Warum ich als Künstler das bedingungslose Grundeinkommen ablehne

SterntalerAm Sonntag stimmen die Schweizer darüber ab, ob sie pro Monat 2500 Franken auf dem Konto haben wollen, ohne dafür zu arbeiten. Allen Prognosen zufolge werden sie die Initiative ablehnen. Aber die Schweizer sind ja auch, wie man weiß, ein Volk von staubtrockenen Buchhaltern und Philistern. Als Künstler müsste ich eigentlich dafür sein. Bin ich aber nicht. Warum?

Vorausgeschickt sei, dass selbstverständlich niemand weiß, was wirklich passieren würde, wenn jeder Mensch plötzlich ohne Gegenleistung 1000 Euro oder 2500 Franken monatlich aufs Konto bekäme. Menschen und Volkswirtschaften sind nicht plan- und berechenbar (daran ist schon Stalin gescheitert), und die einzige Art, es herauszufinden, wäre, es auszuprobieren.

Allenfalls stellt sich die Frage, ob es ethisch zu verantworten wäre, eine ganze Volkswirtschaft zum Experimentierfeld der eigenen Ideologie zu machen. Aus theoretisch erträumten Paradiesen ist in der Praxis (siehe 20. Jahrhundert) schon oft genug die Hölle geworden.

Dennoch wird momentan viel drüber spekuliert, und da will ich mich der Diskussion nicht verschließen – gerade als Künstler. Denn natürlich fände ich 1000 Euro pro Monat zusätzlich auf meinem Konto nicht schlecht. Ich hätte manche Sorgenfalte weniger und könnte mich deutlich entspannter jener Aufgabe widmen, die mir am wichtigsten ist und die ich hoffentlich auch von allen Aufgaben am besten kann: Komponieren.

Für mich persönlich – und so denken wohl viele Künstler, die die Idee unterstützen – wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen also durchaus recht schön. Es gäbe den Künstlern die Freiheit, sich Dingen zu widmen, die nach kapitalistischer Logik unnötig sind und ohne die die Menschheit doch zu einer einzigen philisterhaften Riesen-Schweiz würde. Eigentlich wunderbar.

Die Sache hat nur einen Haken. Es geht nicht um mich persönlich. Wenn auf meiner Partitur die Tinte getrocknet ist (jaaa: ich benutze auch Sibelius, aber die Retro-Metapher sei gestattet, ok??), dann ist die Musik noch nicht fertig. Dann brauche ich andere Menschen. Musiker, um die Komposition aufzuführen. Organisatoren, um das Konzert vorzubereiten. Werbeleute, um Publikum anzulocken. Ich brauche – und ich glaube, jedes gelingende Projekt braucht – Menschen, die dem Projekt zuarbeiten, ohne selbst in demselben Grade involviert und intrinsisch motiviert zu sein wie ich.

Schon die Musiker werden zwar hoffentlich mit Begeisterung, aber nicht mit demselben drängenden Brennen und Begehren bei der Sache sein wie ich. Die Motivation des Managements dürfte noch eine Spur lauer sein. Spätestens für die Haustechniker und das Einlasspersonal ist es vollends business as usual.

Diesen Mangel an intrinsischer Motivation gleiche ich für gewöhnlich mit einem Zauberelixir aus: Geld. Komplimente und Versprechungen können in gewissem Maße ähnliche Wirkungen zeigen – aber eben nur in gewissem. Auf Dauer will jeder, der nicht plant und entwirft, sondern nur zuarbeitet, Geld sehen.

Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens, das die intrinsische Motivation der Arbeit stärken will, sieht dieses Zuarbeiten nicht vor. Jeder soll selbst Herr und Meister sein. Jeder soll ganz und gar das arbeiten dürfen, was er arbeiten will. Warum sollte er an anderen Projekten mitarbeiten, die ihm nur halb zusagen, wenn er etwas eigenes haben kann (auch wenns nur ein Jodeldiplom ist)?

Auch ich selbst würde, wenn ich monatlich 1000 Euro auf dem Konto hätte, bestimmt meinen Zuarbeiter-Job – Barklavierspielen – aufgeben. Wer demnächst heiratet, müsste sich dann einen anderen Pianisten suchen (falls es denn mit Herzblut spielende Barpianisten gibt). Ich hingegen hätte wohl Schwierigkeiten, für meine eigenen Projekte Musiker und sonstige Mitstreiter zu finden.

Man wird einwenden, ich müsse die Leute dann eben besser überzeugen und statt Geld zusätzliche Energie verwenden, um eine intrinsische Motivation für mein Projekt in ihnen zu wecken. Das würde bei einigen sicher auch funktionieren. Andere könnten sich mein Projekt vielleicht nicht gut genug vorstellen. Andere würden einem anderen, zeitgleichen Projekt auf den Leim gehen, das im Konzept super klingt und in der Ausführung todlangweilig ist.

Wir haben diese Situation schon heute: aber heute muss ich nur eine Stelle überzeugen: diejenige, die mir das Geld fürs Projekt gibt. Schon hier gibt es genügend Fehlentscheidungen. Unter dem bedingungslosen Grundeinkommen müsste ich dutzende Stellen überzeugen, und die Fehlentscheidungen würden sich potenzieren. Ambitioniertere Projekte würden unmöglich werden.

