Gute Schlüsse schreiben (4): Der Back-to-the-roots-Schluss

circulus vitiosus

Ende meets Anfang

Neulich gab es hier bereits Teil 1 bis 3, mit dem Fadeoutschluss, dem Mittendrinschluss und dem Ausweichungsschluss. Mit der Zeit soll hier eine vollständige Sammlung aller menschenmöglichen Schlüsse entstehen – also: dranbleiben!

Heute geht es um den Back-to-the-roots-Schluss. Ich hatte ihn das letzte Mal schon angekündigt und sogar am lebenden Objekt vorgeführt, indem mein Artikel begann:

Der vor kurzem ins 160ste Lebensjahrzehnt eingetretene Richard Strauss war bekanntlich der Ansicht…

und aufhörte mit den Worten:

…die den Effekt deutlich schwächen. Richard Strauss wäre das nicht passiert. Womit wir wieder beim Anfang wären. Aber das ist wieder eine andere Art der Schlussbildung…

Der Back-to-the-roots-Schluss ist naheliegenderweise besonders beliebt im journalistischen Kontext. Da wird also mit irgendeiner Nebensächlichkeit angefangen, um am Ende, nach langen Ausführungen über die Hauptsächlichkeiten, kommt die Nebensächlichkeit wieder, und es klingelt: „ha! hatten wir doch schon!“ – und finito.

Gerne beginnen solche Texte mit einem Einzelschicksal:

Irina hat Tränen in den Augen. Durch den Einmarsch Putins in der Ostukraine hat die 78jährige Obsthändlerin alles verloren.

Und dann geht es lange über die allgemeine politische Lage, um am Ende to the roots zurückzukehren:

Für Irina käme das allerdings zu spät. Wenn sie nicht bald wieder ihre Erdbeeren nach Russland exportieren kann, muss sie ihren Laden zumachen.

In der Musik finden wir den Back-to-the-roots-Schluss beispielsweise in Richard Straussens Till Eulenspiegel. Das Stück beginnt, wie allgemein bekannt, mit einer legendenhaft-erzählenden Melodie, die sozusagen verkündet „hört mir mal zu, ich erzähle Euch eine märchenhafte Geschichte“:

Richard Strauss: Till Eulenspiegel, Noten Anfang

(Zinman/Tonhalle)

Dann geht die Geschichte los, Eulenspiegel eulenspiegelt, wird angeklagt und hingerichtet, baumelt am Galgen, die Musik verebbt – und zuletzt kommt der Erzähler wieder:

eulenspiegel-ende

Dasselbe Thema. Eine kleine Änderung nur, aber was für eine! (und man höre, wie kongenial Zinman das interpretiert!) – Wo die Melodie zuerst offen auf dem Quartsextakkord stehen blieb, schließt sie nun auf der Tonika. Ein schlechterer Komponist als Richard Strauss hätte vielleicht geschrieben:

eulenspiegel-alternatives-ende– aber nein, er lässt die Geigen zum b‘ hinaufschlenkern, ein zusätzlicher ironischer Tupfer mit der Bedeutung: vielleicht habt Ihr das ja alles nur geträumt. Wir sind zurück zu den Wurzeln, der Anfang ist auch das Ende, die Geschichte ist vorbei, jetzt kann die Komposition aufhören.

Bemerkenswert ist, dass dieser „Back-to-the-roots-Moment“ bei Strauss – anders als in den obigen journalistischen Beispielen – noch nicht das allerletzte Ende markiert, sondern lediglich den Beginn des Schlussteils. Das liegt daran, dass es in den journalistischen Beispielen eine Nebensächlichkeit ist, die wiederaufgegriffen wird (Irina und ihre Erdbeeren), bei Strauss hingegen das – durchaus hauptsächliche – Eröffnungsthema. Die Wiederaufnahme ist bei ihm mehr als ein bloßer Schlussgag – darum braucht es noch ein paar Takte mehr, um ordnungsgemäß zum Ende zu kommen.

Der Schlussgag führt sofort zum Ziel. Es gibt ihn bei Strauss durchaus auch – nämlich im Rosenkavalier, wenn nach Abschluss der Handlung der kleine Mohr hereinkommt und das Taschentuch wegträgt.

Somit haben wir zwei Varianten des Back-to-the-roots-Schlusses:

  • Wiederaufnahme eines substanziellen Eröffnungsthemas → das Ende naht,
  • Wiederaufnahme eines nebensächlichen Eröffnungsthemas → das Ende ist da.

Um im Eulenspiegel, der sich für Variante 1 entscheidet, dann tatsächlich zum Schluss zu kommen, verwendet Strauss übrigens den das letzte Mal beschriebenen Ausweichungsschluss. Er weicht kurz in die As-dur-Mediante aus………… dann rast er zurück zur Tonika.

Ähnliche Beiträge

  • Schlüsse schreiben (1–3)15. Juni 2014 Schlüsse schreiben (1–3) Der vor kurzem ins 160ste Lebensjahrzehnt eingetretene Richard Strauss war bekanntlich der Ansicht, nur die ganz Großen (Beethoven, Wagner, Richard Strauss) könnten gute Schlüsse […]
  • Komponistenkrankheiten (1): Gute Schlüsse verpassen27. Januar 2015 Komponistenkrankheiten (1): Gute Schlüsse verpassen Die Artikelreihe "Gute Schlüsse schreiben" (hier Teil eins, zwei, drei und vier) macht grad mal Pause. Stattdessen widme ich mich heute dem Thema: Wie kann man gute Schlüsse am besten […]
  • Komponieren lernen mit Putin8. Oktober 2014 Komponieren lernen mit Putin Auf Stimme Russlands habe ich vor kurzem eine Karte zur Ukrainekrise gefunden, die ich für ein kleines Meisterwerk halte: Was fällt auf? - Genau: Dieser Karte entspricht keinerlei […]
  • Das menschenfressende, mongolische Ungeheuer13. Januar 2017 Das menschenfressende, mongolische Ungeheuer (...Nachtrag zum letzten Artikel…) Furchterregende kreatürliche Urgewalten werden gerne mit bestimmtem Artikel genannt: DER Golem, DER Yeti, DER Minotaurus, DER Schimmelreiter, DER […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.