Rockefeller und der nachgespielte Hitchcock-Thriller

Clark RockefellerIm Moment lese ich ein Buch über Christian Gerhartsreiter, einen bayerischen Hochstapler und Mörder, der in den 90er Jahren in den USA unter dem Namen Clark Rockefeller bekannt wurde und letztes Jahr in Kalifornien zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

So aufschlussreich und faszinierend seine Hochstapler-Karriere gerade aus künstlerischer Hinsicht ist (Walter Kirn, der Verfasser seiner Biographie, ein amerikanischer Romancier und ehemaliger Freund Gerhartsreiters/Rockefellers, zieht nicht umsonst Parallelen zwischen seiner eigenen Künstlerexistenz und der künstlichen Existenz des Hochstaplers) – möchte ich hier dennoch nicht in erster Linie auf die Hochstaplerei eingehen, sondern vor allem auf den Mord von 1985, für den er jetzt verurteilt wurde und der sozusagen als Initationsritus für seine Karriere diente.

Das Motiv, warum Gerhartsreiter/Rockefeller (der damals unter dem Namen Chris Chichester auftrat) seinen Kumpel John Sohus ermordete, ist unbekannt. Bekannt ist lediglich, dass er kurz nach dem Mord einen Spieleabend für seine Freunde organisierte. Einer Besucherin fiel dabei ein »Rechteck oder Streifen mit aufgeworfener Erde« auf, »nicht ganz einen Meter breit und knapp zwei Meter lang«. Auf Nachfrage erklärte Chichester, dort habe ein Klempner gearbeitet. Dann spielten sie weiter Trivial Pursuit.

Christian Gerhartsreiter alias Chris Chichester tat in diesem Moment nichts anderes, als einen Film nachzuspielen. Kenner Alfred Hitchcocks werden es bereits bemerkt haben. Es handelt sich um Rope (in der deutschen Fassung Cocktail für eine Leiche). Zwei junge Männer, die sich unter dem Einfluss Nietzsches für Übermenschen halten, ermorden einen Freund, verstauen ihn in einer Truhe und veranstalten anschließend im gleichen Zimmer eine Cocktailparty.

Hitchcocks Film von 1948, den Gerhartsreiter 1985 live in Szene setzte, war wiederum die Verarbeitung des realen Mordfalls Leopold und Loeb aus dem Jahr 1924. Die reichen und hochbegabten Studenten Nathan Leopold und Richard Loeb ermordeten damals einen 14jährigen Jungen, um das „perfekte Verbrechen“ zu begehen. Nur durch einen Zufall wurden sie gefasst: Leopold verlor am Tatort seine Brille, von der es in ganz Chicago nur drei Exemplare gab.

Auch Gerhartsreiter wurde nur zufällig überführt – als Jahre später auf dem Grundstück, wo er John Sohus verbuddelt hatte, ein Swimmingpool gebaut wurde. Hätte man stattdessen eine Terrasse gebaut, oder hätte Nathan Leopold eine gewöhnliche Brille verloren, wüsste heute niemand von diesen Mordfällen.

Nun – denken wir ein bisschen weiter. Weltweit haben Millionen Menschen Rope gesehen. Wer sagt uns, dass es nicht andere, womöglich Dutzende selbstkreierte Übermenschen gibt, die seit 1948 Rope nachgespielt haben? Und die erfolgreicher waren als Leopold, Loeb und Gerhartsreiter? Von denen wir eben deshalb nichts wissen?

Der Gedanke ist gruselig, wie alle Ästhetisierung des Grauens gruselig ist – angefangen bei Nero, der vor der Kulisse des brennenden Roms den Untergang Trojas besang, bis zu Stockhausens Einlassungen zum 11. September. Und doch: wir müssen davon ausgehen, dass es diese Art perverser Kunstwerke gab und gibt, deren Existenz uns unbekannt ist und immer bleiben wird. Hier wird es abgründig. Hier ist der Punkt, wo die Kunst aufs Leben übergreift. Wir mögen es verabscheuen – und doch ist es ein Zeichen großer Kunst, dass sie dieses Potential hat. Wer kein Psychopath ist, gibt sich mit dem Potential zufrieden und lässt den Mord in der Fiktion. Oder wie es im Zitat von F. Scott Fitzgerald heißt, das der Gerhartsreiter/Chichester/Rockefeller-Biographie vorangestellt ist: „Ein Schriftsteller, der nicht schreibt, ist im Grunde ein Wahnsinniger“.

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Kommentare

Rockefeller und der nachgespielte Hitchcock-Thriller — 2 Kommentare

  1. Das Fitzgerald-Zitat ist gut.
    Mich erinnert das an de Quinceys Schöne Kunst des Mordens. Auch an das furchtbare American Psycho. Da steht eine Ästhetik des Häßlichen Pate.

    • Danke für den Hinweis auf Quincey! Hatte davon schon irgendwann mal gehört, es aber bisher noch nicht gelesen.

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