Die erstaunlichen Hinhaltemanöver des Oscar Peterson

Oscar Peterson

Oscar Peterson

Nachdem ich bereits einiges über gute Schlüsse geschrieben habe, heute mal was zu guten Anfängen.

Seit Homerens Kaltstart und Horazens höchstrichterlicher Billigung desselben gilt selbstverständlich der In-medias-res-Anfang als eine der besten Eröffnungen schlechthin. Oscar Peterson macht in einem Stück nun genau das Gegenteil – allerdings auf ebenso großartige Weise: er gaukelt dem Hörer mindestens ein halbes Dutzend Mal einen Anfang vor und weicht ihm ebensooft aus.

Es handelt sich um seine Einspielung von Tom Jobims Klassiker „Wave“ (1969) aus dem Album „Motions and Emotions“ von 1969. Da die Aufnahme auf YouTube offenbar regelmäßig gelöscht wird, stelle ich sie hier auf meinem eigenen Webspace zur Verfügung – nur für mozartzuvielenoten-Leser und selbstverständlich völlig illegal (Knastbesuche erbeten)!!!!!

Die Aufnahme geht los mit diesem brasilianischen Schütteldingsbumsinstrument, dessen Namen ich regelmäßig vergesse. Da denkt man: Ah, klar, Vorspann. Dann setzt ein einsames Streicher-Fis ein, und man denkt: Na, immer noch Vorspann, aber gleich wirds losgehen. Und dann führt das Fis chromatisch zum F, und dann kommt dieser Streicherakkord, und die Gitarre setzt ein. Der Grundrhythmus ist etabliert, der volle Klangraum ist da. YES!

Aber geht das Stück jetzt los? Nix da!! Der Akkord ist instabil. Der Bass führt Stufe um Stufe chromatisch weiter abwärts. Ah! Da setzt die Melodie ein. Wer das Original kennt, erkennt sogleich das Thema von „Wave“. Aber hä? Die Harmonisierung ist anders. Wieder kein Anfang. Und die Akkorde führen chromatisch immer weiter ins Nirvana.

Dann endlich: Bei Minute 0’24 wird eine Art Quartsextakkord erreicht – sieh da, die Grundtonart! Gleich kanns losgehen! Denkste. Es geht chromatisch wieder hoch. Dann wieder runter. Wieder hoch. Und dann – sooo: bei Minute 0’38 wird ein quasidominantischer 11-13-Akkord erreicht – der Vorbote der Grundtonart! Gleich kanns nun wirklich losgehen! Pustekuchen: Es geht wieder chromatisch hoch! Ein billiger Trick, zweimal dasselbe? – Doch in just demselben Moment, wir schreiben Minute 0’43 ——— da setzt das Klavier ein: Oscar Peterson, der Star! Endlich! Das Stück hat begonnen!

Und er spielt und spielt, und die Streicher begleiten sanft, und zwei Harmonien wiederholen sich, und Peterson wiederholt sich, und sein Spiel wird immer floskelhafter und redundanter… und wir merken: Nee. Das Stück hat IMMER NOCH NICHT begonnen! Und das zieht sich bis 0’56 hin. Dann erst spielt Peterson den Auftakt der Wave-Melodie. Und diesmal stimmt auch die Harmonie. Und die Fortsetzung stimmt auch. Jetzt hat das Stück wirklich begonnen – und wird bis zum Ende durchgespielt.

Der knapp einminütige, aber unendlich lang wirkende Anfang triezt den Hörer wie der Maiskolben den Esel. Wir lassen uns immer weiter in die Musik hineinziehen, bekommen aber nicht, was wir bekommen wollen: Wave. Erst wenn wir hoffnungslos im Sumpf drinstecken, geht es los. Eine unglaublich raffinierte Eröffnung.

*

Nicht minder grandios ist allerdings das Ende. Es nimmt fast die ganze zweite Hälfte der Aufnahme ein – von Minute 3’43 bis 6’05 – und bildet gewissermaßen das Spiegelbild zum freischweifenden Anfang. Wie sich die erste Minute dem Anfang verweigert, so verweigern sich die letzten zweieinhalb Minuten dem Ende. Nach einer sehr kurzen Fortspinnungsphase bleibt ab 3’51 der Klang einfach stehen – über einem Quartsextakkord füllt Peterson wild Ramsch, Müll und Floskeln auf – nichts passiert, nichts geht voran –– aber alles beginnt zu leuchten.

Nach einer schier endlosen Phase des Stillstands scheint sich ab 4’25 doch etwas zu bewegen: der Akkord ändert sich – doch in Wahrheit tut sich nichts, denn die wandernden Akkorde folgen genauso ziellos freischweifend aufeinander wie vorher ihre Geschwister am Anfang des Stücks. So ist das ganze lange Ende ein einziges Sichverströmen von Klang und Melodie – ohne Sinn, ohne Funktion, ohne Richtung.

Der Effekt ist – gerade im Kontrast zur funktional raffinierten Einleitung und zum funktional traditionellen Hauptteil – enorm.

Ich habe lustigerweise – ohne damals an Petersons Aufnahme (die ich bereits kannte) zu denken – 2011 in Tiefflug etwas ganz ähnliches gemacht (als vage Inspirationsquelle für die Klanglichkeit, wenn auch nicht für den formalen Kontrast, fungierte damals limited approximations von Georg Friedrich Haas…)

Die ersten sieben Minuten des Stücks sind ausgesprochen kleingliedrig und voll von sehr schnell wechselnden Stimmungen – wie man es eben erlebt, wenn man durch die Frontscheibe eines Tieffliegers blickt und die Welt an einem vorbeiwirbelt. Dann aber erstarrt der Klang plötzlich im fortissimo und beginnt zu strahlen und zu strömen. Ich habe damals tatsächlich immer wieder ein YouTube-Video von einem Tiefflieger gesehen, der erst über eine zerklüftete, canyonartige Landschaft fliegt und dann plötzlich abdreht und über einen See dahingleitet, in dem sich funkelnd die Sonne spiegelt. Die objektive Geschwindigkeit bleibt die gleiche – doch ihre subjektive Empfindung ändert sich fundamental.

Hier der entsprechende Ausschnitt (der Übergang passiert bei Minute 0’23):


(EIC Paris / A. Perez)

Musik wird erst durch dieses Spiel mit der Wahrnehmung, mit Erwartungen, Enttäuschungen und Überraschungen interessant. Keins der Phänomene für sich wäre aufregend. Erst die unerwartete Kombination wird faszinierend.

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