Günther Oettinger beim Scheitern zusehen: RTL II für Gebildete

Nun gut, den Literaturnobelpreis wird Günther Oettinger für seine Rede wohl nicht bekommen. Die Pointen zünden nicht, die Vortragsweise ist verdruckst, die ganze Rede mehr auf lustig getrimmt denn tatsächlich witzig.

Aber muss man wegen schlechter Literatur zurücktreten? Warum darf Martin Sonneborn in Brüssel ungestraft sein Unwesen treiben, Oettinger aber nicht? Nur weil Sonneborn seine gruppenbezogenen Gemeinheiten raffinierter und gekonnter verpackt?

Der Nationale Volkskongress

Der Nationale Volkskongress

Alle Welt echauffiert sich, weil Oettinger behauptet, die Chinesen hätten Schuhcreme auf dem Kopf. Wer sich Bilder des Nationalen Volkskongresses ansieht, wird die Charakteristisierung „alle Anzug, Einreiher dunkelblau, alle Haare von links nach rechts mit schwarzer Schuhcreme gekämmt“ durchaus nachvollziehen können. Unter chinesischen Spitzenfunktionären gibt es tatsächlich eine bizarre optische Konformität. Wahrscheinlich benutzen sie sogar alle dieselbe Schuhcreme.

Natürlich sind nicht alle Äußerungen Oettingers so harmlos. Dass das chinesische Außenministerium über die Anapher „Schlitzohren und Schlitzaugen“ not amused ist, kommt wenig überraschend. Zumal unklar ist, worauf Oettinger überhaupt anspielt: hält er die Chinesen tatsächlich für „Schlitzohren“? Das kann ich mir kaum vorstellen. In den 1930er Jahren mochte das Klischee vom schmierig-schmutzigen, falsch lächelnden chinesischen Hinterhofgauner noch einen realen Hintergrund haben. Heute aber residieren die chinesischen Geschäftsleute, selbst die unseriösen, in Glaspalästen. „Schlitzohren“ als Armeleutewort ist da schlicht unpassend.

Ich vermute eher, dass Oettinger freudig-naiv auf das Wortpaar „Schlitzohren“-„Schlitzaugen“ stieß und beschloss (denn es sollte ja eine lustige Rede werden), das Begriffspaar einzubauen, ohne sich weitere Gedanken über die logische Konsistenz zu machen. Eine Pointe in der Lautgestalt, die inhaltlich nicht richtig aufgeht. Schade – aber, hey: der Mann ist kein Profi. Netter Versuch im Entertainment. Niemand kann alles können.

Was mich einfach nur nervt und stellenweise anekelt, ist die Selbstgerechtigkeit, mit der sich nun der politische Gegner über den gescheiterten humoristischen Amateur hermacht und seine Verdammung fordert. Ebenso nervt mich, dass das Vorgehen des Verlegers, der die Rede aus dem halbprivaten Raum gezerrt hat, fast nirgends problematisiert wird. Sicherlich handelt es sich bei der Veranstaltung des AGA Unternehmensverbands um eine halbprivat-halböffentliche Grauzone, und sicherlich ist es für den Verleger ein leichtes, den Abend als öffentlich zu klassifizieren und daraus das Recht – oh nein, die Pflicht! – abzuleiten, die dort gefallenen Worte ins Netz zu stellen. Und doch: die Veranstaltung war keineswegs so öffentlich, dass das chinesische Außenministerium eingeladen gewesen wäre mitzuhören. Es handelte sich um einen – nicht absolut, aber doch relativ – geschützten Raum. Diesen Raum hat der Verleger verletzt. Ich halte das zumindest für schlechten Stil.

Wenn in einer Gruppe über mich gelästert wird, dann möchte ich davon unbehelligt bleiben. Ich finde es okay, dass man über mich lästert, aber ich habe auch das Recht, von dem Geschwätz verschont zu bleiben. Leider gibt es immer wieder den „guten Freund“, der „im Vertrauen“ zu mir kommt, um mir empört zu erzählen, wie respektlos sich der Eduard über mich geäußert hätte („ich finde es wichtig, dass Du davon weißt“). Denunziant, Petze oder Intrigant nennt man solche Leute. Es sei denn, Eduard ist EU-Kommissar. Dann nennt man sie investigative Verleger.

Damit man mich nicht falsch verstehe: Wenn Eduard ankündigt, mich ermorden zu wollen, oder wenn er sich damit brüstet, mir systematisch Schaden zuzufügen, dann möchte ich selbstverständlich davon erfahren. Auch hier handelt es sich um einen schmalen Grat. Akzeptables Lästern und inakzeptable Feindseligkeit gehen nahtlos ineinander über. Umso mehr ist es eine Sache der Feinfühligkeit und des Anstands, zu entscheiden, welche Informationen man weitergibt und welche man taktvoll für sich behält.

In meinen Augen gab es überhaupt keinen Anlass, dass das chinesische Außenministerium von Oettingers misslungenem Satireabend erfährt. Oettinger ist kein Rassist. Das zu behaupten wäre absurd. Und wenn doch, dann ist jeder dritte Politiker ein Rassist, und dann geht es nicht um Oettinger. Hier wird einfach ein Mann in seinem Scheitern vorgeführt, und ganz Europa schaut zu. RTL II mit moralischem Überlegenheitsanspruch. Der Zeigefinger des Spießers auf die arme Sau, die es nicht geschafft hat, die Zwiespältigkeiten ihrer Existenz hinter einer undurchdringlichen Maske zu verbergen.

Man muss Oettinger nicht mögen. Man muss auch seine Lästereien nicht mögen. Aber man muss ihm, verdammt noch mal, das Recht zugestehen, mit seinen Sprechakten zu scheitern, ohne gleich sein Haupt zu fordern. Wenn es dieses Recht nicht mehr gibt – auch und gerade für Personen des öffentlichen Lebens – dann reden bald alle wie Angela Merkel. Unangreifbar, phrasenhaft und stinklangweilig.

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