Warum man van Gogh nicht auf eine einsame Insel verbannen darf

Riesenratte

Riesenratte

Auf einsamen Inseln gibt es das Phänomen des sogenannten Inselgigantismus: Mäuse, Ratten und andere Tiere, die wir Festländer als so klein und schnuckelig kennen, wachsen binnen weniger Generationen auf zwei bis drei Meter Länge an – und wenn man zufällig Abenteurer ist, kanns einem passieren, dass man da gerade einen idyllischen Südsee-Archipel entdeckt hat, und dann – schwupps! – lugt einem eine zweihundertkiloschwere graubärtige Riesenratte über die Schulter.

Das Inselgetier gibt sich nämlich, seiner natürlichen Feinde beraubt, dem Müßiggang hin, steckt seine evolutionäre Energie statt in raffinierte Weiterentwicklungen in schiere Größe, und dann liegen die Burschen den lieben langen Tag im Gras und lassen sich die Sonne auf ihren Fünfquadratmeterpelz brennen.

Das gleiche Phänomen gibts auch in der Kunst. In einem spenglerianischen Zusammenhang würde man den Gigantismus wohl den Epochen der Dekadenz zuordnen, aber das spielt eigentlich keine Rolle, zumal der Mechanismus derselbe ist wie im Tierreich – man muss sogar, um künstlerischen Gigantismus zu finden, noch nichtmal zum Pazifik fahren, auch nicht bis nach Dubai oder zu den neobarocken Palästen russischer Oligarchen, sondern einfach nur vor unsere eigene Haustür: nach Polen.

Dort entsteht nämlich gerade der Film „Loving Vincent“, der weltweit erste Animationsfilm aus Ölgemälden, van-Gogh-Gemälden nämlich, von denen derzeit an die 60.000 angefertigt werden, um sie dann zu einem riesigen, abendfüllenden Film zu verwursten. Der erste, der größte, der aufwendigste – die Gigantismus-Alarmglocken leuchten bereits rosarot, bevor wir uns den Trailer ansehen und feststellen: JAWOHL!!! Genauso machts die graubärtige Riesenratte auch.

Denn die evolutionäre Weiterentwicklung der Vincent-van-Gogh-Standbilder († 1890) zu Vincent-van-Gogh-Bewegtbildern (* 2015) könnte ja durchaus auch raffiniert geschehen. Zumindest für mich als Laien würde naheliegen – ach was: sich förmlich aufdrängen! –, dass man die explosive Bewegungsenergie, welche den vangoghschen Gemälden so unverwechselbar eignet, entfesselt und die tausend Pinselstriche flitzen, beschleunigen, krachen und zerstieben lässt, ebenso wild und anarchisch wie das Original suggeriert.

Aber nein! Bei „Loving Vincent“ verlaufen die Bewegungen – zumindest im Trailer – genauso glatt und langweilig wie in einem x-beliebigen Disneycartoon. Der Film will dementsprechend auch einfach nur die letzten Tage im Leben van Goghs erzählen.

Wie schade! Welche Möglichkeiten wurden verschenkt! Wie viel interessanter wäre doch ein fünfminütiger Kurzfilm gewesen, der formal kreativ mit der Van-Gogh-Ästhetik umgeht, als ein gigantisches abendfüllendes Leinwandepos, das ästhetisch nichts zu sagen hat. Für das Gigantismus-Projekt mag es – da es ja das erste, größte und aufwendigste ist! – kurzfristig Geld geben. Für die Kunst ist es aber dasselbe wie die pazifische Riesenratte für die Evolution: eine Sackgasse.

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