Lob des Stolperns

Im zweiten Satz von Schumanns Fantasie op. 17 gibt es eine Stelle, wo der Pianist stolpert. Ich jedenfalls bin immer wieder gestolpert, als ich das Stück gelernt habe. Es geht um den vorletzten Takt des Beispiels:

schumann-fantasie

(Richter)

Ich empfehle allen, die ein Klavier in der Nähe haben, das mal auszuprobieren (Vorzeichen sind Es-dur, leider abgeschnitten…). Wer nicht stolpert, dem geb ich ein Bier aus!!

Gerade in diesem Stolpern liegt aber die Großartigkeit der Stelle.

Nehmen wir mal an, Schumann hätte den Takt so notiert:

 schumann-fantasie-mod1  
 
 
oder auch so:
 schumann-fantasie-mod2

Es wäre naheliegender und natürlich viel langweiliger. Hier stolpert man nicht, hier kann man flüssig durchspielen.

Gerade weil aber im Original die erwartete Achtelnote auf 2-und beinahe fehlt, gerade weil die linke Hand die Oktave eigentlich schon greifen möchte, aber nicht darf, bekommt die nachgereichte Sechzehntel einen unglaublichen Schwung, der sie dann mühelos bis zum hohen b hinaufträgt.

Durch eine kleine, kalkulierte Modifikation des Klaviersatzes setzt Schumann hier gezielt musikalische Energie frei. Diese Raffinesse, die Instrumentaltechnik in den Dienst der Ästhetik zu stellen, finde ich großartig.

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Kommentare

Lob des Stolperns — 1 Kommentar

  1. Servus nach Berlin,
    Danke für den Beitrag, sehr interessant und inspirierend.
    1. Schade, dass der Richter die Stelle so rasend schnell spielt. Dadurch kommt der beschriebene energetische Effekt nicht wirklich zum tragen.
    2. Das potentielle Stolpern könnte auch noch diverse andere Ursachen haben, die in der jeweiligen pianistischen Sozialisation des Spielenden begründet liegen.
    3. Auffallend ist zudem folgendes: Das in der Oberstimme vorher mehrfach wiederholte
    Synkopen Motiv (Off-beat) wandert im fraglichen Tankt in den Bass.Ferner wird in diesem Takt die „Sechzentelebene“ neu eingeführt und zudem mit Achteln kontrastiert. Das ist schon eine gewisse „plötzlich“ auftauchende rhythmische Komplexität, die polyrhthmische Fähigkeit erfordert, welche ein ausschließlich konvetionell unterrichteter Klavierschüler noch nicht erlernt hat oder auch niemals lernen wird.
    keep groovin
    Arno Wahler

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