Schubert und Tarkowski: die Schönheit durch den Schleier

...der Schleier fällt...

…der Schleier fällt…

Im Moment beschäftige ich mich mal wieder mit verstimmten Klavieren. Ich versuche nämlich schon seit langem, Schuberts Geheimnis auf die Spur zu kommen – und es im besten Fall für mein eigenes Arbeiten fruchtbar zu machen.

Schubert kann etwas, was praktisch kein anderer Komponist in dieser Intensität zuwegebringt: mich emotional zu berühren. Nun klar, auch Schumann, Mahler, Ives oder Lachenmann erzeugen intensive Gefühle und Erlebnisse: aber nirgendwo spüre ich die höchste Seligkeit des Paradieses und die tiefste Verzweiflung der Einsamkeit so eindrücklich, so unwiderleglich wie in den großen Werken Schuberts – der Winterreise, dem Streichquintett, den späten Klaviersonaten, den beiden letzten Sinfonien…

Ich denke, dass die Gründe, warum Schubert so etwas auslösen kann, komplex sind. Will heißen: Sie sind nicht auf ein Prinzip reduzierbar. Die spezifisch Schubertsche Medianten- und Variantenharmonik, die wiegende Rhythmik, die Melodik – alles spielt zusammen.

Ich will mich nur auf eine Sache beschränken, die ich immer wieder beobachte: die durch einen Schleier gefilterte Schönheit.

Schubert zeigt einem immer wieder unglaublich schöne, naive, fast kitschige Dinge. Seine Themen, seine Harmonik, seine Rhythmik sind manchmal so extrem simpel, dass man, würde man sie isoliert betrachten, kaum vermuten würde, dass hier einer der größten Komponisten der Musikgeschichte am Werk sei. Die Eröffnungsthemen z.B. seiner B-dur-Sonate oder auch des letzten Satzes der A-dur-Sonate sind fast wie ein Kinderlied – und versetzen uns doch gerade dadurch, durch ihre übergroße Einfachheit selbst wieder in die Kindheit zurück. Sie umhüllen uns wie ein Kokon, ummanteln uns mit Wärme und Geborgenheit…

Genau das ist die Magie Schuberts. Er zeigt uns Schönheit, Geborgenheit, das selbstverständliche, paradiesische Einssein mit der Natur, das wir nur in unserer frühesten Kindheit erleben durften – aber er zeigt uns all das hinter einem Schleier. Er zeigt es uns nicht gebrochen oder zerstört, wie es spätere Künstler tatenn – wohl aber verhüllt, getrübt, verschwimmend. Manchmal bricht die Schönheit klar und ungetrübt hervor – dann aber schiebt sich der Schleier wieder davor, aus Dur wird Moll, ins mezzopiano fährt ein sforzato: wir sind wieder einen Schritt näher am Alltag, einen Schritt ferner dem seligen Traumbild, und doch – und das ist das entscheidende: Das Traumbild bleibt weiterhin sichtbar, mag es sich auch noch so sehr eintrüben.

Diese ständige, nur in unterschiedlichem Maße verschleierte Sichtbarkeit der naiven, kindlichen Simplizität ist das Einzigartige an Schuberts Musik. Die Schönheit wird nicht kleiner, sie vergeht nicht: und dennoch wird es keine unreflektierte Kitschorgie – denn die Filter ändern sich. Ich muss in diesem Zusammenhang an eine Szene aus dem „Spiegel“ von Andrei Tarkowski denken: der im Regen brennende Schuppen. Der Schuppen brennt hell und lichterloh, und doch ist sein Licht gefiltert: denn wir sehen ihn durch den Regenschleier.

Genauso funktioniert Schubert.

Was hat das nun, um auf den Anfang zurückzukommen, mit verstimmten Klavieren zu tun?

Nun, die Eindringlichkeit der Schubertschen Gefühlswelt ist bereits in der romantischen Musik singulär. In der Neuen Musik – meiner eigenen, wie ich gestehen muss, eingeschlossen – gibt es das alles noch viel weniger. Sehr selten ist man nach einem Konzert den Tränen oder der Seligkeit nahe. Das ist ein großer Verlust für die Musik – und ich möchte diese Dimension für die Klangsprache unserer Tage wiederentdecken.

