselben Zeit wieder abgibt.

Das führt uns in der Konsequenz zu einer bemerkenswerten Erkenntnis: die Wirkmächtigkeit der verschiedenen Kunstgenres ist unterschiedlich groß. Die genannten Genres ordnen sich, aufsteigend, ungefähr wie folgt: Gedicht – Lied – konzertantes Musikstück – Film/Theater/Oper – Roman.

Dem Roman kommt dabei erstaunlicherweise der Spitzenplatz zu. Schon an einem 120seitigen Kurzroman liest man normalerweise mehrere Stunden oder einen ganzen Tag. Ein tausendseitiger Wälzer braucht mehrere Dutzend Stunden reine Lesezeit – wobei hinzukommt, dass man die Lektüre immer wieder unterbricht, ohne dass einen das Buch in der Zwischenzeit völlig aus seinen Fängen ließe – was, abgesehen vom seltenen Fall mehrteiliger Filme und Opern, ein Alleinstellungsmerkmal der epischen Dichtung ist. So brauchen wir für ein tausendseitiges Buch insgesamt mehrere Wochen oder gar Monate. Damit kann keine andere Kunstform mithalten.

Das entspricht auch meiner subjektiven Wahrnehmung. Es hat Romane gegeben, nach deren Lektüre ich eine ganze Woche lang nicht fähig war, ein anderes Buch in die Hand zu nehmen. Das ist mir weder mit Kompositionen noch mit Filmen je so gegangen. Und es stimmt mich als Komponist etwas traurig, dass selbst mein größtes, ausgreifendstes, universellstes Werk – so ich es denn einmal schreiben sollte – vor den Romanen der Weltliteratur immer wie ein Zwerg dastehen wird…

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