Das liegt daran, dass das bedingungslose Grundeinkommen im Kern ein antielitaristisches Projekt ist. Gemacht wird, was jeder gut findet, und gemeinschaftliche Projekte kommen nur zustande, wenn möglichst viele das gut finden. Große Kunst wird aber allzuoft von Einzelnen vorangetrieben. Wenn ich eine Vision von unglaublichen Dingen habe, dann liegt es in der Natur der Sache, dass nicht zwanzig andere dieselbe Vision haben. Ich kann ihnen vielleicht einen Abglanz der Vision vermitteln, und das reicht aus, sie ins Boot zu holen, solange die andere, greifbarere Vergütung halbwegs stimmt. Unter dem bedingungslosen Grundeinkommen hingegen wären die Visionäre die Narren, während die kunstmachenden Philister-Kollektive sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und die Norm dessen bestimmen würden, was Kunst ist.

Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht käme alles ganz anders, und die Kunst würde zu nie gekannten Höhenflügen aufblühen. Ich will das gegenwärtige System der Kunstfinanzierung auch beileibe nicht glorifizieren. Es hat genügend Schwachstellen. Aber unter dem jetzigen System sehe ich doch eine realistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Künstler, der etwas zu sagen hat, für seine Sache brennt, den Marsch durch die Institutionen aufnimmt und Niederlagen wegstecken kann, im Laufe der Zeit die Bastionen der Mittelmäßigkeit schleifen kann. Unter dem bedingungslosen Grundeinkommen hingegen sehe ich die Mittelmäßigkeit strukturell festgeschrieben.

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Kommentare

Warum ich als Künstler das bedingungslose Grundeinkommen ablehne — 34 Kommentare

  1. Interessante Bemerkungen; wie du es beschreibst klingt es plausibel, ist aber trotzdem schade um eine Idee, die auch viel positives Potenzial haben könnte.
    Ein Longread dazu: https://krautreporter.de/1521–das-bedingungslose-grundeinkommen-verstandlich-erklart
    Ein Standardargument gegen das bGE ist, dass dann keiner mehr die Drecksarbeit machen will. Lösungen wären, anders als du es beschreibst mit dem Überzeugen: bessere Bezahlung oder Automation. Ich würde hoffen, dass letzteres vorangetrieben wird, denn ich wünsche mir eine Welt, in der niemand Drecksarbeit machen muss. Und da würde ich dann auch die Kritik an deinem Text ansetzen: Du kämpfst zwar für Visionen, aber was ist mit der Vision einer besseren Welt? Mit dem 20.-Jahrhundert-Argument machst du es dir zu leicht.

    • An das Automationsargument, das in der aktuellen Diskussion des öfteren wieder zu hören war, glaube ich irgendwie nicht so recht. Die Technisierung der Arbeitswelt haben wir inzwischen seit 300 Jahren, und weder hat das zu exorbitanter Arbeitslosigkeit geführt noch dazu, dass es keine Drecksjobs mehr gäbe. Das Proletariat des 19. Jahrhunderts ist ja genau erst durch die Technisierung entstanden – um die Maschinen zu bedienen. Mag sein, dass es in der Zukunft, mit tiefgreifenderer und intelligenterer Automatisierung anders ist, aber damit rechnen kann ich erstmal nicht.

      Bessere Bezahlung der Drecksarbeit ist dagegen eine interessante Option. Wie realistisch das ist, kann ich nicht beurteilen.

      Die Vision der besseren Welt – die habe ich natürlich auch, aber ich habe echt ein Problem damit, die Welt einer Ideologie anzupassen. Ich sehe auch nicht, wo mein 20.-Jahrhunderts-Argument zu kurz greift. Natürlich kommt das Grundeinkommen im Vergleich zum Kommunismus (zum Nazismus sowieso) freundlicher und friedlicher daher. Trotzdem ist es ein massiver, oktroyierter Eingriff ins Wirtschaftssystem und in die persönlichen Schicksale von Millionen Menschen. Da finde ich schon legitim, die Frage zu stellen, wer einem dazu das Recht gibt. Vor allem weil die Folgen so unkalkulierbar sind. Wenn die Vision einer besseren Welt selbige letztendlich ins Unglück stürzt, ist sie nichts wert, und man sollte besser zu träumen aufhören. „Das Träumen der Vernunft gebiert Ungeheuer“, so eine alternative Übersetzung des Goya-Capriccios… Solange nicht klar ist, was passieren würde, sehe ich niemandem berechtigt, mit dem Schicksal seiner Mitbürger zu spielen.

      • Finde ich schade, dass du das so pessimistisch und experimentierunfreudig siehst, für mich verträgt sich das schlecht mit einer grundsätzlich künstlerischen Gesinnung.
        Das bGE ist in seinen Konsequenzen unabsehbar, aber jedenfalls mit den besten Absichten vorgebracht, es wäre es wert, einmal ausprobiert zu werden – und das würde bspw. in der Schweiz aus einer Volksabstimmung heraus geschehen, nicht aus einer diktatorisch-ideologischen Zwangsmaßnahme. Ich sehe nicht, was gegen einen demokratisch legitimierten, zeitlich begrenzten Versuch, das bGE auszuprobieren, spricht. Sollte dann wirklich der Müll auf den Straßen stehenbleiben und niemand mehr deine Konzertsäle putzen wollen, dann lassen wir’s, aber vielleicht steigert es auch die Lebenserwartung und bringt bspw. mehr Menschen zu musischer Betätigung.

