Verschwendung

Pommerscher KunstschrankAls ich letzte Woche in Stettin war, hat mich am meisten beeindruckt, was gar nicht da war. Zwanzigtausend Gulden hatte Herzog Philipp II. einst für das Wunderteil ausgegeben, und bis zu seinem Tod konnte er die Schulden nicht abbezahlen. Heute ist nur noch ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1934 übrig. Das Original ging 1945 in Flammen auf.

Der Pommersche Kunstschrank ist eine Riesenverschwendung. Eine Wunderkammer voller verschachtelter Fächer, Nischen, Schubladen und Geheimtüren. Eine Gemeinschaftsarbeit von 28 Künstlern – Goldschmieden, Malern, Bildhauern, Kupferstechern, Orgelbauern, Buchbindern, Uhrmachern und vielen anderen. Der Schrank hat Astrolabien und Hausapotheken beherbergt, chirurgische Instrumente und Sonnenuhren, Mühle- und Schachspiele mit individuell geschnitzten Miniaturfiguren – jeder Bauer ein eigener Typ –, Würfel- und Kartenspiele, die zwölf Arbeiten des Herkules, Greifen und Pegasus, Essgeschirr, Besteck, eine Miniaturorgel, einen Kompass, ein Fernrohr und vieles, vieles mehr. Es braucht in dem Dokumentarfilm geschlagene zwanzig Minuten, um den ganzen Schmus auszuräumen.

Wozu war das alles gut? Für nichts. Der Herzog hatte einfach Lust, so einen Wunderschrank zu haben. Drum ließ er sich einen machen. Mit Steuergeldern.

Irgendwo stand vor kurzem, die Elbphilharmonie wäre niemals entstanden, wenn von vornherein klar gewesen wäre, wie teuer sie werden würde. Das dürfte stimmen. Geldverschwendung ist heute durchaus weniger wohlgelitten als im Barock. Teure Kunstprojekte sind zwar möglich – doch je teurer, desto rigider werden sie einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen.

Wer heute einen Antrag auf Fördergelder stellt, muss angeben, was seine „Ziele“ sind. Niemand bekommt Geld, bloß weil er schreibt „ich hab halt Bock drauf“. Sobald Kunst signifikante Geldsummen beansprucht, wird sie in ein ökonomisches Korsett gespannt. Sie muss einen Nutzen bringen. Der Nutzen muss nicht zwingend finanziell sein – aber er muss doch explizit benannt werden.

Aus moralischer Sicht ist das sicherlich verständlich. Geld ist knapp, und solange in Afrika Menschen hungern, liegt es nahe, genau zu begründen, warum man Geld für Kunst ausgibt – und wieviel. Der Wunderschrank des Philipp II. war zweifellos unmoralisch. Während er für sein Schachspiel pittoreske Elfenbein-Bauern schnitzen ließ, lebten die echten Bauern in Pommern in Armut. Es ist irgendwie verständlich, dass keine heutige Förderkommission eine so riesige Summe für ein so wirkungsloses Kunstwerk bewilligen würde.

Und doch – zeigt sich nicht gerade in dieser obszönen Verschwendung die grenzensprengende, utopische Macht der Kunst? Was ist das für eine kastrierte Rumpfkunst, der stets der Nutzen und die Moral vorgeschaltet sind? Kann eine Kunst, die sich ihre Moral und ihren Nutzen nicht selbst schafft, sondern die lediglich die existierenden Kategorien von Moral und Nützlichkeit ausfüllt, überhaupt irgendetwas verändern? Was bringt es, Ziele festzulegen – mögen sie noch so lauter sein – und diesen Zielen dann hinterherzuhecheln? Sind die wirklich neuen, revolutionären Ziele nicht gerade jene, zu denen wir aufbrechen, noch ohne sie zu kennen?

Wir erleben heute (je mehr Geld involviert ist, um so mehr) den Triumph der Ökonomie über die Kunst – im Namen der Moral. Doch genau das bedeutet den ästhetischen (und letztlich auch moralischen) Bankrott. Nur der Spießer weiß vorab, was „man tut“ und was nicht. Kunst hingegen muss obszön sein und ziellos und freischweifend. Ich will nicht vorab wissen, wohin sie uns führt. Ich will nicht ihre Ziele im Programmheft nachlesen können. Kunst soll nichts erfüllen und illustrieren, sondern eine neue, verquere, unerhörte Welt bauen – und mich damit durchrütteln und verwandeln. Nur so kann sich wirklich etwas ändern. Wir müssen die Ziele vergessen – und verschwenden!!

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