Warum Komponisten so nette Menschen sind

Bescheiden, ausgeglichen, selbstlos: ein typischer Komponist

Bescheiden, ausgeglichen, selbstlos: ein typischer Komponist

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Komponisten sind ausnehmend sympathische Zeitgenossen. Jeder kennt sie als höflich, bescheiden, hilfsbereit, gesellig, humorvoll, charmant – jedenfalls die meiste Zeit.

Nun gut, eine gewisse Überspanntheit, eine gewisse Unausgeglichenheit muss man ihnen wohl zugestehen. Das ist ja auch verständlich. Es muss schließlich seine Gründe haben, warum sich jemand als 20jähriger entschließt, nicht wie andere kreative Geister Werbetexter oder Grafikdesigner zu werden, sondern linierte Blätter mit kleinen schwarzen Punkten vollzuschreiben und zu hoffen, damit die Musikgeschichte zu ändern.

Aber das ist unbedeutend. Die Unausgeglichenheit ist kaum wahrnehmbar. Eigentlich tritt sie nur in vier ganz besonderen, festumrissenen Situationen hervor. In allen anderen Momenten ist der Komponist zahm wie ein Lamm. In diesen vier Situationen sollten Sie es jedoch tunlichst vermeiden, ihn zu reizen – der nette Junge könnte sich sonst in eine rasende Bestie verwandeln!

1. Wenn der Komponist nicht komponiert. Ganz naheliegend. Wer seine Berufung zum Beruf gemacht hat, ist naturgemäß gestresst, wenn er nicht arbeiten kann. Welche Gründe die temporäre Arbeitslosigkeit hat, ist dabei nebensächlich. Wer den Komponist in solchen Phasen fragt, „Was schreibst du denn gerade?“, der braucht sich nicht zu wundern, einen genervten Seufzer als Antwort zu bekommen: „Aaaaah, eigentlich müsste ich schon lääängst mit dem Stück für das Ensemble XY angefangen haben, aber hey, jetzt waren diese Woche schon drei Geburtstagsparties, so ein Mist, man kommt echt zu gar nichts!!!“ – Noch schlimmer ists freilich, wenn der Komponist nicht schreiben kann, weil er keine Aufträge hat. Da hat er sich schließlich als 20jähriger entschieden, ein Leben in Qual und Entsagung auf sich zu nehmen, um die Musikgeschichte in neue Bahnen zu lenken – und die blöde Welt ist noch nichtmal bereit, die elementarsten Grundvoraussetzungen dafür zu schaffen!! Wen wunderts, dass er auf die Welt gerade nicht so gut zu sprechen ist?!

2. Wenn der Komponist gerade ein neues Stück angefangen hat. Völlig klar. Der Anfang ist immer das schwerste. Das Notenblatt ist weiß und leer, die Vision ist noch unklar und verschwommen. Immer wieder und immer wieder misslingt ihre Verschriftlichung. Und der Komponist weiß: Gerade am Anfang muss er unerbittlich sein. Wenn er jetzt schon Kompromisse macht, geht das ganze Stück in die Hose. Jeden Ton legt er fünfmal auf die Goldwaage. Nach zwei Wochen hat er vielleicht acht Sekunden Musik geschrieben. Das stresst – nicht nur ihn, sondern mindestens ebensosehr sein Umfeld.

3. Wenn der Komponist gerade mitten im neuen Stück steckt. Die Begeisterung des Anfangs ist verflogen. Routine macht sich breit. Der Komponist hasst das. Auch die Perfektion des Anfangs ist weg. Nach zwei oder drei Minuten muss er sich eingestehen, dass bereits eine erkleckliche Anzahl von Kompromissen über die Partitur verteilt sind. Und dabei müssen noch zehn weitere Minuten folgen! Und dieser bescheuerte Übergang bei Takt 176, der will aber auch gar nicht werden, was!?! Überhaupt, beim nochmaligen Drüberschaun über die Partitur: ist das nicht eigentlich alles ziemlicher Mist?! Gestern klang das alles noch so krass und intensiv. Heute wirkt es total konventionell. Oder bin ich einfach nur unausgeschlafen? (Vielleicht sollte ich mich auch mal hinlegen, es ist schon drei Uhr nachts.) Und es fehlen immer noch fünf Minuten! Trägt mein Formkonzept eigentlich?!?

4. Wenn der Komponist gerade dabei ist, sein Stück abzuschließen. Logisch. Der Endspurt geht immer besonders an die Nieren. Die Zeit drängt, der Abgabetermin naht – und man ist grundsätzlich zu spät. Die Musiker beginnen zu quengeln, wollen schon dieses und jenes Detail wissen, das man doch, Ihr Pisser, erst morgen festlegen kann! Und es gibt immer noch keinen Titel! Vor allem aber: das Ende ist immer das schwerste. Das betrifft nicht nur den eigentlichen Schluss, den überzeugend hinzukriegen bekanntlich eine der schwierigsten und meistunterschätzten Fertigkeiten überhaupt ist. Nein – der ganze Finalabschnitt ist krasser als der Rest. Die musikalischen Kräfte beginnen sich zu verselbständigen. Eine falsche Bewegung, und das ganze Material fliegt einem um die Ohren! Alle musikalischen Stränge müssen integriert und doch gesprengt werden. Die Quadratur des Kreises. An Perfektion oder Kompromiss denkt niemand mehr – es gilt nur noch, lebend wieder rauszukommen!!! In luziden Momenten merkt man, dass man gerade etwas macht, was so unerhört, so unglaublich ist, wie es seit Anbeginn der Welt noch kein Kind einer sterblichen Mutter gehört hat!!!! Wie soll ich da bitte jetzt, ICH, der so etwas niedagewesenes macht, ganz normal zum Einkaufen gehen?! Und welcher Vollidiot ruft denn gerade jetzt an?!?! NEEEIN, ich will NICHTS kaufen. Jaaa, vielleicht im Dezember. Tschüß. Arschloch. Wo war ich?! HÄÄ?! Dieser Scheißcomputer. Ach, neeeeeee!!!! Fängt das jetzt etwa auch noch zu regnen an?! Also ich hab ja schon viel erlebt, aber das sprengt doch jetzt wirklich… AHHHH – GENAU –– sooo muss ich weitermachen! JAAA! Grandios! Boah, das wird wirklich das unglaublichste, krasseste, ungeheuerlichste Finale, das die Welt jemals seit Anbeg……………

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Kommentare

Warum Komponisten so nette Menschen sind — 2 Kommentare

  1. Ja da hilft nichts mehr außer sämtliche Klaviere und Instrumente zum Verkauf anzubieten und dem Beruf für immer zu entsagen. Außer, dass der Stress eigentlich vorbei geht und dann zum schönsten Moment führt: Dem fertigen Werk. Und das ist die ganze Mühe ja dann doch wert.

    • Ach, aber letztendlich ist der Stress doch das Schöne und Aufregende dabei! Und ich glaube, dass ich eher wegen dieses Gefühls Komponist bin als wegen des hübschen kleinen Werkverzeichnisses, das man mit der Zeit ansammelt…

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