Komponieren lernen mit Putin

Auf Stimme Russlands habe ich vor kurzem eine Karte zur Ukrainekrise gefunden, die ich für ein kleines Meisterwerk halte:

Ukraine (Stimme Russlands)Was fällt auf? – Genau: Dieser Karte entspricht keinerlei politische oder militärische Realität. Die gelb eingefärbten Gebiete stellen nicht etwa die von den Separatisten kontrollierten Gebiete dar (die sind viel kleiner), auch nicht die Regionen, in denen 2010 Janukowitsch die Präsidentschaftswahl gewann (die sind etwas größer), ebensowenig jene Gebiete, wo Russischsprecher die Mehrheit bilden (die sind etwas kleiner). Nein, die gelb eingefärbten Gebiete versinnbildlichen einfach Putins Traum von einem russisch kontrollierten Schwarzmeerkorridor von Rostow am Don bis Transnistrien. Entsprechend gibt es auf Stimme Russlands auch keine Legende zu der Karte – lediglich die Überschrift „Ukraine-Krise“.

Was fällt NICHT auf? – Ich hab es erst beim dritten Hinsehen bemerkt: die Krim spielt in dem Farbenspiel gar keine Rolle mehr. Sie ist grau unterlegt wie alle anderen benachbarten Länder und sogar unten abgeschnitten. Sie gehört, will uns Stimme Russlands damit sagen, ohnehin nicht zur Ukraine.

Der Trick, die Aufmerksamkeit des Betrachters auf eine schreiende Provokation zu lenken, während im Hintergrund still und leise irreversible Entwicklungen stattfinden, ist außerordentlich geschickt. Über die Macht solcher Kniffe in der Kartografie gab es zu Beginn der Ukrainekrise bereits einen aufschlussreichen Artikel auf Spiegel Online. Doch in der Musik ist das Verfahren nicht weniger effizient. Wie flach und langweilig wirken doch all diese Mainstream-Neue-Musik-Stücke, in denen sukzessive eins nach dem andern kommt: erst hier oben blingelingeling, dann dort unten ritschratsch, dann fluppifloppiflapp in der Mittellage. Erst wenn Prozesse miteinander verzahnt werden, wenn Vordergrund und Hintergrund gegeneinander ausgespielt werden, wenn mit der Aufmerksamkeit des Publikums und mit seinen Hörerwartungen gespielt wird: dann entsteht aufregende Musik. Das können wir von Putin lernen.

Und Musik hat dabei – im Vergleich zu Politik – den entscheidenden Vorteil, solche Manöver friedlich durchführen zu können…

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