        • Also dem ersten Satz muss ich doch mal vehement widersprechen. Ich selbst bin selbstverständlich experimentierfreudig – in der Kunst und im Leben – aber ich zwinge diese Haltung eben niemand anderem auf und sehe das auch nicht im geringsten als konstitutiv für eine „künstlerische Gesinnung“. Kunst und Politik unterscheiden sich da komplett: radikale Kunst ist toll, radikale Politik ist meistens beschissen. Ich habe mich ziemlich ausführlich mit Leni Riefenstahl beschäftigt, der genau diese Unterscheidung zwischen Kunst und Politik abhandengekommen ist, und die die Realität – mithilfe Hitlers – ihrer radikal-romantischen Kunstauffassung anpassen wollte. Wer solche Kategorienfehler mit „künstlerischer Gesinnung“ zu entschuldigen versucht, dem sitzt m.E. die Brille ziemlich schief.

          In einem Rechtsstaat ist übrigens aus gutem Grund die Reichweite von Mehrheitsentscheidungen beschränkt, sodass eben nicht zwei Ziegen und ein Kohlkopf über das Abendessen abstimmen können. Insofern wäre ich mit „demokratisch legitimiert“ sehr vorsichtig, nur weil vielleicht 60% dafür stimmen. Und was die zeitliche Begrenzung betrifft: die Folgen wird man erst in Jahrzehnten sehen können. Ob die Wirtschaft blüht oder degeneriert, stellt sich nicht in zwei Jahren raus, ebensowenig, was das neue System psychologisch mit den Menschen macht. Bis das feststeht, muss man im Grunde neue Generationen abwarten, die nichts anderes kennen. Dann ist aber die Gesellschaft im schlimmsten Fall bereits irreparabel zerstört.

  2. Für dich ist das jetzige Wirtschafts/Konkurrenz/Profitsystem also alternativlos? Für die Menschheit besteht nicht die Aufgabe, Drecksarbeit obsolet zu machen? Einen möglichen Ansatz in die Richtung gar nicht erst probieren, weil er ja deine Konzerte beeinträchtigen könnte? Traurig.

    • Sorry, aber damit katapultierst Du Dich aus dem Diskurs. Wenn etwas traurig ist, dann dieser unqualifizierte Kommentar.

      • Naja, so wie das Grundeinkommen in den Meisten Szenarien geplant ist, wäre es ja eher so etwas ein Ersatz für die Sozialhilfe, allerdings mit deutlich weniger administrativem Aufwand (v.a. weil man den Leuten diese ganze erniedrigenden Bedürftigkeitsnachweise ersparen würde – was sicher auch keine schlechte Sache wäre). In der Schweiz 1000 € Grundeinkommen wird – glaube ich – die Motivation auch mit „Drecksarbeit“ etwas dazu zu verdienen nicht wirklich begrenzen. Insofern, glaube ich, hier wird der ganzen Sache vielleicht etwas zu viel zugetraut – sowohl was die Verbesserung der Welt als auch was das Verschwinden der geldbasierten Motivation angeht.

        • Ich habe diese Variante – Sozialhilfeersatz mit weniger Aufwand – auch schonmal gehört. Damit habe ich deutlich weniger Probleme. Da ginge es dann aber in Deutschland um weniger als 1000 Euro. Und in der Schweiz ist ja aktuell von 2500 Franken die Rede. Das ist selbst in der Schweiz kein Sozialhilfeniveau mehr.

          • Das stimmt, es ist etwas mehr, wobei man allerdings auch unterscheiden muss, weil Sachleistungen (Miete, Versicherungen, etc.) eventuell mit rein gerechnet werden müssen – da wäre ich nicht sicher ob das in der Schweiz dann nicht doch auf 1000 € rauslaufen könnte.
            Schwieriger an dem Thema finde ich, wer das bekommt, Geld hat immerhin auch den Vorteil, zu einem gewissen Grade neutral zu sein, wenn Geld durch das Gundeinkommen keine größere Rolle spielen sollte, befürchte ich, dass es dann wieder um Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe gehen wird um zu bestimmen, wer davon nichts bekommen soll. Würde mich nicht wundern, wenn es – sollten die mit ja stimmen – sehr schnell dann zu Kampagnen kommt „Grundeinkommen nur für Schweizer“ oder so etwas…

          • ja, das stimmt, entweder würde es wohl auf „Grundeinkommen nur für Schweizer“ oder auf noch rigidere Zuwanderungsbeschränkungen hinauslaufen…

    • (welch erlesenes Diskussionsniveau: „19. Jahrhundert“, „Mottenkiste“, „1905“, „rückwärtsgewandt“: inhaltlich zu argumentieren scheint den Herren nicht einzufallen? Und natürlich immer schön polemisieren, wo kämen wir denn hin, wenn verschiedene Positionen einfach mal sachlich diskutiert würden…)

  3. Lieber Martin, da muss ich dir aber auch in einigen Punkten widersprechen. Ich versuche auch, ohne Polemisierung auszukommen. Ich finde, wie Johannes, dass es im (global gesehen) Grunde genommen nicht viel schlimmer werden kann. Klar, uns in Deutschland gehts gut, wie exportieren ja auch wie die Weltmeister, du weißt aber schon, dass nicht jedes Land mehr exportieren kann, als es importieren kann? Wir leisten uns genug Sklaven auf der ganzen Welt, die die Drecksarbeit für uns machen. Und abgesehen davon sind wir dabei die eigene Überlebensgrundlage (unsere Biosphäre) ziemlich vor den Karren zu fahren. Von daher wäre ein Versuch immer noch besser, als sehenden Auges in den Abgrund zu fahren. Aber nun zu deinen Punkten:
    Jetzt leiste ich mir an dieser Stelle doch Polemik, dass solls dann aber auch sein. Im Grunde lässt sich deine Aussage zur typischen Äußerung des konservativen Lagers zusammenfassen: „Ich würde ja weiterarbeiten, aber die anderen…“.
    Es gibt mehrere Punkte, bei denen du sicherlich entscheidende Probleme angesprochen hat, doch auch hier haben sich ja einige kluge Leute schon Gedanken gemacht.

