Die Einsamkeit des WEEER?

Woher ist das Zitat?Vor ein paar Tagen sah ich beim Radeln aus dem Augenwinkel ein Plakat mit den fettgedruckten Worten:

Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss.

Zuhause klärte mich das Internet darüber auf, dass es sich um einen gerade anlaufenden Film handle. Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen.

Stattdessen will ich auf die Assoziationen dieses Titels hinaus. Er ist nämlich „zitatförmig“. Will heißen: Man merkt sofort, dass da etwas zitiert wird – aber nur was?

Auf das erste Zitat, das mir im Kopf spukte, kam ich relativ leicht: „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ von Alan Sillitoe.

Aber die Fortsetzung „vor dem Schuss“? Wo kommt die her?

Erst nach einer Weile Nachdenken fiel mir Peter Handke ein: „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Eine negative Emotion + Genitiv + adverbiale Bestimmung mittels Präposition. Genau dieselbe Konstruktion.

Ob das den Machern des Films klar war? Oder ob sie an ganz andere Titel dachten, die ich vielleicht überhaupt nicht kenne?

Ich gebe zu: ich habe zwar nicht vor, den Film anzuschauen, aber prinzipiell mag ich diese Zitatförmigkeit. Sie entspricht meinem eigenen ästhetischen Denken. Ständig Bezüge andeuten, Perspektiven wechseln, Täuschen, Spielen, Irritieren. In der Musik sind das eher Stilzitate – wörtliche Zitate wirken meist zu plump. Eine spätromantisch angehauchte Pathosgeste, die in einer ironischen Neue-Sachlichkeits-Floskel verblubbert, bevor eine musique-concrete-Explosion alles hinwegfegt… man hat ständig das Gefühl, hinter dem kurz weggerissenen Vorhang träumt noch eine ganze Welt. Das schafft Tiefe. Das schafft Geheimnis – und bleibt dennoch ganz leicht und locker und unverbissen.

Leider finde ich den Filmtitel trotzdem nicht gut.

Weshalb?

Er ist unentschlossen. Sillitoes „Einsamkeit des Langstreckenläufers“ kreiert ein verdichtetes, emotional widersprüchliches Bild: Einsamkeit – das assoziiert man mit Zuhausesitzen, Nichtstun, Sichlangweilen, Antriebslosigkeit. Langstreckenlauf – das assoziiert man mit Hochleistung, Wettbewerb, Gemeinschaft, Sportsgeist. Die beiden Begriffe widerstreben sich, und dennoch weiß man in ihrer Kombination sofort, was gemeint ist. Der Titel geht auf.

Handkes „Angst des Tormanns beim Elfmeter“ ist weniger komplex. Der Titel ist in seiner Schlichtheit aber völlig stimmig. Er ist nicht paradox, aber er geht – gerade deshalb – trotzdem auf.

„Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss“ ist nun leider weder elaboriert noch schlicht. Der Kontrast von „Einsamkeit“ und „Killer“ suggeriert zunächst eine paradoxe Konstruktion nach dem Muster Sillitoes. Die Fortsetzung „des Killers vor dem Schuss“ ist aber eine erwartbare, unreflektierte Begriffskombination wie bei Handke.

Der Filmtitel kann sich nicht entscheiden, was er will. Seine Zitatförmigkeit eröffnet uns keine dunkel aufblitzende Welt, sondern nur zwei phasenverdrehte Assoziationsräume, die sich gegenseitig auslöschen.

 

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