Verstimmte Klaviere sind nur eine Möglichkeit, einen Schleier über die Musik zu legen. Sie haben einen ganz ähnlichen Effekt wie die Trübungen bei Schubert – sie vermitteln die Sehnsucht nach der Schönheit, nach der Vollkommenheit, nach der Kindheit, bevor die Zeit verging und die Saiten ihren Glanz verloren: und doch kann man mit den Verstimmungen, im Lichte der mikrotonalen Musik unserer Tage, genauso konstruktiv arbeiten wie Schubert mit seiner Mediantenharmonik und der motivisch-thematischen Arbeit.

Wie das genau aussehen kann, habe ich noch nicht in letzter Konsequenz durchdacht. Erstmal habe ich nur improvisiert, auf einem verstimmten Klavier, mit einfachen, sich wiederholenden, manchmal latent tonalen, meist aber nicht-tonalen Wendungen – so ähnlich wie Schubert, nur noch nicht ganz so meisterhaft…

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Kommentare

Schubert und Tarkowski: die Schönheit durch den Schleier — 12 Kommentare

  1. Das ist interessant, wobei mich fast ein wenig wundert, dass Schubert Dir so nahegeht; ich weiß nicht, ob mich Schubert am stärksten berührt, aber doch in besonderer Weise, vor allem das Spätwerk (das Spätwerk von Beethoven und Mozart ist aber auch der Hammer), der 2. Satz von D959, den ich bis eben nur aus Bressons „Au Hasard Balthazar“ kannte; das Streichquintett, die 8. Sinfonie … ja, wahrscheinlich hast Du recht. Ich sehe gewisse Parallelen zu Mörike: „Was ich traure, weiß ich nicht. / Es ist unbekanntes Wehe; / Immerdar durch Tränen sehe / Ich der Sonne liebes Licht.“

        • Gegen Traurigkeit habe ich gar nichts. Und verzagt finde ich Schubert nicht. Anders als der neulich thematisierte Kafka schöpft Schubert ja aus dem Vollen, eben weil die Schönheit ständig da ist. Das mag ich. Bresson kenne ich leider noch gar nicht – von dem Balthasar-Film hatte ich nur mal erzählt bekommen.

          • Ich dachte, Schumann oder Beethoven ständen Dir emotional näher. Ja, verzagt trifft es nicht. Besser vielleicht: vergeblich. Jedenfalls höre ich da immer eine gewisse Vergeblichkeit mit: Das Paradies bleibt verschlossen, auch wenn wir noch so sehr davon träumen, kein Traum ersetzt das wirkliche Paradies. Und nur in der Hinsicht sehe ich eine Parallele zu Kafka, der m. A. auch aus dem Vollen schöpft – wie jeder, der eine mehr, der andere weniger. Ich denke außerdem, dass auch ein karger, asketischer, reduktiver Stil die (göttliche) Fülle evozieren kann, m. E. unter Umständen sogar noch besser.

          • Ja, vergeblich trifft es wohl ganz gut – aber das betrifft dann wohl alle Kunst. Letztendlich kann sie immer nur Ahnungen schaffen.

            Schumann hat mich persönlich sicher mehr beeinflusst als Schubert, das stimmt. Wobei die Stärken der beiden ja in ganz unterschiedlichen Bereichen liegen. Aber Beethoven?? Damit kannst Du mich jagen!

          • Immer wieder überraschend. Wieso kann man Dich mit Beethoven jagen?

          • Bei Beethoven finde ich nur intelligente Konstruktion ohne Sinnlichkeit. Er schreibt hochkomplexe Klaviersonaten, aber der Klaviersatz klingt nicht gut. Er schreibt verwegene Streichquartette, aber die Harmonik ist nicht reizvoll (er hatte auch das Pech, in einer Zeit zu leben, da die Harmonik im Vergleich zur Form noch deutlich unterentwickelt war – da haben erst Schubert, Schumann, Wagner Pionierarbeit geleistet). Ich kann mit Beethoven bestenfalls intellektuell etwas anfangen, emotional lässt er mich kalt.

  2. Ich mag Schuberts Musik auch besonders gerne. Obwohl sie keinen so perfekten Eindruck macht wie andere, ist sie mir auch gerade aufgrund ihrer irgendwie demütigen Unbeschwertheit / Einfachheit am sympathischsten.

    • Ja, das ist das unglaubliche, dass Schuberts Musik oft so naiv und unreflektiert wirkt, so als hätte er einfach so schreiben müssen, ohne groß nachzudenken. Auch wenn das letztendlich nicht stimmt und er sich schon durchaus viele Gedanken gemacht hat, ist diese Unmittelbarkeit doch für jeden heutigen Komponisten eine Herausforderung…

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