    Entgegen der häufigen Annahme, dass mit dem BGE alle das gleiche verdienen würde, wird Arbeit ja weiterhin bezahlt. Es muss nur niemand mehr um seine Existenz fürchten. Wer also aus rein wirtschaftlichen/konsumorientierten Interessen arbeitet, wird hierfür auch zukünftig Geld erhalten. Es werden auch nach wie vor Steuern gezahlt, das BGE entspricht hier nur dem bisherigen Steuerfreibetrag. Auch die gezielte staatliche Förderung von Kunst ist hierbei ja nicht ausgeschlossen. Entscheidend ist ja nicht die Geldmenge, sondern die Menge der produzierten Güter. Und die in Deutschland produzierten Waren und Dienstleistungen übersteigen (in Geld gemessen) die Kosten für ein BGE um das dreifache.
    Martin, du scheinst ja eine nicht sehr gute Meinung von seinen Interpreten zu haben, wenn du voraussetzt, dass sie deine Stücke ohne Kohle nicht spielen. Das wage ich doch stark zu bezweifeln, die wenigstens Menschen in unserem Beruf haben diesen wegen der tollen Gehaltsaussichten gewählt, schon gar nicht in der neuen Musik. Im Grunde sind wir gerade in unserem Bereich doch alle Idealisten und in dieser Hinsicht die perfekten Bezieher eines BGE.
    Ein sehr großes Problem besteht wohl in der Frage, was mit Arbeiten passiert, die keiner machen will und die schlecht bezahlt sind. Hier wäre zu unterscheiden zwischen einer mieser Arbeit, die Qualifikation benötigt und mieser Arbeit, die keine Qualifikation voraussetzt (Kloputzen…). Hier zeigen sich drei mögliche Wege (wie Johannes schon erwähnte): Entweder, die miese Arbeit wird so gut bezahlt, dass sie wieder attraktiv wird, oder: Die unbeliebte Arbeit wird vergemeinschaftet und zur Bürgerpflicht (schöne Beispiele: Kehrwoche, Schöffe, Wahlhelfer, etc.), oder: Automatisierung. Erstes träfe dann auf die Sklavenarbeit mit vorausgesetzter Qualifikation zu, so wie es in vielen Fällen ja heute schon ist. Jegliche unbeliebte Arbeit, die keine Qualifikation voraussetzt kann demnach soweit wie möglich automatisiert oder in die Hände der Gemeinschaft gelegt werden, jeder muss mal ran, so wird es (zumindest war’s zu meiner Schulzeit so) ja auch immer pädagogisch wertvoll bei Klassenfahrten vermittelt: Jeder muss mal abwaschen, putzen, etc. Das wäre womöglich sogar gut fürs solidarische Zusammenleben und die Sozialhygiene.
    Das wichtigste und größte Problem ist meiner Meinung nach die Einführungsphase eines BGE. Die Einführung von heute auf morgen ist vermutlich systematisch und bürokratisch zum Scheitern verurteilt, es bleibt nichts anderes als eine schrittweise Einführung der Ausschüttung. Und hier werden die Streitpositionen zentral: Das BGE ist nicht so sehr von der Wirtschaftskraft, der Bevölkerungszusammensetzung, etc. abhängig, sondern hauptsächlich von der Vorstellung von „Arbeit“, letztendlich des Menschenbildes abhängig, das in den Köpfen steckt. Von Menschen, die in unserem bis heute herrschenden Wertesystem der Arbeit aufgewachsen sind, kann man nicht verlangen, dass sie verantwortungsvoll mit einem plötzlich einsetzenden BGE umgehen. Mögliche Lösung: Das BGE kommt also nur für Menschen in Frage, die damit aufwachsen. Die Idee wäre die folgende: Die stufenweise Einführung bestünde darin, ab einem gewissen Zeitpunkt jedem neugeborenen Bürger (oder bis zu einem gewissen Alter) das BGE auszuzahlen, dafür wird jegliche anderweitige Sozialleistung gestrichen. Bis zum 14. Lebensjahr obliegt die Verfügungsgewalt bei den Eltern, danach beim Heranwachsenden, der so frühzeitig einen verantwortlichen Umgang mit Geld erlernen könnte. Dies würde die Geburtenraten über einen gewissen Zeitraum ansteigen lassen, da vermutlich viele versuchen würden, sich so den Lebensunterhalt (mit) zu finanzieren. Geschenkt, die Deutschen sterben ja sowie so aus, harhar. Die Einführungsphase würde sich so zwar über mehrere Jahrzehnte erstrecken, würde aber genug Zeit für Anpassung im Steuersystem, den Abbau des Sozialstaats, Reformierung des Gesundheitssystems und nicht zuletzt zur Erörterung staatsbürgerschaftlicher und Ein/Auswanderungsfragen bieten.

