Allheilmittel und Matera

Allheilmittel für Orchester mit Klavier und Hyperklavier

Allheilmittel für Orchester mit Klavier und Hyperklavier

So… da bin ich wieder! Meine lange Abwesenheit hier geschah nicht von ungefähr – ich habe nämlich ein Allheilmittel entwickelt!

Es dürfte niemanden überraschen, dass dieses einigermaßen ambitionierte Unterfangen ein Dreivierteljahr lang meine komplette Aufmerksamkeit beansprucht hat…

Jedenfalls (sofern hier noch irgendjemand mitliest): Eine erste Verkostung der Wundermedikation wird am 24. November bei der cresc.-Biennale in Frankfurt stattfinden! 58 Doktoren des Ensemble Modern Orchestra werden das Unmögliche möglich machen – und jedermann kann gegen ein geringes Entgelt von nur 19 Euro Zipperlein und Arthritis in den Klangstrudel werfen und anschließend gesund und verjüngt wieder daraus emporsteigen! EINE EINMALIGE GELEGENHEIT!!!

Mehr dazu in den nächsten Tagen.

Vorerst beginne ich damit, einige Sachen abzuarbeiten, über die ich hier schon seit langem schreiben wollte.

Im traurigen Monat November beginnen wir am besten mit einer Reise ins sonnendurchflutete Italien. Bereits im Mai war ich in Matera – einer der schönsten Städte Süditaliens (vgl. Bild), aber darum soll es heute gar nicht gehen.

matera1Stattdessen um den „Schandfleck der Nation“. Als solcher galt selbige Stadt Matera nämlich bis in die fünfziger Jahre. Es ist eine in den Berg gebaute Höhlenstadt, und die Höhlen sind eng, feucht und kalt. So wurden die Bewohner Ende der 50er Jahre in ein Neubeugebiet umgesiedelt, was sie zuerst blöd fanden; aber dann sahen sie, dass es da fließend Wasser und Strom aus der Leitung gab, und sie waren fürderhin zufrieden.

Die Altstadtviertel aber, die sogenannten „Sassi“, verfielen, bis sie ab den 80er Jahren behutsam restauriert wurden. 1993 wurde die Altstadt zum Weltkulturerbe erklärt, und im Jahr 2019 wird Matera Kulturhauptstadt Europas sein. Schon jetzt stehen überall Hinweistafeln, Baugerüste und Bagger, um die Sassi für das große Ereignis fitzumachen und in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

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Wenn man die Hauptstraßen verlässt und den kleinen Wegen folgt, die sich am Bergrücken entlangschlängeln, gelangt man in ein Viertel, das schon von Ferne archaischer und verfallener aussieht als der Rest der Stadt. Hier gibt es keine Touristen. Auch Einheimische sieht man kaum. Die Gegend ist weitgehend unbewohnt – so wie die ganze Altstadt in den 60er und 70er Jahren.

Matera

Absperrungen gibt es – Bella Italia! – größtenteils keine. Man kann ungehindert herumklettern und die Höhlen erkunden. Hier gibt es auch keine der ansonsten so zahlreichen Casa-Grotta-Museen, die einem mit Worten und Puppen begreiflich zu machen suchen, wie die Menschen damals gehaust haben. Ich konnte mich einfach in eine Höhle hineinsetzen – und versuchen, es mir selbst vorzustellen.

Hier, am äußersten Ende Materas, habe ich begriffen, was an den Lebensumständen der Menschen damals so schrecklich war. Als ich in der leeren, feuchten Höhle auf dem strohbedeckten Boden saß und durch das steinerne Loch nach außen blickte, war mein erster Gedanke: Man fühlt sich wie ein Tier.

Matera

Die Leute haben in diesen Höhlen tatsächlich mit ihren Schweinen und Ziegen und zehn oder zwanzig weiteren Menschen gelebt. Das Schlimme war nicht das fehlende fließende Wasser. Es waren nicht einmal nur der Hunger, die Ungeziefer und die Krankheiten, so entsetzlich das alles zweifellos war. Es war die Würdelosigkeit. Es war das Leben als Tier unter Tieren. Das Leben in einem Stall.

Die Casa-Grotta-Museen zeigen den Besuchern Stoffziegen, Stoffschweine und Stoffschafe, neben denen es sich ein Stoff-Pater-Familias am Feierabend mit seinem Bierkrug hinter seinem kleinen Tischchen gemütlich macht. Die freundliche Dame aus dem Lautsprecher erklärt – gerne auch auf Deutsch –, wie einfach und armselig die Menschen damals gelebt haben. Und man versteht nichts.

Das Museum zerstört zielgerichtet das, woran es erinnern soll. Indem es mit dem Finger auf seinen Gegenstand zeigt, verhindert es, dass man ihn im eigentlichen Kontext, unfingerbezeigt, erleben und erfahren kann.

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Im Mai 2017 hatten sich die Baugerüste schon weit in Richtung des archaischen Viertels von Matera ausgebreitet. Wahrscheinlich wird die Höhle, in der ich saß, bis 2019 auf Hochglanz poliert sein. Vielleicht wird ein Casa-Grotta-Museum draus gemacht. Vielleicht aber auch ein Restaurant, das Pizza mit verbranntem Weizen serviert, wie ihn die ärmsten Tagelöhner damals von den Feldern kratzen mussten. Der Teig wird dadurch dunkel und von einzigartigem Geschmack. Durch schonende Röstung kann man heute selbstverständlich die EU-Grenzwerte für krebserregende Substanzen einhalten. Die Erinnerung an frühere Zeiten soll schließlich nicht weh tun.

Blick vom alten auf das neue Matera

Blick vom alten aufs neue Matera

Nun, was soll ich mich beschweren? Die Pizza hat gut geschmeckt, und das auf Hochglanz polierte Matera ist wirklich eine wundervolle Stadt. Die Casa-Grotta-Museen könnte man für meinen Teil ersatzlos streichen, aber man ist ja schließlich nicht gezwungen hineinzugehen.

Die unbewohnten, verfallenen Höhlen am Stadtrand wird es wohl bald nicht mehr geben. Tja, das ist halt der Lauf der Zeit. Dann erinnert nichts mehr an den Schandfleck der Nation. Es bleiben nur noch die Erzählungen und Beschreibungen… wie diese von 1945 –

„Alle schlafen zusammen, Männer, Frauen, Kinder und die Tiere. So leben zwanzigtausend Menschen. Kinder gab es unzählige. In der Hitze, im Staub, fliegenumschwärmt tauchten sie von allen Seiten auf, entweder ganz nackt oder mit ein paar Lumpen bedeckt. Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt. Die mageren Weiber; mit unterernährten, schmutzigen Säuglingen an den welken Brüsten, grüßten mich freundlich und trostlos; es wirkte auf mich, als wäre ich in der blendenden Sonne in eine von der Pest heimgesuchte Stadt geraten.

Ich stieg immer weiter bis zum Grund der Schlucht hinab, und als ich aufblickte, sah ich endlich ganz Matera wie eine schräge Mauer. Von hier aus wirkte es fast wie eine richtige Stadt. Die Fassaden der Höhlen, die wie weiße, nebeneinander stehende Häuser aussahen, schienen mich mit den Türlöchern wie schwarze Augen anzusehen. So ist es wirklich eine sehr schöne, malerische und eindrucksvolle Stadt.“

(Carlo Levi, „Christus kam nur bis Eboli“)

Matera

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