Die unaufschreibbaren Melodien

Zugegeben, das Thema beschäftigt mich momentan, weil ich gerade ein Stück komponiere, das sich um unaufschreibbare Musik dreht.

Die Melodien, um die es hier heute gehen soll (ein Handyklingelton und Singin‘ in the Rain), sind natürlich nicht im strengen Sinne unaufschreibbar. Trotzdem vermute ich, dass die meisten Leute, obwohl sie beide Melodien schon x-fach gehört haben und genau im Kopf haben, sie kaum fehlerfrei singen, geschweige denn niederschreiben könnten.

Nehmen wir zuerst den Klingelton. Jeder dürfte ihn schon tausendmal gehört haben:

KlingeltonAber wer wüsste schon genau, wie die Intervalle der großen Sprünge sind? Obwohl wir den Klingelton nicht exakt nachsingen können, hat er sich uns aber durch die Prägnanz von Rhythmus und melodischem Umriss eingeprägt. Das ist seine Stärke.

Bei Singin‘ in the Rain ist es ähnlich. Jeder kann den melodischen Umriss mitgrölen:

Singin in the Rain - Melodischer Umriss

Aber nur wer das Lied etwas besser kennt, weiß die genauen Intervalle. Ironischerweise denke ich, dass das Lied gerade deshalb zum Welterfolg geworden ist. In diesem melodischen Umriss, der sich stärker einprägt als die konkrete Diastematik, liegt die ganze Essenz des Lieds verborgen: die unglaubliche Lebensfreude, das grenzenlose Glücklichsein, von dem der Text spricht.

Das Lied ist wie ein Karussell. Es dreht sich immer im Kreis, ohne Ziel und Zweck, ganz wie der im Regen tanzende Gene Kelly. Und das nicht nur in der Melodie, die ständig nach unten führt, nur um anschließend wieder nach oben zu führen, nur um gleich wieder nach unten zu führen, sondern auch in der Harmonik. Die ersten acht Takte bestehen aus sechs Takten Tonika, die zu zwei Takten Dominante führen. Die nächsten acht Takte bestehen aus sechs Takten Dominante, die zu zwei Takten Tonika führen. Die dritte und vierte Periode wiederholen das Spiel. Die Tonika führt zur Dominante und die Dominante führt zur Tonika und die Tonika führt zur Dominante. Hin und her, her und hin, hin und her und nocheinmal.

Und damit sich nicht der leiseste Hauch eines Ziels, einer Finalwirkung einstelle, enden die melodischen Phrasen nie auf dem Grundton, sondern entweder, beim Abstieg, auf der Sext (in F-dur also auf d) oder, beim Aufstieg, auf der Quint (auf c). Es könnte ewig so weitergehen. Gene Kelly könnte ewig vorwärts und rückwärts durch die Pfützen tanzen – denn, wie wir wissen, dem Glücklichen schlägt kein Doppelstrich…

Die Leistung, die musikalische Form so eng mit dem Inhalt und seiner visuellen Umsetzung zu verzahnen, ist außergewöhnlich. Kein Wunder, dass das Lied ein Hit wurde.

*

Singing in the Rain - Score

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