    • Lieber Malte, danke für Deinen ausführlichen und sachlichen Kommentar. Ich denke, wir brauchen nicht darüber zu reden, dass die Ausbeutung der armen Länder zum Himmel stinkt. Nur sehe ich nicht ganz den Bezug zum Grundeinkommen, denn das soll doch in allen mir bekannten Varianten nur national oder regional eingeführt werden? Inwieweit hilft es jemandem, der im ölverseuchten Nigerdelta lebt, wenn es in Westeuropa ein Grundeinkommen gibt? Oder habe ich was falsch verstanden?

      Was meine Musiker betrifft: ich habe ja schon mehrere Konzerte organisiert, wo ich den Musikern keine Gage gezahlt habe. Sie haben mitgemacht. Aber beim zweiten oder dritten Mal kam dann schon die zaghafte Frage, ob denn nicht auch mal eine Gage drin wäre. Ich weiß nicht, ob das wirklich an akuter Geldnot lag. Eine Bezahlung ist schließlich auch eine psychologische Anerkennung. Schließlich war es ja wirklich mein Projekt und die anderen haben mitgemacht. Allein diese Aufgabenteilung mögen manche „so 19. Jhd.“ finden, aber ich bin tatsächlich skeptisch gegenüber der Alternative, dass alle Beteiligten gleichzeitig die künstlerische Oberhoheit über ein Projekt haben. Ich habe da noch zu selten gute Ergebnisse gesehen. Natürlich kann die Aufgabenteilung im nächsten Projekt andersrum sein: ich arbeite jemandem zu, der sein eigenes Projekt künstlerisch leitet. Dann würden die 200 Euro erstmal hin- und dann wieder zurückfließen. Finanziell kommt unterm Strich null raus – psychologisch nicht.

      Was die Frage nach der „Drecksarbeit“ angeht: Mit der Bürgerpflicht hab ich so meine Probleme. Alle Vorschläge, die hier kommen, laufen letztendlich auf eine Stärkung des Staats hinaus, der das Geld und die Aufgaben verteilt. Gegen diese Art von Fremdbestimmung hab ich mich schon im Schullandheim gewehrt. Natürlich kann man jetzt erwidern, dass schon heute genügend Leute aus finanzieller Not gezwungen sind, eben diese Fremdbestimmung hinzunehmen. Aber in einer offenen Gesellschaft doch mit der Perspektive, ihr aus eigener Kraft entkommen zu können. Dagegen finde ich diese Utopie des komplettverwalteten Individuums einfach bedrückend.

      Was die schrittweise Einführung betrifft, die Du skizzierst, kann ich dazu nicht viel sagen. Für mich sind beide Varianten mit viel zu vielen Fragezeichen versehen, als dass ich sinnvoll Vor- und Nachteile abwägen könnte…

    • Grundsätzlich wäre es sicher einen Versuch wert, mit Hilfe eines Grundeinkommens finanzielle Sorgen zu lindern und statt auf Druck mehr auf Eigeninitiative zu setzen.
      Aber in Bezug auf die großen Fragen, die da am Anfang auftauchen bin ich mehr als skeptisch. Momentan wird in Europa – in der Schweiz zumal – über das BGE diskutiert. Das heißt das globale Wirtschaftssystem wird, wenn dort das Grundeinkommen kommt in keiner Weise hinterfragt, eventuell sogar eher noch zementiert, dann gibt es Länder, die sich das leisten können, aber das geht natürlich weiterhin auf Kosten anderer – nur, dass man deren Elend dann nicht mehr in der Nachbarschaft hat (ein bisschen Polemik läßt sich nicht vermeiden).
      Es gibt übrigens Länder quasi mit BGE, wo alle Bürger Geld vom Staat bekommen, Saudi Arabien zum Beispiel. Die haben dann eben eine sehr enge Definition von Bürger (und Arbeitssklaven gibts da wie man weiß zu Hauf). Ich finde es ehrlich gesagt arrogant und ein bisschen naiv zu glauben, dass das hier anders werden würde. Zumal sich ja momentan zeigt, wie wehrlos europäische Gesellschaften gegen rechte, rassistische Umtriebe sind… und Geld bzw. Reichtum war bei allen Problemen immer auch eine Möglichkeit zur Partizipation von Menschen die vorher aus rassistischen oder religiösen Gründen ausgeschlossen waren. Ich denke, dass das die größte Gefahr beim BGE ist: es geht um Gemeinschaft – und Gemeinschaft definiert sich leider meist über die, die man ausschließt – und wundere mich, dass sich darüber fast keiner Sorgen zu machen scheint…

  4. Ich will’s noch mal versuchen, meine es wirklich unpolemisch, nur weil ich dich noch besser verstehen will – so eine Abneigung gegen das bGE ist ja in Künstlerkreisen nicht gerade die populärste Meinung, daher bewundere ich erst mal deine entschiedene Haltung.

    Also: Du argumentierst, dass durch das bGE keiner mehr die Drecksarbeit machen will (die bspw. für deine Kunstform notwendig ist). Aber warum kommt es dir überhaupt nicht in den Sinn, die Tatsache zu problematisieren, dass in dieser Welt Drecksarbeit überhaupt anfällt und die Gesellschaft dafür ein Wirtschaftssystem installiert hat, die die Untersten dazu zwingt, diese Drecksarbeit zu machen?

    Es bringt wahrscheinlich nichts, jetzt noch mal Details des bGE abzuwägen, da es noch nie durchgeführt wurde, fehlen belastbare Nachweise über Durchführbarkeit oder nicht, beide Seiten haben diesbezüglich ihre spekulativen Argumente.

