So stellt sich Herr Lammert Kunst vor

Norbert Lammert lädt Wolf Biermann in den Bundestag ein und verbietet ihm gleichzeitig den Mund: „Sobald Sie für den Deutschen Bundestag kandidieren und gewählt werden, dürfen Sie hier auch reden. Heute sind Sie zum Singen eingeladen.“

Eine seltsam verquere Auffassung von Kunst. „Sing uns doch nochmal deine netten Stimmungslieder, Wolf. Aber bitte tu uns nicht weh dabei!“

Ich bin nun wirklich kein spezieller Freund von politischer Musik. Auch Norbert Lammert braucht politische Musik nicht zu mögen. Aber wenn er einen politischen Sänger wie Biermann in den Bundestag einlädt, dann muss er ihn gefälligst auch ernstnehmen.

Ist Lammert ernsthaft der Auffassung, „Singen“ und „Reden“ ließen sich in Biermanns Musikauffassung trennen? Denkt er, das Singen eines Lieds im Bundestag sei für Biermann kein politischer Akt? Für so naiv habe ich ihn eigentlich nie gehalten. Biermann erwidert das einzig richtige: „Ich hab mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt, und das werd ich hier schon gar nicht tun.“

Mit dem Unterschied, dass die DDR Biermann schikaniert und ausgebürgert – aber damit auch ernstgenommen hat. Der zweitoberste Staatshüter der Bundesrepublik Deutschland hofiert ihn, will ihn aber gleichzeitig zum harmlosen Schunkelsänger degradieren.

Biermanns Musik interessiert mich nicht sonderlich. Aber ich finde es fatal, was für ein Kunstverständnis die obersten Institutionen unserer Demokratie hier an den Tag legen: Bitte nicht weh tun. Bitte nichts in Frage stellen. Bitte keine Probleme schaffen. Bitte nicht gegen die Geschäftsordnung verstoßen.

Von solchen Bürokraten will ich nicht regiert werden.

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