Wenn man unter allen Arschlöchern der Bildzeitung das Oberarschloch wählen sollte,

Oskar Gröning

Oskar Gröning

…dann wäre Franz Josef Wagner, Autor der Kolumne „Post von Wagner“, ein heißer Kandidat. Gestern nahm er sich Oskar Gröning vor, den 93jährigen ehemaligen Auschwitz-Buchhalter, der sich derzeit vor dem Lüneburger Landgericht verantworten muss – und macht sich dabei auf ekelhafte Weise ein Stilmittel zunutze, das eigentlich von Heinrich Heine stammt.

Heines Gedicht „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ hat mich immer fasziniert. In den ganzen sechs Strophen ist eigentlich nur die allererste und die allerletzte Zeile von Bedeutung. Die erste Zeile ist der Gedichttitel – „Mein Herz, mein Herz ist traurig“ – und anschließend folgen fünfeinhalb Strophen Belanglosigkeiten: „Doch lustig leuchtet der Mai … Lusthäuser, und Gärten, und Menschen, und Ochsen, und Wiesen, und Wald … die Mägde bleichen Wäsche und springen im Gras herum…“ – bis dann die letzte Zeile unvermittelt reinhaut: „Ich wollt, er schösse mich tot.“

Heine vollbringt das Kunststück, fast sechs Strophen lang den Eindruck zu erwecken, es handle sich um ein echt belangloses, im Grunde total schlechtes Gedicht: nur um dem Leser ganz am Ende derartig eins über die Rübe zu geben, dass sich seine Wahrnehmung rückblickend komplett ändert.

Nach exakt demselben Muster baut Franz Josef Wagner seinen Brief an Oskar Gröning auf.

„Wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen stehen Sie seit gestern vor dem Landgericht Lüneburg“, beginnt der Text. Auf diesen bedeutungsschweren Einstieg folgt eine Kette von Trivialitäten: „Sie schafften sich einen Dackel an … Ihr Haar wurde weiß … Vater, Opa, Schaukelstuhl“. Schließlich der unvermittelte Finalsatz: „Ja, ich würde den 93-Jährigen ins Gefängnis stecken.“

Fällt es jemandem auf? Der Text hatte als Brief begonnen. Wagner sprich Gröning mit „Sie“ an. Am Ende ist daraus ein anonymer „93-Jähriger“ in der dritten Person geworden. Wagner spricht nicht mehr mit ihm, sondern über ihn. Gröning hat keinen Namen mehr, sondern nur noch eine Kennzahl. Mehr ist der Übeltäter nicht wert. Und das in einem Text, der über Auschwitz geht.

Gröning ist kein Sympathieträger. Er sich schuldig gemacht, und man darf ihn hart kritisieren. Dennoch bleibt er ein Mensch. Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor hat das verstanden. Sie hat ihm verziehen und ihm vor Gericht die Hand gereicht.

Franz Josef Wagner hingegen hat nichts verstanden. Er sät Hass. In kunstvollster Weise. Mit Verlaub, Herr Wagner – siehe Überschrift.

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