    Die Frage wäre vielmehr darüber hinaus, wie viel politische Utopie heute denkbar und wunschbar ist, beispielsweise von einem Künstler wie dir, und vielleicht auch gerade unter dem Gesichtspunkt, wie das die/deine Kunstpraxis berührt.

    • Danke für Deinen Kommentar. Natürlich finde ich mich nicht einfach so damit ab, dass es großen Teilen der Weltbevölkerung scheiße geht. Aber inwiefern kann ich das „problematisieren“? Indem ich Patentrezepte dagegen anbiete? Ich habe leider keine. Und den vorgebrachten misstraue ich. Ich kann nur bei mir selbst anfangen, versuchen, mich zu verhalten wie ein Mensch, und anderen Menschen helfen, soweit es mir möglich ist (was übrigens auch zivile Umgangsformen in Internetforen einschließt – damit meine ich nicht Dich, aber manche andere). Ich verbessere die Welt lieber in kleinen Schritten, jeden Tag, von Auge zu Auge, anstatt mit dem Finger auf die „Bösen“ (die Kapitalisten oder wen auch immer) zu zeigen oder große Utopien zu entwerfen, deren Ausgang unsicher ist und die womöglich Millionen Menschen ins Verderben reißen können. Das ist meine politische Utopie, und in gewisser Weise auch die Utopie meiner Kunst. Dagegen sind mir Utopien, die mit Zwang für andere Menschen verbunden sind, verhasst.

      • Ok, danke für diese Darstellung. Dann wäre noch meine Nachfrage, wie dein Verständnis von Demokratie ist (aus deinem obigen Beispiel mit den Ziegen und dem Kohl wird mir das irgendwie nicht klar) – jede Bundestagswahl ermächtigt Politiker zu Maßnahmen, die die Zukunft betreffen, also Utopien darstellen, die dann mit irgendeiner Änderung, also zu „Zwang“ für die Menschen führen. Beispiel: die Agenda 2010 der Rot-Grünen Regierung unter Schröder. Wenn dir sowas grundsätzlich verhasst ist, dann frage ich mich schon, welche Regierungs/Gesellschaftsform dir dann eigentlich vorschwebt. Gehst du überhaupt wählen? (Keine rhetorische Frage.)

        • Nun, obwohl ich (was jetzt kaum überraschend kommen dürfte) durchaus gewisse anarchische Neigungen habe, ist mir doch klar, dass ein rein anarchisches Gesellschaftsmodell nicht funktionieren würde. Soweit man historisch zurückschaut, wurde beim Regieren Zwang ausgeübt, und dieses Faktum kann man nicht beseitigen, ohne selbst Zwang anzuwenden. Insofern sehe ich es v.a. als Aufgabe der Regierung, den Zwang so gering wie möglich zu halten, also pragmatisch zu agieren und zu versuchen, unter den gegebenen Umständen, wie die Welt nun eben funktioniert, am wenigsten Schaden anzurichten. Wie ich oben schon sagte: so wichtig ich radikale Kunst finde, so fatal finde ich radikale Politik. Dieses Modell des pragmatischen Interessensausgleichs und der Abfederung von Härten funktioniert in den meisten westlichen Demokratien momentan eigentlich ganz gut. Noch wichtiger als das Mehrheitsprinzip finde ich aber das Wertegerüst, auf dem der Staat ruht – das meinte ich mit dem Ziegenbeispiel. Und da ist mir die Freiheit des Einzelnen eben immer sehr zentral.

  5. Sorry dass ich noch nicht fertig bin, du hast halt ein riesiges Fass aufgemacht. Wahrschinlich ist das folgende keine Frage mehr sondern ein Statement, du hättest wahrscheinlich weiter oben in die Richtung sonst schon deine Ansichten oder Einsichten dargestellt.

    Zur Wertschätzung der individuellen Freiheit: Theoretisch hat in diesem Staat jeder die sog. Chancengleichheit. Selbst wer das Pech hat, in die noch so beschissenste Familie hineingeboren zu sein, sollte durch allgemeine Schulbildung „aufsteigen“ können. Andererseits ist das derzeitige Wirtschaftssystem aber auf billige Arbeitsplätze angewiesen, etwa für die „Drecksarbeit“. Würde jeder „aufsteigen“, dann blieben die öffentlichen Klos dreckig, oder am Ende würden selbst das Hochqualifizierte erledigen müssen, weil es noch höher Qualifizierte gibt.

    Würde wirklich jeder die angeblich vorhandenen Aufstiegsmöglichkeiten nutzen, wer macht dann die Drecksarbeit? Da es derzeit aber offenbar genug Leute für die Drecksarbeit gibt, gibt es dafür zwei Erklärungen: a) die, die die Drecksarbeit machen, sind halt nicht willens, aufzusteigen – ein Glück, dass das so viele sind, sonst bliebe trotz der staatlich installierten Aufstiegsmöglichkeiten der Müll auf der Straße [diese Aussage enthält zwangsläufig Ironie] b) mit den Aufstiegsmöglichkeiten, also der individuellen Freiheit ist es gar nicht so weit her, wie es heißt. Manche nennen diese angebliche Freiheit daher abschätzig „neoliberal“, es ist eben nur die Freiheit, die im Rahmen des kapitalistischen Systems besteht.

    Durch das bGE wäre mehr individuelle Freiheit denkbar – gerade für die, die das Pech haben, in beschissene Familien hineingeboren zu sein, oder für die, die Arbeiten machen, die nicht ökonomisch von Belang sind, wie etwa atonale Musik. Zwang impliziert das bGE erst mal durch Umverteilung, aber der Freiheitsverlust für die damit Belasteten kommt mir geringer vor als der Gewinn auf der anderen Seite.

