Der Fall Cage – jenseits von Mord und Totschlag

Inspektor Cage ermittelt

Inspektor Cage ermittelt

Mit John Cage ist es wie mit einem Krimi. Sobald man den Clou verstanden hat, ist das Interesse weg.

Wenn der zerstreute Krimirezensent versäumt hat, eine Spoiler-Warnung anzubringen, und man von Anfang an weiß, dass der nette junge Medizinstudent mit dem charmanten Lächeln in Wirklichkeit der kaltblütige Serienmörder ist, der ganz London in Angst und Schrecken versetzt, dann wird man sich kaum noch durch 200 Seiten quälen. Das Aha-Erlebnis gibts nur einmal.

Bei Cage hatten die Leute das Aha-Erlebnis damals, als seine Musik entstand: wow, auch das ist Kunst! Man kann die Noten auch auswürfeln! Man kann Zeitpunkte per Zufallsgenerator bestimmen! Man kann auch schweigen! Das war neu und aufregend. Heute steht der Spoiler in jedem Musikgeschichtslehrbuch. Tja – so gehts mit Konzeptkunst. Be it Cage, be it crime.

Zur Hundertjahrfeier 2012 saß ich drum recht genervt in den tausend Jubliäumskonzerten. War ich in einen Agatha-Christie-Fanclub geraten, wo man zum tausendsten Mal dieselben Romane las, sich zum tausendsten Mal mit jenem sympathischen Studenten identifizierte, um zum tausendsten Mal total überrascht zu sein, wenn die Leichenteile in seinem Kühlschrank gefunden werden? Wollte ich zum tausendsten Mal hören, dass der Zufall jedesmal ein bisschen anders klingt und sich jedesmal an neuen Stellen kleine Mikro-Zusammenhänge bilden? Ich kenne den Clou, ich kenn das Konzept, ich kenn auch den Herrn Komponisten: JAA, danke, ich habe verstanden! Warum immer wieder die Aktualisierung?

Ich dachte mir, dass der einzig legitime Grund ein pädagogischer wäre: es kennt eben noch nicht jeder Cage. Jeder soll mal sein Aha-Erlebnis haben dürfen.

Der weniger legitime Grund wäre Bequemlichkeit. Man spielt Cage, weil man nicht wochenlang dafür proben muss. Man hört gerne Cage, weil man ihn ästhetisch gut einordnen kann, die Konzepte verstanden hat und auf diese Weise anstrengungslos Avantgarde konsumieren kann. Und man programmiert gerne Cage, weil er berühmt ist.

Okay. Dies kann freilich – die geneigte Leserschaft wird es bereits herausgehört haben – auf die Dauer nicht der geeignete Weg sein, künstlerisch aufregend und ästhetisch überzeugend mit Cage umzugehen. Es gibt andere Wege! Jawohl! Bleiben Sie dran! Weiter gehts nach der Werbung!!
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UND HIER BIN ICH WIEDER!!

Um die angekündigten neuen Wege nachzuvollziehen, switchen wir von Cage jetzt schnell zu einem anderen Protagonisten der klassischen Konzeptkunst, Andy Warhol. Genauergesagt zu seinem Film „Kitchen“, den ich im Januar 2013 – das Cage-Jahr war gerade glücklich überstanden – in einer brillanten Live-Aufführung der deutsch-britischen Theatergruppe Gob Squad an der Berliner Volksbühne gesehen habe.

Wie bitte? Jawohl, Live-Aufführung. Die Gruppe versuchte nämlich, Warhols Klassiker (welcher bekanntlich ein paar Leute bei verschiedenen Verrichtungen in der Küche zeigt) nachzuspielen. Mit allen paradoxen Konsequenzen, die das hat.

Aber der Reihe nach.

Gob Squad's Kitchen

Gob Squad’s Kitchen

Da es um einen Film geht, sieht das Publikum einen Film. Auf drei tryptichonartig angeordneten Leinwänden werden die Neufassungen von Warhols Experimentalfilmen „Kitchen“ (Mitte, Hauptschirm), „Sleep“ (links) und „Screen Test“ (rechts) gezeigt. Was man als Schwarzweiß-Videoprojektion sieht, passiert zeitgleich auch live, nämlich genau hinter den Schirmen, den Blicken der Zuschauer verborgen.

