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So entspannt war er nicht immer...

So entspannt war er nicht immer…

Neulich unterstellte einer meiner Freunde einem anderen Freund „Überemotionalität“. Ich widersprach zunächst: denn der der Überemotionalität geziehene Freund ist in Wirklichkeit ein ganz ausgeglichener Kerl, dem nur ausnahmsweise (aus durchaus verständlichen Gründen) mal der Kragen geplatzt war.

Erst ein paar Tage später fiel mir ein, was für ein unmögliches Wort das eigentlich grundsätzlich ist: „Überemotionalität“ – suggeriert es doch, es gäbe ein bestimmtes Maß an Emotionalität, das gut und gesellschaftlich akzeptabel ist, alles Darübergehende sei hingegen bäh.

Ich musste unmittelbar an eine Formulierung denken, die ich vor Jahren mal in meinem Reclam-Konzertführer gelesen hatte:

Mahlers Sucht, die innere Überspannung der Gefühle in exzessiven musikalischen Entladungen abzureagieren, tritt in der 6. Sinfonie wieder störend in Erscheinung.

Ein durchaus verwegener Satz – vor dem Hintergrund, dass es sich bei Mahlers 6. Sinfonie um eine der großartigsten Schöpfungen der Musikgeschichte handelt…

Bezeichnend ist, dass es zu den Adjektiven „überemotional“ und „überspannt“ keine Gegenbegriffe gibt, die emotionale Mediokrität brandmarken. Es gibt wohl abwertende Wörter fürs andere Extrem („kalt“, „gefühllos“), aber nichts, um das Dazwischen zu bezeichnen: Das langweilige Mitschwimmen im emotionalen Mainstream – über nette Witze lachen (sofern sie nicht zu krass sind), sich herzlich freuen (aber nicht gar zu ausgelassen), trauern (aber sich nicht drin verlieren).

Diese Wortschatzlücke lässt tief blicken. Emotionaler Extremismus ist in unserer Sprache, in unserer Welt nicht vorgesehen. Allenfalls Künstler dürfen mal ausrasten – sofern sie bei der Gelegenheit Jahrhundertwerke hervorbringen. Wenn es nach dem Reclamautor geht, noch nicht einmal sie. Eine traurige Welt… äh, pardon: WIE BESCHEUERT IST DAS DENN!?!?!!!!

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