Was ist laut?

"Ich kann mein eigenes Wort nicht mehr hören" - Omar El-Saeidi in ORLANDO

„Ich kann mein eigenes Wort nicht mehr hören“ – ORLANDO

Diese Frage möchte ich – in demütige Anlehnung an gewisse Vor_bilder – als die Grütterfrage bezeichnen. Verfolgt sie mich doch schon – nun, nicht gerade seit ich denken kann, aber immerhin schon seit 2007. Damals habe ich nach dem Generalprobendurchlauf von STUPOR MUNDI UNCONCEALED, einem Stück, das in gewisser Weise konstitutiv für meine Ästhetik werden sollte, zum ersten Mal in vier feindlich blickende, übelgelaunte Musikergesichter geschaut, die mich auf Nachfrage mit maximaler Vehemenz anbrüllten: „ES IST ZU LAUT!“

Dieser Satz wurde seitdem zum running gag meiner Produktionen, auch wenn weder ich noch die Musiker ihn normalerweise sonderlich komisch finden. Und jedesmal stand ich wieder vor dem Rätsel, was an meiner Musik denn eigentlich so unerträglich laut ist: immerhin bleiben meine Stücke – trotz Elektronik und Verstärkung – normalerweise deutlich unter Rockkonzertpegel. Und auch ein Symphonieorchester dürfte im Tutti-forte kaum leiser sein.

Nach vielen Jahren – nachdem nicht nur mein Musiktheater ORLANDO drei Tage vor der Premiere beinahe auf zwei Drittel zusammengestrichen worden wäre (denn: „ES IST ZU LAUT!“), nachdem nicht nur mein Duo-Shooter Heroes of Feedback nach der Generalprobe unter Geheul und Gebrüll abgesagt wurde (denn: „ES IST ZU LAUT!“), nachdem nicht nur das Ensemble Intercontemporain nach einem erregten Monolog des inzwischen aus dem Ensemble geschiedenen Trompeters eine Probe für Tiefflug vorzeitig abbrach (parce-que: „TROP DE BRUIT!“), sondern nachdem auch noch nach der Generalprobe von Veitstanz, mit dem Ensemble Modern, einer Formation, die nun wirklich alles macht und alles mit sich machen lässt, ein Ruf durch den hr-Sendesaal schallte, nämlich – ganz genau: „ES IST ZU LAUT!“ – da wandte ich mich endlich mit der richtigen Frage an meinen Nebenmann:

„War es denn wirklich so laut?“

Und der, mein Komponistenkollege Evis Sammoutis, hatte glücklicherweise die richtige Antwort parat: „Also, es war nicht so, dass es in meinen Ohren wehgetan hätte. Ich glaube, es ist eine psychologische Sache. Es geht um die Energien, die du da aufbaust.“

Das konnte ich nun in Bezug auf meine Musik endlich nachvollziehen. In der Tat versuche ich, Sogwirkungen herzustellen, emotionale Strudel, die einen immer tiefer in sich hineinziehen. Ich arbeite oft mit der Illusion unendlicher Steigerungen, inspiriert von Schumann, bei dem es die Illusion gibt, dass die Musik immer schneller wird, oder auch von Mahlers 6. Sinfonie, wo im Finalsatz ein genau kalkulierter Wechsel aus harmonischem und rhythmischem Vorwärtstreiben die Illusion erzeugt, dass die musikalische Energie über eine halbe Stunde fast ununterbrochen zunimmt.

Nun sind unendliche Steigerungen zweifellos emotional aggressiv. Man muss sich mit ganzer Energie hineinwerfen, um nicht weggespült zu werden. Wenn man sich innerlich wehrt, wenn man nicht einverstanden ist, dann sind sie eine extreme Belästigung. Ich versuche zwar immer, diese Kluft durch Ironie zu überbrücken, durch ein gewisses Augenzwinkern in all diesen Extremsituationen: denn soo ernst ist das alles letztendlich ja doch nicht… aber natürlich konzediere ich, dass das Augenzwinkern nicht immer und nicht für jeden in jeder Situation wahrnehmbar ist – insbesondere nicht für die Musiker, die das ganze live auf der Bühne rüberbringen müssen, nicht selten nach einer gerade nur so halbwegs ausreichenden Probenzeit.

Die potentielle Unendlichkeit wirkt erstmal einschüchternd. Passenderweise gab es die meisten Beschwerden immer darüber, dass „die Elektronik“ zu laut sei. Objektiv war das meist unzutreffend. Ich habe noch einige Probenmitschnitte der Heroes of Feedback und des Orlando auf meiner Festplatte, auf denen die Elektronik nach zahlreichen Zugeständnissen irgendwo im mezzoforte dahindümpelt, während Pauken und Trompeten sie hoffnungslos übertönen – und trotzdem gab es weiterhin Klagen, die Elektronik sei „zu laut“. Und das ist nun wirklich eine psychologische Sache. Von einer Trompete weiß man, wie laut sie maximal spielen kann. Man weiß auch, dass der Trompeter ab und zu atmen muss und dass er irgendwann keine Kraft mehr hat. Über die Elektronik weiß man das alles nicht. Sie kann unbegrenzt lange spielen. Sie kann unbegrenzt laut spielen – solange bis die Lautsprecher krachen. Das macht sie unkalkulierbar. Und das macht Angst.

Von daher ist es nicht zufällig, dass ich die größten Schwierigkeiten und die katastrophalste Produktion eben bei meinem unkalkulierbarsten Stück hatte, den Heroes of Feedback. Die beiden Musiker-Performer müssen hier kontinuierlich gegen Lautsprecher-Live-Feedback kämpfen, ohne genau zu wissen, was im nächsten Moment geschieht, mit einem komplizierten Regelsystem im Hintergrund, das sie im Zweifelsfall blitzschnell anwenden müssen, um zu verhindern, dass das Feedback schmerzhaft explodiert. Extremer Stress, komplexe Elektronik, hohe Lautstärken und ständige Unvorhersehbarkeit – voilà, das ist der rechte Cocktail, um Musiker in den Wahnsinn zu treiben…

Aber darum geht es mir nicht. Mir geht es um Sogwirkungen, ja. Um Entgrenzung, ja. Um Transzendierung, ja. Aber mir geht es nicht darum, irgendjemandem Schmerz zuzufügen. Intensive Musik erlebe ich, wie wenn ich mit meinem Körper im mächtigen Gegenwind stehe – der Wind ist gewaltig und greift mich an, aber da ich ihm standhalte, wird mein Körper selbst umso größer, umso stärker. Ich kann nur langsam gehen, weils mir so entgegenstürmt, aber jeder einzelne Schritt bekommt ein unendliches Gewicht, eine unendliche Bedeutung.

Lautstärke ist ein, aber eben nur ein Mittel, um diese Transzendierung zu bewirken. Darum beantworte ich die Grütterfrage abschließend wie folgt:

Laut ist alles, was mich größer macht.

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