    Wie gesagt, hier steht aber eigentlich die grundsätzliche Frage im Raum, wie viel politische Utopie derzeit in den Köpfen besteht und man willens ist zu wagen. Ich finde interessant, dass für dich das 20. Jahrhundert immer noch so eine starke Argumentationsbasis ist; gerade die Digitalisierung stellt die Welt vor neue Optionen und lässt mich jedenfalls einige Hoffnung in Automatisierungsmöglichkeiten schöpfen. Vielleicht ist das bGE in der falschen Reihenfolge: Erst muss es die Automatisierung geben, dann das bGE. Aber vielleicht verhindert die gegenwärtige Martkwirtschaft aber eben jene technischen Innovationen; wäre das bGE erst einmal irgendwo eingeführt, würde die Notwendigkeit für neue technische Lösungen stärker im Vordergrund stehen.

    Ich will mir jedenfalls nicht mit Skeptizismus wegen Gräueln aus einem vergangenen Jahrhundert die gegenwärtige politische Lage versteinern lassen. Und die Katze beißt sich dann doch in den Schwanz: Radikale künstlerische Utopien ja, aber keine einhergehenden politischen Utopien, denn die radikalen künstlerischen Utopien implizieren Drecksarbeit, dafür muss die Politik so bleiben wie sie ist – dann will ich keine solche radikalen künstlerischen Utopien.

    • Naja, so wie Du das im letzten Satz formulierst, wäre es natürlich absurd. Ich habe ja im vorletzten Kommentar ausgeführt, dass ich zweifellos politische Utopien habe, die jedoch mehr auf die Wandlung des Einzelnen zielen, wodurch sich dann auch die Gesellschaft insgesamt verändert.

      Den Freiheitsverlust durch das Grundeinkommen sehe ich übrigens nicht nur dadurch, dass den Reichen Geld weggenommen wird, sondern v.a. durch die zunehmende Verwaltung unseres Lebens durch den Staat. Wie Malte vorhin schrieb: ich bekomme 1000 Euro und werde dafür zweimal die Woche zum Straßenkehren abkommandiert. Was passiert, wenn ich mich weigere? Komme ich dann ins Gefängnis? Oder nimmt man mir die 1000 Euro wieder weg? Es ist im Grunde die alte Frage von Freiheit vs. Gleichheit, die wir hier diskutieren, und mir kommt es so vor, als schreckte mich mehr die Unfreiheit und Dich mehr die Ungleichheit.

      Das 20. Jahrhundert ist für mich an und für sich keine besonders große Referenzgrundlage, eher umgekehrt: ich erkenne in der Utopie des bedingungslosen Grundeinkommens den großen utopischen Gestus des 20. Jahrhunderts wieder, und das irritiert mich.

      Ansonsten hast Du mit der Reihenfolge recht: Wenn es die Automatisierung irgendwann gibt und die Menschen tatsächlich rumstehen und sich langweilen, dürfte das Grundeinkommen recht problemlos kommen. Aber noch glaube ich nicht daran, v.a. deshalb, weil mir nicht einleuchten will, warum die Digitalisierung ein kategorial neuer Fortschritt verglichen mit der Dampfmaschine oder dem Räderpflug ist.

  6. Ich denke, was Du im ersten Teil Deines Beitrags ausgeführt hast, trifft es ganz gut. Es liegt meiner Meinung nach der Diskussion um die Selbstverwirklichung mit Hilfe des Grundeinkommens eine wenigstens weitgehend falsche Auffassung von Arbeit zugrunde. Die Arbeit sollte nicht da sein, um sich selbst zu verwirklichen, sondern um seine Talente und sonstigen Anlagen in irgendeiner Form nützlich zu machen. Natürlich wäre es ideal, wenn jeder eine möglichst breite Auswahl an Arbeitsmöglichkeiten hätte und seine Talente beispielsweise während der Zeit einer soliden Schulbildung auch wirklich entdecken könnte. Aber zur „Selbstverwirklichung“ sollte die Arbeit eigentlich nicht dienen, sie sollte nicht so allumfassend sein, dass sie einen entweder „verwirklichen“ muss oder überhaupt nicht mehr getan werden kann. Arbeit, auch langweilige und dumme Arbeit, gehört mMn einfach zum Leben; würde sie keiner verrichten, wären wir hier alle recht übel dran. Dafür, dass die Drecksarbeit am Ende nicht auch noch unterbezahlt wird, sollte man halt einen Mindestlohn einführen. Sorry falls das jetzt irgendwie alles schon gesagt oder gar widerlegt wurde, ich hatte gerade nicht die Muße jeden Kommentar durchzulesen.

    • Achja, und zum Thema Experimentieren: Eingeführt ist eine Sache in der Regel schnell, rückgängig gemacht tendenziell weniger.

      • Naja, und auch als Künstler muss man wohl dementsprechend seine Arbeit irgendwie als eine Art Notwendigkeit ansehen, sonst interessiert das langfristig nur ein sehr beschränktes Publikum. Oder vielleicht auch gar keines. Das ist es vielleicht, was Du mit Mittelmäßigkeit meinst…?
        So, das war jetzt aber der letzte Kommentar.

