Die singende Einwickelfolie

Zu Silvester – jaaa, schon eine ganze Weile her, ich gebs zu!!! – spielte im Tempodrom das DSO mit dem Circus Roncalli. Der zugehörige Clown (vom Circus, nicht vom Orchester) war eigentlich nicht besonders lustig, aber ein Effekt, den er wohl kaum beabsichtigt hatte, war sehr interessant.

Das Tempodrom an SilvesterEr verteilte zunächst ans Publikum einige Meter von dieser bei Kindern beliebten Einwickelfolie – dieses lustige Ding mit den vielen kleinen Luftpölsterchen, die beim Zerdrücken „Plop“ machen. Zuerst ließ er einzelne Zuhörer ein leises „Plop“ machen, dann koordinierte er mehrere zu einem lauteren „PLOP“, schließlich brachte er ihnen ein zweifaches „PLOP–PLOP“ bei. Danach zerteilte er das Publikum in zwei Hälften – auf der nebenstehenden Landkarte grün und orange eingefärbt und mit P1 und P2 bezeichnet (die Einwohner der billigeren Plätze hatten keine Folie bekommen). Zuerst durfte der grüne Block „PLOP–PLOP“ machen, dann der orangene. So tönte es also in perfekter Synchronisation durch den Saal: „PLOP–PLOP————PLOP–PLOP“.

Zuletzt setzte, das war nämlich der Clou, das Orchester mit dem Donauwalzer ein, und man hörte, vom Clown dirigiert:

Johann Straussens Donauwalzer mit Einwickelfolie

Das eigentlich Verblüffende aber war: Man hörte Tonhöhen! Nicht (nur) im Orchester, sondern auch beim PLOP–PLOP des Publikums. Die Einwickelfolie schien die Melodie (nicht nur den Rhythmus) des Donauwalzers mitzuspielen.

Wie kam das? Die Illusion entstand, weil der demütige Chronist an einem Ort saß (markiert durch den roten Punkt), wo ihn die PLOP–PLOPs der beiden Publikumsgruppen in unterschiedlichen Winkeln und mit einem unterschiedlichen Direktschallanteil erreichten. Ich könnte noch nichtmal sagen, ob die PLOP–PLOPs der Zuschauergruppe 2 wirklich dumpfer ankamen als die der ersten Gruppe. Doch allein der spektrale Unterschied an sich reichte offenbar, um dem Ohr vorzugaukeln, dass es sich um Tonhöhen handele – und zwar nicht um irgendwelche, sondern just um dieselbigen, die dem Walzerkönig 1866 in die unsterbliche Feder flossen. Tja, es stimmt wohl: auris vult decipi, ergo decipiatur…

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Kommentare

Die singende Einwickelfolie — 2 Kommentare

  1. Interessant. Hinzu kommt wohl noch die schiere Gleichzeitigkeit.
    Hier könnte man auch meinen, die Schreibmaschinenanschläge hätten selber noch melodischen Anteil https://www.youtube.com/watch?v=EJ8yKvgGyDw
    Vielleicht ist es in deinem Fall aber nicht nur wahrnehmungspsychologisch, sondern auch irgendein Maskierungsvorgang von Plop und Orchester, der die spektrale Verschiedenheit der Plops noch verstärkte.

    • Ja, es kann sicher mehrere Gründe haben. Das sind immer die spannenden Momente in der Musik, wenn man sich nicht mehr genau erklären kann, was man gerade hört und was da genau passiert.

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