Freie Männer und Helden – zwei Todfeinde

Depardieu mit Putin. Depardieu mit Lukaschenko. Depardieu mit Kadyrow.

Depardieu mit Putin. Depardieu mit Lukaschenko. Depardieu mit Kadyrow.

Vor ein paar Tagen ist in der Welt ein kluger Artikel über Gérard Depardieu erschienen. Ich muss gestehen, dass ich Depardieu als Schauspieler eigentlich gar nicht besonders gut kenne. Im Wesentlichen verfolge ich – jaja, ganz Kulturbanause! – lediglich, was die Medien über ihn schreiben. Und das war in den letzten Jahren bekanntlich meist Geläster und Gezeter.

Der aktuelle Artikel von Peter Praschl hingegen geht trotz seines Titels („Vom jungen Gott zum dicken Ekel“) in eine ganz andere Richtung. Und die lohnt es sich zu vertiefen.

Praschl beschreibt den „Zickzackkurs“ des Schauspielers, der bewundernswerte und peinliche Filme hintereinander dreht, der in der Öffentlichkeit mal sensibel, mal grobschlächtig agiert, in tausend Fettnäpfchen tritt und sich im nächsten Moment erstaunlich selbstkritisch zeigt. Und der Autor fragt mit leicht sarkastischem Unterton:

„Sollten nicht zumindest die Leute, die in der Öffentlichkeit wirken, einigermaßen konsistent sein? Man hat doch ein Recht darauf, sie einordnen zu können.“

Es sei unmöglich, Depardieu „zum Helden zu ernennen“. Ein interessanter Gedanke – der noch dazu korrekt ist. Zumindest wenn man über ein traditionelles Heldenbild verfügt, wie es offenbar auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts immer noch tief in den Köpfen der Menschen verwurzelt ist.

Depardieu entbehrt jeder heldischen Klarheit: er lebt seine kantige Persönlichkeit, seine inneren Widersprüche ungebremst aus, ohne sich einen feuchten Kericht darum zu scheren, was der Rest der Welt denkt. Er lässt sich nicht von Erwartungen und Konventionen zurechtstutzen, er folgt allein seinem eigenen Wertesystem. Praschl beschließt seinen Artikel denn auch mit der Feststellung, das „Unerträgliche“ an Depardieu sei, dass er ein „freier Mann“ sei.

Depardieu ist kein Held, sondern ein freier Mann. Heldentum und Freiheitsliebe sind inkompatibel – auch das eine interessante, wenn auch überraschende Schlussfolgerung. Bewundern wir denn den Helden nicht gerade deshalb, weil er aus der Konvention ausbricht, gegen Widerstände kämpft, seine Gegner bezwingt und am Ende als Sieger aus dem Ring steigt – als freier und stolzer Mann?

Tatsächlich ist die Freiheit des Helden eine Scheinfreiheit. Ein Mensch muss sich, um zum Helden zu werden, zurechtstutzen lassen. Der konkrete, sperrige, inkonsistente Mensch muss hinter einer idealisierten Hülle verschwinden. In früheren Jahrhunderten besorgte das die Zeit – die Legendenbildung. Heute besorgen es die Medienmacher, die uns die Helden der Popkultur als makellos zurechtgefeilte Idealbilder präsentieren. Irgendwann freilich (da die Stars anders als die Helden früherer Zeiten noch bei lebendigem Leib beschnitten werden) rasten die zurechtgestutzten Gewächse aus, worauf sie ihren Heldenstatus umgehend verlieren und zu armen, drogen- und alkoholkranken Opfern werden.

Depardieu verweigert sich dieser Selbstbeschneidung, und deshalb ist er kein Held. Damit ist er eigentlich außergewöhnlich modern. In Film, Theater, Literatur und Aktionskunst ist es schon seit Jahrzehnten gang und gäbe, den Menschen als Ganzes in den Blick zu nehmen, einschließlich seiner unauflösbaren Inkonsistenzen. Knut Hamsun hat bereits Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt, dass man dem Leser überhaupt keine Begründung dafür liefern muss, warum eine Figur sich unbegreiflich verhält. Theatermacher wie Rimini Protokoll oder Christoph Schlingensief bringen schon längst echte Menschen mit ihren Schrullen und Beulen auf die Bühne. Nur auf der Bühne des Lebens – da scheint das weiterhin unmöglich zu sein.

Interessanterweise sind es gerade die kritischen und progessiven Milieus, die hier eine stockkonservative Form der Heldenverehrung perpetuieren. Umgehend erheben sie ihren moralischen Zeigefinger, sobald Stars, Politiker und Künstler in einer Weise handeln, die sie nicht als vorbildlich ansehen. Die Pluralität des eigenen Ichs, die sie den Menschen im privaten Umgang ohne weiteres zugestehen, weicht unversehns einer vormodernen Idealisierung, sobald es um Personen des öffentlichen Lebens geht. Eine seltsame neue Form der Doppelmoral.

Unnötig zu erwähnen, dass ich die inkonsistenten, widersprüchlichen Zeitgenossen um ein vielfaches interessanter finde als die geleckten, tugendhaften Langeweiler. Nichts gegen traditionelle Helden! Aber dann sollen sie bitte auch wie Siegfried den Drachen töten. Die Legende machte die Helden von gestern nämlich nicht nur konsistent, sondern auch überlebensgroß. Die Helden von heute hingegen sind nur noch konsistent. Ansonsten sind sie genauso spießig wie die Tugendwächter, deren empörter Zeigefinger auf Depardieu & Co. zeigt.

Eine dieser Tugendwächterinnen heißt übrigens . Sie hat den ersten Kommentar zum obenverlinkten Welt-Artikel geschrieben:

Weniger Trinken würde schon sehr viel helfen…

Helfen? Wogegen? Dagegen, ein freier Mann zu sein? Na dann, Monsieur Depardieu – santé!

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