Tanzende Ampelmännchen: Die Verbürgerlichung der Avantgarde

Vor kurzem stieß ich per Zufall auf das nebenstehende Video. Ich hatte erstmal keinen Zweifel, dass es sich bei dem tanzenden Ampelmännchen um eine Aktion junger portugiesischer Künstler handelte. Stimmte aber nicht. Der Autobauer smart steckte dahinter.

Meine Verwechslung ist interessant, denn das Video hätte ohne weiteres die Dokumentation einer freien Kunstaktion sein können. Über ganz ähnliche, nette, unaufgeregte Aktionen stolpere ich alle Nase lang. Im Jahre 2014 können offenbar die PR-Maßnahmen eines Großkonzerns und die Überbleibsel der künstlerischen Avantgarde ununterscheidbar zusammenfallen.

Die Leute von smart operieren geschickt mit den Versatzstücken der klassischen Aktions-, Konzept- und Installationskunst:

  • Die Aktion findet im öffentlichen Raum statt und verändert die Wahrnehmung desselben.
  • Alle, auch Nichtkünstler, können am Projekt mitwirken.
  • Menschliche Aktionen werden in Echtzeit technisch verarbeitet.

Die Zielsetzung ist aber eine völlig andere: Es werden keine neuen Perspektiven geöffnet, sondern nur bekannte Perspektiven modifiziert. Der Betrachter/Teilnehmer der Aktion begibt sich nicht auf unbekanntes, gefährliches Terrain – sondern es soll gerade das geltende System (in diesem Fall die Straßenverkehrsordnung) bestätigt werden. Das Video endet dann auch mit den eingeblendeten Sätzen:

The result? 81% more people stopped at the red light. And they even had fun doing so. FOR MORE STREET SAFETY. SMART.

You see? Du kannst moralisch gut sein und trotzdem Spaß dabei haben. Deine Welt bleibt heil. Du mussst Dein Leben nicht ändern. Welcome to Spießerland.

Das wäre an sich nicht schlimm – smart ist schließlich ein Autohersteller und keine Künstlergruppe. Schlimm ist nur, dass sich viele wirkliche Kunstaktionen in ihrer Spießigkeit in nichts davon unterscheiden. Sie sind in der Regel nur schlechter gemacht.

Die Mittel der Aktions- und Konzeptkunst werden allzuoft als Kanon begriffen, dessen Befolgung für Avantgarde garantieren soll. Wer Kunst im öffentlichen Raum macht, normale Leute einbindet und Realtime-Technik verwendet, sieht sich damit automatisch an vorderster Front der Kunst.

Das ist natürlich Quatsch.

An vorderster Front steht regelmäßig nur der, der den Kanon aufbricht. Der unbekanntes Terrain beschreitet und seine Zuhörer, Teilnehmer und Mitstreiter mithineinlockt. Der Wagnisse eingeht und damit auch schmerzhaft scheitern kann. Der aber in jedem Fall als anderer Mensch wieder aus der Sache rauskommt.

Das kann eine Aktion im öffentlichen Raum ebenso leisten wie ein Streichquartett im Kammermusiksaal der Philharmonie. Das Material ist unerheblich – heute mehr denn je. Wer als Performer auf einen Liedkomponisten herabsieht, weil er eben Performer ist und der andere nur ein Liedkomponist, für den gilt ungefähr dasselbe, was der Journalist Ulf Poschardt bereits 2012 über die damalige First Lady Bettina Wulff geschrieben hat:

Der zeitgenössische Spießer verachtet Spießer. Am alten Spießer reibt sich der neue, um darin seine eigene Fortschrittlichkeit zu entdecken und zu bestätigen. Er versteht, ganz der Logik des Spießbürgerlichen gehorchend, das Spießertum als einen festen Kanon, weniger eine Struktur, die Welt wahrzunehmen, um sich in ihr anpassend zurecht zu finden.

Ich entschuldige mich in diesem Sinne für das spießige Video oben und verspreche, bald wieder aufregenderen Content zu liefern!!

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Kommentare

Tanzende Ampelmännchen: Die Verbürgerlichung der Avantgarde — 2 Kommentare

  1. Entschuldigung angenommen. Natürlich Zustimmung. Vermutlich muss man das zyklisch sehen: Auf die Revolte folgt das Eigenheim. Außerdem frisst der konsumistische Mainstream alles (und spuckt es dann massenkompatibel wieder aus).

    • nun, alles frisst er nicht – manches lässt sich leichter fressen als anderes. Marina Abramovic, um bei der Aktionskunst zu bleiben, lässt sich z.B. sehr schwer fressen.

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