Den Schrei zerschneiden, oder: Warum sich Musik so schlecht ändern lässt

Als ich im Sommer 2012 an meiner Oper komponierte, habe ich den Schrei zerschnitten.

Nuja, nicht denjenigen, den meine Sänger zum Leidwesen ihrer Stimmbänder auf der Bühne von sich geben mussten, sondern den Munchschen. Ich fühlte mich durchaus als übler Kunstbanause, doch es diente hehren pädagogischen Zwecken: Ich wollte meinen Teamkollegen zeigen, wie fundamental sich Text und Musik unterscheiden.

Bei Texten – das sehe ich auch selbst, wenn ich hier auf dem Blog schreibe – ist man ja gewohnt, hinterher noch drinherumzufuhrwerken. Da streicht man hier einen Satz, schiebt dort einen Absatz ein, stellt Teile um, kürzt, staucht, dehnt, ergänzt, was das Zeug hält. Seit man nicht mehr mit der Hand schreibt, geht das alles noch viel einfacher.

Bei Musik tut man das viel weniger. Normalerweise gilt da der alte Schafkopf-Spruch: Was liegt, das pickt. Wenn eine Note es erstmal in die Partitur geschafft hat, ist ihre Überlebenswahrscheinlichkeit ungleich höher als diejenige eines Worts, das in einen Text geschrieben wird.

Wie kommt das?

Um das zu erklären, habe ich den Schrei zerschnitten. Er sieht im Original – bzw. in einem kleinen Teil des Originals – so aus:

Edvard Munch: Der Schrei (Ausschnitt)

Nun nehmen wir an, dem Maler fehlte noch „ein bisschen Grün“ im Bild. Er schneidet es also entzwei und markiert die Stelle, wo das Grün rein soll:

munch-schrei-2

Nun muss er die Lücke sinnvoll schließen. Dabei tun sich einige Probleme auf. Da führen z.B. diese gelb-orangenen Linien schräg aufwärts. Links und rechts vom Einschub sind sie allerdings auf gleicher Höhe. Was soll er machen? Sie horizontal rüberführen? Das wäre inkonsequent und unorganisch. Sie wieder kurzzeitig nach unten führen und dann wieder hoch? Na ob er das plausibel hinkriegt… Er könnte aber vielleicht stattdessen den rechten Teil zur Gänze nach oben verschieben? Dann ragt der aber mit seiner oberen Kante nach oben heraus. Soll er dann das ganze Bild höher machen, d.h. das auch im linken Teil noch ergänzen? Hm… Und was ist überhaupt mit diesem gelben Spitz unten, der direkt auf das schwarze Loch zeigt? Diese Logik ist durch den Einschub auch futsch. Also vielleicht das schwarze Loch nach links verschieben? Was kommt dann aber dahin, wo das schwarze Loch bisher war? So gebiert jedes Problem ein neues Problem, sodass es das einfachste wäre, den rechten Teil einfach ganz neu zu malen.

Mit Musik ist es ganz ähnlich. Der fundamentale Unterschied zwischen Musik und Text ist, dass in der Musik immer mehrere Prozesse gleichzeitig ablaufen. Greift man in einen Prozess ein, zieht man zehn andere in Mitleidenschaft.

Nun wird freilich jeder Dichter widersprechen und sagen: Das passiert doch in der Literatur genauso!

Gewiss. Es gibt zweifellos in Texten Entwicklungen, die sich überlagern: Text und Subtext, Rhythmus, Stilhöhe, Syntax, Inhalt können jeweils ganz eigene Muster ausbilden. Deren Überlagerung geschieht aber nur in der gedanklichen Abstraktion. In materialer Hinsicht folgt Wort auf Wort. Niemals erklingen mehrere Wörter gleichzeitig.

Es gibt in der Musik ein vergleichbares Phänomen: die immanente Mehrstimmigkeit. Eine Melodie wird dabei gedanklich zerlegt – aus ihren Tief- und Spitzentönen werden zwei neue Melodien zusammengesetzt. Eine immanent dreistimmige Melodie (die Zentralfigur aus meinem sacred river) sieht dann etwa so aus:

Immanente Mehrstimmigkeit

Material gesehen klingt jedoch stets nur ein Ton gleichzeitig.

Wollte man diese Melodie erweitern, müsste man sicherlich behutsam vorgehen, um die fragilen Korrespondenzen zwischen den drei Ebenen nicht zu zerstören. Man müsste ähnlich behutsam vorgehen, wenn man einen gut formulierten Satz verlängern wollte. Aber beides ist ungleich einfacher, als in eine Partitur mit ihren unzähligen gleichzeitig materialiter ablaufenden Ebenen einzugreifen.

Eine Partitur ähnelt dem obigen Ausschnitt aus dem Schrei. Da geht es nicht nur um eine Linie, sondern um Dutzende, die noch nichtmal klar voneinander getrennt sind, sondern ineinander übergehen und vielfach aufeinander bezogen sind.

Drum lässt sich Musik so schlecht ändern. Und darum sollte jeder Komponist genau achtgeben, was er schreibt!!

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