Zum Ausgleich wird das Publikum vor Beginn des Stücks durch die Bühne geführt. Den Küchentisch gibts dort in echt, aber der Kühlschrank ist leider, wie sich Darsteller Bastian wortreich entschuldigt, nur an die Wand gemalt, „da würd ich euch bitten, dass ihr euch vorstellt, der wäre echt, er sieht auf dem Video auch ziemlich echt aus – wär nett!“

Ähnlich pseudo-improvisatorisch nähern sich die Schauspieler in der Folge dem Warhol-Film an. „Ah, in den 60ern! Wie offen da noch alles war! Welche Möglichkeiten man hatte! Äh, vielleicht sollten wir englisch sprechen?“

Mit der Zeit erhalten die vier Darsteller Verstärkung von Freiwilligen aus dem Publikum. Die werden zunächst hinter den Seitenschirmen verstaut, wo sie Warhols „Screen Test“ (bewegungslos in die Kamera schauen) und „Sleep“ (bewegungslos liegen vulgo schlafen) nachspielen. Nach einer Weile tauchen sie auch in der Küche, also auf dem Hauptschirm auf, wo sie sukzessive die „Rollen“ der Gob-Squad-Leute übernehmen, von denen einer nach dem anderen „keine Lust mehr hat“ und sich verabschiedet. Über Kopfhörer bekommen die „Neuen“ von den „Alten“ nun Instruktionen für ihre Dialoge. Und die verbliebenen Kitchen-Bewohner staunen: „Is this really Bastian??“ – nuja, statt dem schmächtigen Deutschen steht jetzt ein breitschultriger Latino-Typ mit Bart und langen Haaren auf der Bühne. „You… finally did it! You grew your hair long! Oh… that’s  m u c h  better!“

Und nicht nur modisch nähert man sich den 60ern an. Irgendwann hat der letzte Gob-Squad-Schauspieler die Bühne verlassen. Die vier Laien stehen alleine da. Die Anweisungen aus dem Off scheinen verstummt zu sein. Sie setzen die Kopfhörer ab und quatschen weiter. Für etwa 30 Sekunden. Dann geht das Licht aus. Finito.

*

Warhols Originalkonzept – Leute in der Küche bei alltäglichen Verrichtungen – sehen wir also lediglich in der letzten halben Minute. Die restliche Zeit erleben wir eine komplexe medial-ästhetisch-historische Reflexion darüber. Warhols Filme dienen allein als Material, als Bauklötzchen, um aufregendes Theater zu machen.

Hier sehe ich den entscheidenden Ansatzpunkt für einen inspirierten Umgang mit Konzeptkunst in der Gegenwart.

Die Lösung kann nicht sein, die Werke der historischen Protagonisten, Cage, Warhol usw. museal zu wiederholen. Die Lösung kann ebensowenig sein, die Leistungen der historischen Protagonisten zu ignorieren und konventionelle Kunst zu machen, als hätte es sie nie gegeben. Insbesondere die zeitgenössische Oper erliegt dieser Versuchung ja durchaus immer wieder…

Die Lösung kann nur darin bestehen, die öffnenden Ansätze der Avantgarde durch formale Konstruktion und syntaktische Komplexität zu integrieren. Den Bauklotz nicht nur anzustaunen, sondern ein Haus draus zu bauen. Auf fantasievolle, unerhörte, neue Art, weil die neuen Bauklötzchen ja doch ein wenig anders aussehen als die alten (seien’s Wörter oder Blankverse oder Tragödiendramaturgien), aber nichtsdestoweniger: ein Haus. Auf ähnliche Weise hat Schlingensief seine „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ aus dem Material eines weiteren klassischen Konzeptkunst-Helden, Joseph Beuys, gebaut.

Übrigens: ich habe ohne Spoilerwarnung den gesamten Inhalt von Gob Squad’s Kitchen erzählt – und der Besuch lohnt sich trotzdem noch. Meta-Konzeptkunst ist sozusagen ein Meta-Krimi. Es geht nicht um den Clou, sondern um jeden Augenblick – be it Gob Squad, be it Gadda

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Kommentare

Der Fall Cage – jenseits von Mord und Totschlag — 2 Kommentare

  1. Schaue mir sehr gerne auch Deine neue Seite an, die mir aesthetisch und inhaltlich sehr mundet. Moedig voorwaarts!

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