Mozart und die Menschenfresser

Reise-, komponier- und endprobenbedingt war es in den letzten Wochen auf diesem Blog, nunja, etwas ruhiger – jetzt aber geht es wieder mit voller Kraft weiter! Mein neues Stück ist nämlich fertig und wird genau heute in einer Woche, am 4. November um 19:30 Uhr in den Sophiensaelen Berlin uraufgeführt! (alle Details gibts hier!).

Worum gehts in der neuen Komposition?

Ganz einfach: um

Die fantastische Musik, die jeder Mensch hören kann, aber nicht aufzuschreiben vermag

Was das heißen soll?

Der erste Sentinelese, der nach dem Tsunami 2004 fotografiert wurde

Der erste Sentinelese, der nach dem Tsunami 2004 fotografiert wurde

Machen wir dazu einen Umweg. Kennt jemand die Sentinelesen? Das ist das isolierteste Volk der Welt. Sie leben auf einer kleinen Insel, die nominell zu Indien gehört. De facto sind sie aber unabhängig und wehren alle Besucher mit tödlichen Pfeilen ab. Seit 1997 hat die indische Regierung jeglichen Versuch der Kontaktaufnahme untersagt.

Wir wissen praktisch nichts über dieses Volk. Gerade das macht sie so faszinierend. Wir würden gerne mehr über diese Leute wissen, die sich aus eigener Kraft unserer Zivilisation widersetzen. Doch in dem Moment, wo wir mehr über sie wüssten, würden sie Teil unserer Zivilisation werden, und damit würden sie ebendiese Faszination verlieren.

Die Sehnsucht ist nur stark, solange wir das, wonach wir uns sehnen, nicht haben.

Der Theologe Karl Barth (der wie sein Theologenfreund Hans Urs von Balthasar und dessen Schüler Joseph Ratzinger ein großer Mozart-Fan war) hat einmal gesagt, wenn die Engel unter sich seien, würden sie Mozart spielen. In der unbeschwerten Mühelosigkeit der mozartischen Musik erblickte er ein Sinnbild des Himmels.

Das ist richtig und falsch zugleich.

Richtig: denn das Sehnsuchtsbild der mozartischen Musik, die überirdische Heiterkeit, Leichtigkeit und Freude, die Harmonie zwischen allen Dingen, die Läuterung allen Leids – das ist schon ein rechtes Sehnsuchtsbild des Paradieses.

Falsch: denn – hm: obwohl dieser Blog Mozart im Namen trägt und ich in meinem neuen Stück die Jupitersymphonie verwurschte, muss ich gestehen: eigentlich finde ich Mozart ein bisschen langweilig. In einem mozartischen Himmel würde es mir wahrscheinlich so ähnlich gehen wie dem ‚luja-singenden Münchner im selbigen.

Mozart ist – wie die Sentinelesen – nur dann faszinierend, wenn wir ihn nicht haben. Wenn er fern ist wie die Musik der Engel, wenn wir ihn nur durch einen Schleier hören.

Und genau darum geht es in meinem Stück.

Die fantastische Musik, die jeder Mensch hören kann, aber nicht aufzuschreiben vermag – das ist eine Musik, die wir nicht haben. Das ist die Musik, die jeder in seiner Fantasie hat – ich hatte wirklich in meiner Kindheit einmal ein volles Symphonieorchester im Kopf, das eine großartige unbekannte Mozartsymphonie spielte (andere Leute haben mir schon ähnliches erzählt) – es ist aber auch die Musik, die per se nicht aufschreibbar ist, weil sie flüchtig, aus dem Augenblick geboren und im selben Augenblick verklungen ist: improvisierte, fantasierte Musik – es ist aber auch die Musik, die sich der Notenschrift grundsätzlich entzieht, weil sie nicht über Notenschrift, sondern über additive und subtraktive Synthese entsteht: elektronische Musik.

Alle drei Arten unverfügbarer Musik gibt es in meinem Stück. Ausgeglichen und heiter ist das nicht. Der engelgleiche Mozart spielt nur hinterm Vorhang, ganz ganz leise oder viel zu kurz oder viel zu laut oder viel zu schnell oder viel zu langsam, während die improvisierenden Musiker und die überbordenden Synthesizer die fantastische Musik weitertreiben, Klangwelten entwerfen, von denen Mozart nichts ahnen konnte…

Und selbst ich kann nicht immer ahnen, was meine improvisierenden Musiker im nächsten Moment anstellen werden. Die fantastische Musik ist unverfügbar auch für den Komponisten. Aber das ist wieder Stoff für einen anderen Artikel

Ähnliche Beiträge

  • Komponieren mit rohen Eiern29. Oktober 2014 Komponieren mit rohen Eiern Normalerweise bin ich als Komponist ja in der komfortablen Situation, der Diktator zu sein. Die Partitur gehorcht mir - mir und keinem anderen –, ich kann die Töne platzieren und […]
  • Exclusiv für mozartzuvielenoten-Leser: Der Whoosh-Generator29. Oktober 2014 Exclusiv für mozartzuvielenoten-Leser: Der Whoosh-Generator Ein Mittel, um (wie in meinem letzten Post beschrieben) lokale Improvisationen auf der mittleren formalen Ebene zu verankern, ist der Whoosh. Wie? Genau. Der Whoosh. Den Whoosh kennen alle […]
  • Mozart was a Guinness1. Oktober 2014 Mozart was a Guinness YouTube-User Phillip Sajovic erklärt die Welt: Klar, wenn W. A. Mozart natürlich aus 4,1 % vol. reinem Alkohol bestand, ist es kein Wunder, dass er so inspiriert komponierte!!
  • Ab heute bin ich älter als Schubert je wurde12. Juni 2015 Ab heute bin ich älter als Schubert je wurde Zwischen dem 31. Januar 1797 und dem 19. November 1828 liegen 11614 Tage. Zwischen meinem Geburtstag und dem heutigen Tag liegen 11615 Tage. Das bedeutet: Am heutigen wunderschönen, […]

Kommentare

Mozart und die Menschenfresser — 2 Kommentare

  1. Schade, dass ich nicht dabei sein kann. Klingt spannend. Ich machte neulich die Erfahrung, dass, während ich drei Stunden mucksmäuschenstill im Wald saß und ins Dunkel starrte (ich war mit auf Jagd),immer wieder Melodiefetzen in meinem Hirn erklangen.

    Mozart ist für mich mit der größte, auch wenn ich in keinem Himmel sein will, wo pausenlos Mozart gespielt wird; und ich finde die späten Sachen auch nicht nur heiter & harmlos, da klingt doch auch stark etwas Dämonisches und Trauriges an.

    • Du gehst auf die Jagd? So kenn ich Dich ja noch gar nicht…

      Ja, aber selbst in der düsteren g-moll-Symphonie vermeidet Mozart die Extreme. Mit Heiterkeit und Gelassenheit ist wohl genau das gemeint: dass Mozart sich keinem der emotionalen Extreme vollständig hingibt, sondern sie immer nur andeutet (der größte Antipode hierzu wäre wohl Mahler).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.