Das Undenkbare denken

Undenkbarkeiten 1988

Undenkbarkeiten 1988

Vor kurzem habe ich in der aktuellen Schottland-Berichterstattung einen Artikel gelesen, der mich aufhorchen ließ, weil er über das übliche uninspirierte gedankliche Klein-Klein hinausging.

Der Text warnte eindringlich vor einer Abspaltung Schottlands, denn: Wenn Schottland aus dem Vereinigten Königreich austritt, tritt England aus der EU aus. Wenn England aus der EU austritt, fehlt den Franzosen das Gegengewicht zum starken Deutschland, weswegen auch sie – nach weiterem Erstarken des Front National – sich französisch verabschieden. Was von der EU übrig bliebe, gliche „eher Großdeutschland als Europa“ – will heißen: die EU würde zerbrechen.

Und dann: „Undenkbar? Klar. So undenkbar wie der Zerfall des Warschauer Pakts. So undenkbar wie die Ausrufung eines neuen Großrusslands. Europa ist der Kontinent, wo immer wieder das Undenkbare passiert.“

Europa ist leider – sonst würden einen solche Zeitungsartikel nicht aufhorchen lassen – auch der Kontinent, wo das Undenkbare regelmäßig solange geleugnet und das Denkbare als alternativlos ausgerufen wird, bis es dann passiert und es alle schon immer gewusst haben.

Ich weiß noch – sorry, ein harter Schnitt von der Weltpolitik in meinen Vorgarten: aber seis drum! – wie ich, als ich vor drei Jahren meine ersten Ideen zu einem Musiktheater präsentierte, welches eine assoziative, nicht logisch fassbare Handlung allein durch die Kraft der Musik plausibel machen sollte, mit dem Gegenargument konfrontiert wurde: „Das hat noch nie funktioniert!“

Ja, das hat noch nie funktioniert, lieber Herr Wagner, eine fünfstündige Oper nur über den Liebestaumel zweier Personen zu schreiben, und das hat noch nie funktioniert, lieber Herr Schönberg, eine Klangsprache jenseits von Dur und Moll zu finden!

Nun ist mein Orlando gewiss kein Tristan – aber dennoch hat, wie ich mit etwas Abstand sagen kann, vieles (wenn auch bei weitem nicht alles), was bisher nicht funktioniert hat, plötzlich funktioniert. Zum ersten Mal. In der Musikgeschichte. Jawoll!! So arrogant bin ich heute einfach mal…

Wichtiger aber: was ist das für eine Kleinkrämermentalität, etwas nur deshalb nicht zu wagen, weil es schon 200 Mal missglückt ist? Frau Merkel mag ja gerne bei ihren alternativlosen Möhrchen bleiben – aber jemand, der sich ernsthaft Künstler schimpft, sollte schon die Courage haben, es noch ein 201stes Mal auszuprobieren – und zu scheitern – oder zu siegen!

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