Kunst mit Gebrauchsanweisung funktioniert besser ohne Kunst

Hinter dem Bahnhof Berlin-Südkreuz liegt, eingepfercht zwischen Bahngleisen und Schrebergärten, ein langgezogener Park. Mitten durch diesen langgezogenen Park führt ein langgezogener Spazierweg, und direkt neben diesem langgezogenen Spazierweg steht seit ein paar Monaten ein langgezogenes Objekt:

Langgezogenes Objekt

Verstörend, nicht wahr?

Richtig irritierend, was?

Doch keine Sorge – am anderen Ende des Dings wartet bereits die Auflösung:

Es handelt sich um Kunst!

Gebrauchsanweisung

Da wir nicht bei armen Leuten sind, gibts die Erklärung gleich frei Haus dazu. Nicht, dass sich womöglich jemand auf falsche Weise von dem Kunstwerk irritieren ließe! Das wäre ja schrecklich.

Voilà. Der Kunst werden hier erfolgreich sämtliche Zähne gezogen. Sie wird, ad primum, als solche etikettiert, statt unerkannt und unerwartet – im öffentlichen Raum zumal! – auf die Menschen losgelassen zu werden. Und dann wird sie, obgleich in ihrer konkreten (hihi!) Gestalt schon unspaktakulär genug, in einem einzigen Satz hinwegerklärt. Zwölf Wörter („…bringt mit der Arbeit die Dimensionen der Autobahn auf das menschliche Maß“), die eine vollständige, lückenlose Paraphrase des Kunstwerks darstellen. O poor small art, that has such legends with ‚t…

Der Autobahnmeter kennt weder Wagnis noch Geheimnis. Von Haus aus schon eher stiefmütterlich mit diesen Segnungen bedacht, treibt ihm das Schild endgültig die letzten Reste davon aus. Warum kann der Querschnitt nicht wenigstens einen Zentimeter breit sein statt einen Meter?! Die Autobahnquerung als Balanceakt. Wo sonst BMWs brausen, fällt man jetzt runter. Nur die grazilsten Tänzerinnen können bestehen. Aber so? Menschliches Maß? Wie schade.

Man könnte den Steg alternativ auch auf einen Nanometer verengen:

„Evidence/in/concrete: Ein Nanometer Autobahn. Heylen macht mit seiner Arbeit die Dimensionen der Autobahn für Bakterien zugänglich. Ein Tierrechtsprojekt, mit freundlicher Unterstützung von Peta.“

Wir sehen daher nur das Schild mit der Wiese drumherum. Die Kunst ist weg, es bleibt die Gebrauchsanweisung. Wär das nicht toll?

Allerdings gibt es das schon. In meiner Heimatstadt Burghausen, im schönen Oberbayern. Dort gibt es einen langgezogenen See, Wöhrsee genannt, und um diesen langgezogenen See führt ein langgezogener Spazierweg. Neben dem langgezogenen Spazierweg, mitten im See, steht ein Schild. Das Schild steht dort seit meiner Kindheit. Es verkündet seit über dreißig Jahren, hier wohne die kostbare Pflanze „Trapa natans“, die seltene, vom Aussterben bedrohte Wassernuss. Unter dem Schild ist im Wasser ein Dreieck abgetrennt. Dort gedeiht die Pflanze. Solange ich mich zurückerinnern kann, ist das Dreieck üppig bewachsen. Mit prächtigem Schilf. Die Wassernuss hab ich nie gesehen.

Niemand hat dieses Kunstwerk gewollt, und trotzdem ist es aufregender als der Autobahnmeter des jungen Belgiers. Vielleicht hat Cage doch recht – der Zufall schreibt interessantere Geschichten als die Phantasie des Künstlers. Oder vielleicht ist Lodewijk Heylen einfach ein besonders langweiliges Exemplar dieser Gattung…

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