Schlechte Musik integrieren

Schlechte Musik

Schlechte Musik: Beckmesser

Wagner tut in den Meistersingern etwas, was vor ihm, soweit ich sehe, noch niemand gewagt hatte: er integriert schlechte Musik.

Musikalische Späße gab es natürlich schon früher. Aber Wagner ist der erste, der offenkundig (und absichtlich) schlecht komponierte Musik in ein ambitioniertes Werk aufnimmt und sie damit im Hinblick auf ein größeres Ganzes funktionalisiert. Beckmessers nächtliches Ständchen im zweiten Akt, mehr noch aber seine missglückte Version von Stolzings Preislied am Ende des 3. Akts sind einfach grauenhaft – und gerade deshalb urkomisch. Eine Art negativer Geniestreich Wagners. Denn: „Es ist extrem schwer, schlecht zu schreiben“ – dies die Worte des Schriftstellers Tom Liehr, der es versucht hat, mit folgendem Ergebnis:

Jetzt sitzt er da ohne Butter. Nur das trockene Brötchen und das kalte Messer. Aber dann isst er sein Aufschnitt ebend ohne Butter auf das Brötchen. Es gibt ja ein Paar Million Menschen ohne Brötchen, da ist ohne Butter noch ganz gut. Es heisst ja auch Brot für die Welt. Nicht Brot mit Butter drauf für die Welt. Das hat er sichgedacht in dem Moment. Und er lachte weil er das echt witzig fand, Brot mit Butter für die Welt.

Liehrs poetische Meisterleistung sollte allerdings nur zur Kompromittierung von Bezahlverlagen dienen (welchselbige das unter dem Namen „Rico Beutlich“ eingereichte Werk aufgrund „der Eindringlichkeit Ihrer Darstellung und Ihrer Sprachgestaltung“ denn auch umgehend zu veröffentlichen sich bereiterklärten). In einen größeren künstlerischen Kontext jenseits der Aktion hat er es nicht eingebettet.

Und auch in der Musik ist Wagners Chuzpe selten geblieben. Die Neue Musik ist wohl zum einen idiomatisch zu offen, als dass sich „schlechte Musik“ so klar benennen lassen würde, zum anderen leider auch oft einfach zu verbissen und unironisch. Allenfalls im Collage- und Samplingkontext taucht schlechte Musik auf, dann allerdings eben gerade nicht im Hinblick auf ihre Minderwertigkeit funktionalisiert, sondern als neutrales, wertfreies Fremdmaterial.

Eine der wenigen Ausnahmen ist Trond Reinholdtsens Hit „Musik“ von den Donaueschinger Musiktagen 2012 – die eingangs vom Komponisten in persona vorgestellten Leitmotive, i.e. Klischees der Neuen Musik wirken vor allem deshalb komisch, weil sie wie nebensächlich in rasendem Tempo abgespult werden.

In der Integration schlechter Musik liegt ein großes Potential. Gerade heute, wo Ästhetiken der Heterogenität populär sind wie selten zuvor und schlechte Musik überall frei verfügbar ist, können wir es uns nicht mehr leisten, auf sie zu verzichten!!

Trond Reinholdtsen: Musik (Programmheft)

Trond Reinholdtsen: Musik (Programmheft)

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Kommentare

Schlechte Musik integrieren — 2 Kommentare

  1. interessanter Gedanke!
    Ich denke aber man sollte auch berücksichtigen, dass Beckmessers Musik in einem Bühnenwerk vorkommt und eindeutig mit einer Figur verknüpft ist. Möglicherweise hat niemand vor Wagner absichtlich ’schlecht‘ komponiert in einer Oper, aber Figuren sind bestimmt schon durch bspw. absichtlich ’simple‘ oder ‚grobe‘ oder sonstige Musik charakterisiert worden, wie sie der Komponist ohne den Kontext nicht komponiert hätte (Beispiele kann ich leider nicht spontan geben…). Das Besondere an Beckmesser ist halt, dass er selber komponiert.
    ‚Schlechte Musik‘ in der ‚Neuen Musik‘ zu funktionalisieren geht oder ginge deshalb schon noch mal einen grossen Schritt weiter… (leider kenne ich das Stück von Trond Reinholdtsen nicht).

    • Das stimmt, das ist eine wichtige Einschränkung, dass es um einen Theaterkontext geht. Das Stück von Reinholdtsen ist auch theatral. Ob oder wie man in einem rein musikalischen Kontext schlechte Musik funktionalisieren kann, weiß ich im Moment selbst noch nicht so genau. Wäre aber auf jedenfall interessant, das durchzudenken.

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