        • Ja, ich stimme Dir weitgehend zu. Die Arbeit kann selbstverständlich zur Selbstverwirklichung beitragen, und ich finde es auch gut, wenn möglichst viele Leute etwas arbeiten können, was sie nicht total langweilt und anekelt. Aber es wäre in der Tat unrealistisch zu glauben, dass sich irgendwie eine Gesellschaft herbeiführen lässt, in der alle Leute nur noch ausschließlich das tun können, was sie gerne tun. Selbst jemand, der (wie ich) einen Beruf hat, der ihm wirklich Freude und Erfüllung gibt, muss oft genug Sachen machen, die nicht ganz soviel Spaß machen oder sogar lästig sind. Das gehört tatsächlich, wie Du sagst, zum Leben dazu.

  7. P.S. : So denkst Du also von uns („staubtrockene Buchhalten und Philister“)?? :o Ich würde sagen, vor allem gemessen an den heutigen internationalen Standards, sind die Schweizer alles andere als das…

    • jaja, die Schweizer sind heute für ihre Exzessivität und Leidenschaftlichkeit bekannt! Da können die Brasilianer einpacken!

      • Naja, Nicht-Spießigkeit misst sich ja nicht daran, wie exzessiv man ist, sondern ob man sich zB getraut, auch mal was Neues auszuprobieren oder nicht … Ich denke sogar, dass es eigentlich eine äußerst spießige Vorstellung ist, dass nur irgendwelche ephemeren Exzesse einen Ausbruch aus der Spießigkeit zu bieten haben ^^

        • Das sind dann so die Leute, die ihre jüngeren Jahre nichts anderes zu tun haben, als sich die Birne zuzusaufen, weil sie damit rechnen, dass mit dreißig ihr Leben eh vorbei sein wird …

  8. Pingback: Warum ich als Künstler das bedingungslose Grundeinkommen ablehne | Grundeinkommen und das Recht auf Arbeit

  9. Hallo Martin,
    ich sehe das ähnlich wie du und bin in einer ähnlichen Situation. Und: Auch ich habe einen Artikel zu, BGE verfasst. ;) https://www.raphael-bolius.com/webdesignblog/das-bedingungslose-grundeinkommen-blg/

    Allerdings habe ich nach dem Artikel noch länger darüber nachgedacht und es gibt noch viel mehr Überlegungen, die dagegen sprechen. Das Problem ist ja nicht das Geld das manche nicht haben, sondern der Umgang, den wir untereinander pflegen. Wenn wir den nicht ändern und stattdessen allen ein BGE geben, wird sich das Geld, das alle erhslten, wieder zurückkürzen.

    Wenn die gesellschaft meint, dass Kindererziehung, Altenpflege, Kreativität, „niedrige Arbeiten“ nichts oder nur wenig wert sind, wird das derzeit durch die mangelnde finanzielle Zuwendung in diesen Bereichen sehr klar ausgedrückt. Wenn jetzt aber alle gleich viel mehr haben, ändert sich nichts daran, dass die genannten Dinge als „unwichtig“ betrachtet werden und „der Markt“ wird das schon wieder zurechtrücken.

    Geld ist ja kein absoluter Wert, sondern eine Art Glaubenssystem. Ich hoffe, ich konnte meinen Gedanken gut ausdrücken. ;)

    • Ja, da stimme ich Dir zu, dass der auf dem Markt ausgehandelte Preis den subjektiv empfundenen Wert einer Sache ausdrückt. Wenn mehr Geld vorhanden ist (wie z.B. in der Schweiz oder in Norwegen), sind ähnlich bewertete Güter nominal teurer; was mich spontan zu der Frage führt, ob ein bedingungsloses Einkommen nicht sogar zu galoppierender Inflation führen könnte. Aber da verstehe ich leider zu wenig von Ökonomie, um das beurteilen zu können…

      • Ja, ich bin ja auch nur Hobby-Ökonom. ;) Aber ich kann mir mit meinem bescheidenen Wissen von Ökonomie das BGE nicht wirklich vorstellen, sondern halte es eher für eine Fantasie mit deren Hilfe man sich eine bessere Welt erträumt.

        Wobei ich nicht darauf bestehe, dass ich recht habe. Als die Eisnbahn erfunden wurde, wollten auch Ärzte mitfahren um zu testen, ob diese „enorme“ Geschwindigkeit nicht Schaden am menschlichen Körper anrichten würde. Und noch früher war es klar, dass die Erde eine Scheibe ist.

        Vielleicht bin also ich der ewig Gestrige, der das Thema nicht versteht. Trotzdem habe ich kein gutes Gefühl beim BGE.

  10. Also ich bin selbst auch Künstler.

    Im Grunde ist das BGE die perfekte Basis für Künstler.

    Der Berufdes Künstlers ist einer der coolsten die es gibt von dem man aber gleichzetig heute am schwierigsten Leben kann.

    Was mich zu der Frage bringt ob mit einem BGE dann jeder zweite Künstler wird und es eine Wahnsinns Konkurrenz in künstlerischen Bereichen gibt und damit so gut wie gar kein Geld mehr zu verdienen ist.
    Das wäre dann vielleicht der Preis für die perfekte Basis.

    Ansonsten sehe ich für fast alle Bereiche eher positive Auswirkungen, und bin daher natürlich Befürworter.

    Ich glaube aber das die Idee des BGE nie landesweit 1 zu 1 umgesetzt werden wird, sondern es einen Etikettenschwindel geben wird, also einen leicht veränderten alten Sozialstaat unter dem Beinamen Grundeinommen.

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