Schlüsse schreiben (1–3)

"Ich kann's auch!"

„Ich kann’s auch!“

Der vor kurzem ins 160ste Lebensjahrzehnt eingetretene Richard Strauss war bekanntlich der Ansicht, nur die ganz Großen (Beethoven, Wagner, Richard Strauss) könnten gute Schlüsse schreiben. Da spricht er zweifellos einen wichtigen Punkt an. Gute Schlüsse zu schreiben dürfte eine der schwersten Aufgaben für Komponisten sein – und ich gestehe frei heraus, dass ich nur mit den wenigsten meiner eigenen Schlüsse restlos zufrieden bin.

Strauss selbst hat allerdings durchaus kaum weniger Schlüsse in den Sand gesetzt. Darum will ich im Rahmen der mozartzuvielenoten-Komponistenberatung ab sofort einige Mechanismen zur effizienten Schlussbildung vorstellen – heute gibts Teil 1-3 (wobei Nr. 1 und 2 eher abschreckende Beispiele sind…)

1. Der Fade-Out. 1911 (anlässlich der Uraufführung des Lieds von der Erde) unerhört. Heute eher unerträglich. Nichtsdestotrotz bei Uraufführungen weiterhin beliebt. Auch im Freejazz regelmäßig zu finden: es wird immer leiser, und wenn niemand mehr spielt, ists vorbei.

2. Einfach mittendrin aufhören. Seit Schönbergs furiosem op. 11 zum Renner der Neue-Musik-Schlussbildung avanciert. Kombiniert kompositorische Faulheit mit einem Hauch der Avantgarde von gestern.

3. Der Ausweichungsschluss. Hier wird es nun interessant. Das Prinzip ist ganz einfach: kurz vor Schluss stabilisiert sich ein Zustand A, dieser wird in vorletzter Sekunde von einem instabilen Zustand B hinweggefegt – der Hörer ist irritiert, doch dann – zack! – kommt der Zustand A zurück und aus is. In klassisch-romantischer Musik sind die Zustände A und B meist harmonisch bestimmt, aber man kann sie prinzipiell definieren, wie man will.

Ein Beispiel für den Ausweichungsschluss finden wir am Ende von Mahlers 5. Sinfonie. Der Satz steht in D-dur. Gegen Ende (Anfang Hörbeispiel) stabilisiert sich die Grundtonart immer mehr. Schließlich wird dasselbe eintaktige Motiv immer wieder in der Tonika wiederholt (Anfang Notenausschnitt). Doch dann bricht das Tutti ab und ein Streicher-Holz-Lauf führt zum mediantischen B hoch. Eine Schrecksekunde —— dann laufen die Holzbläser wieder runter, und ein paar Akkorde beenden das Stück in der Grundtonart.

Gustav Mahler, 5. Sinfonie, Ende

(Bernstein, WPh)

Ganz ähnlich gelagert ist das Ende von Ravels La Valse. Die harmonische Situation ist identisch – Grundtonart ist D-dur, die Ausweichung geschieht auf einem Orgelpunkt über der Mediante B. Allerdings dauert die Ausweichung hier wesentlich länger und ist harmonisch undurchschaubarer. Sie schließt sich auch nicht an eine affirmierte Tonika an, sondern an eine affirmierte Dominante A7. Gemeinsam ist Ravel und Mahler, dass die allerletzte Bestätigung der Tonika extrem schnell geht. Das ist essentiell, damit diese Art der Schlussbildung plausibel wirkt. Der Zaubertrick muss zügig und souverän durchgezogen werden, sonst funktioniert er nicht.

Maurice Ravel, La Valse (Ende)

(Rattle, CBSO)

Auch wenn beide Beispiele über Harmonik funktionieren und aus einer ähnlichen Zeit stammen: der Mechanismus des Ausweichungsschlusses ist universell. Man kann ihn auch in der Neuen Musik anwenden, ja selbst außerhalb der Musik. Wir finden ihn zum Beispiel auch bei Charles Dickens. Der alte Geizhals Ebenezer Scrooge ist gerade von den Weihnachtsgeistern zu einem besseren Menschen gemacht worden, da erleben wir, wie er am nächsten Tag schon wieder im Kontor lauert, um seinen Angestellten beim Zuspätkommen zu erwischen. Und ja, er staucht ihn gehörig zusammen. Alles vergebens?

»Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Freundchen«, sagte Scrooge, »ich kann das nicht länger mit ansehen. Und daher«, fuhr er fort, von seinem Stuhl springend und Bob einen solchen Stoß vor die Brust gebend, daß er wieder in das Verlies zurückstolperte, »und daher will ich Ihr Salär erhöhen!«

Tataa! Ausweichung beendet. Grundtonart erreicht. Leider ist das noch nicht der Schluss der Erzählung, es folgen noch zwei Absätze, die den Effekt deutlich schwächen. Richard Strauss wäre das nicht passiert. Womit wir wieder beim Anfang wären. Aber das ist wieder eine andere Art der Schlussbildung…

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