Was ist Meta-Komposition? (Artikelserie – Teil 1)

Atomare Komposition wird schon lange gelehrt.

Was ist Meta-Komposition? Was kann sie? Wofür braucht man sie? Lohnt sich die Anschaffung jetzt?? Und was hat das alles mit dem SCHWELBRAND-Konzert zu tun, das am 14. März 2019 im ASeven Club Berlin steigen wird?? Antworten auf all diese Fragen gibt es jetzt in meiner kleinen Artikelserie zum Thema Meta-Komposition, die ich heute auf diesem Blog starte.

Meta-Komposition ist – ganz einfach – die Komposition mit supraatomaren Entitäten.

Hä?

Na gut. Von vorne.

Normalerweise arbeiten Komponisten ja mit Atomen – unteilbaren Grundeinheiten. Im einfachsten Fall handelt es sich um Töne. Es können aber auch Geräusche, Sinuswellen, weißes Rauschen o.ä. sein. Jedenfalls handelt es sich um Einheiten, die IN SICH noch nicht komponiert sind. Selbstverständlich können diese Klänge in akustischer Hinsicht weiter zerteilt werden (beispielsweise durch Filter oder Spektralanalyse). Aber in kompositorisch-analytischer Hinsicht sind sie unteilbar, atomar. Weder ein Ton noch ein homogener Rausch- oder Brutzelklang verfügt in sich über eine kompositorische Struktur. Erst der Komponist baut aus diesen Atomen syntaktisch zusammenhängende, immer größere Strukturen. Das Ergebnis ist eine Komposition – ein mehr oder weniger komplexes Musikstück.

An dieser Stelle setzt die Meta-Komposition ein. Sie verwendet als Baumaterial nicht die Atome, sondern die mehr oder weniger komplexen Musikstücke selbst. Meta-Komposition komponiert also mit Entitäten, die in sich bereits komponiert sind. Ich nenne diese Entitäten daher supraatomar – oberhalb der atomaren Ebene angesiedelt.

Bevor ich mich über die beträchtlichen ästhetischen Implikationen auslasse, die dieser Switch mit sich bringt, drängt sich eine andere Frage auf: Wann und wo stößt man überhaupt auf Meta-Komposition? Welche Phänomene fallen darunter?

Atomare Kompositionsweisen sind ja wohlbekannt und wohldokumentiert: Ihnen widmen sich Theoriegebäude wie die klassisch-romantische Harmonielehre, Schönbergs Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen oder Lachenmanns musique concrète instrumentale. Von einer Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Symphonien hat man hingegen noch nie gehört…

…Meta-Komposition hingegen wird bisher nur auf Ratgeber-Niveau behandelt.

Nun denn! Meta-Komposition gibts zum einen dort, wo man mit „vorgefundenem Material“ arbeitet – etwa mit Zitaten oder Samples, mit (gegliederten) Geräuschen oder Feldaufnahmen. (In gewisser Weise zählt auch die Verwendung von menschlicher Sprache dazu, da sie nicht beliebig atomisierbar ist, ohne ihre Semantik zu verlieren).

Zum anderen gibt es Meta-Komposition überall dort, wo verschiedene Musikstücke kuratorisch miteinander in Verbindung gebracht werden. Also etwa in einem Konzertprogramm, einer Radiosendung oder einer Playlist, ebenso bei jenen Volksfesten mit mehreren gleichzeitig spielenden Bands, die Charles Ives in seiner Kindheit erlebte, oder auch in der Grabeskirche von Jerusalem, wo griechische, koptische, syrische, äthiopische und lateinische Mönche (letztere mit dem unschlagbaren Vorteil der dröhnenden Orgel) ihre Sonntagsliturgie zeitgleich feiern, ohne dass der eine den anderen jeweils komplett übertönen dürfte.

Natürlich kann man nur dann sinnvoll von Meta-Komposition sprechen, wenn das Kuddelmuddel nicht vollkommen beliebig ist, sondern in irgendeiner Weise von einer gestaltenden, „komponierenden“ Hand angeleitet wird. Anders gesagt: die supraatomaren Entitäten dürfen nicht einfach zufällig und planlos durcheinandergespielt werden. Vielmehr muss die Interaktion bewusst kalkuliert und auf ein bestimmtes Ergebnis hingeordnet werden – was nicht zwingend Determinismus bedeutet: Auch bei Cages Europeras, wo die Opernausschnitte per Zufall gestartet und gestoppt werden, handelt es sich um Meta-Komposition – denn das Aufstellen von Regeln für zufällige Aktionen ist selbstverständlich ebenfalls gestaltende Tätigkeit (lediglich mit größeren Freiheitsgraden).

B. A. Zimmermanns Roi Ubu: Zitat-Switches im Sekundentakt

Generell gibt es Meta-Kompositionen (wie auch atomare Kompositionen) in sämtlichen denkbaren Dichtegraden. Auf der einen Seite des Spektrums stehen dicht strukturierte Zitat-Kompositionen wie Bernd Alois Zimmermanns Roi Ubu oder John Oswalds Plunderphonic-Stücke, bei denen jede Millisekunde exakt kalkuliert ist. Auf der anderen Seite stehen locker zusammengewürfelte bunte Abende, die nur über eine ganz rudimentäre dramaturgische Entwicklung verfügen.

Üblicherweise gilt: Je länger eine Meta-Komposition dauert, desto geringer wird ihr Dichtegrad. In John Oswalds Zwei-Minuten-Kracher Velocity ist jeder Cut genau kalkuliert – in einem zweistündigen Konzert der Donaueschinger Musiktage beschränkt sich die metakompositorische Arbeit in der Regel darauf, die vier oder fünf aufgeführten Kompositionen in die sinnvollste Reihenfolge zu bringen.

Diese umgekehrte Proportion zwischen Länge und Dichte ist jedoch keineswegs zwingend. Meine momentane Arbeit zielt z.B. genau darauf, gegen diese Konvention zu verstoßen. Ich tue derzeit nichts geringeres, als einen kompletten Konzertabend metazukomponieren – auf die Millisekunde genau! Anders gesagt: Ich entwickle das kommende SCHWELBRAND-Konzert nicht nach kuratorischen, sondern nach kompositorischen Kriterien. Somit handelt es sich am 14. März keineswegs (wie man zunächst denken könnte) um ein Konzert mit Werken von Xenakis, Dragicevic, Grütter, Oswald und anderen. Sondern es geht um die Uraufführung einer einstündigen Meta-Komposition von MIR – unter Verwendung einiger supraatomarer Entitäten, auch Kompositionen genannt, aus der Feder von Xenakis, Dragicevic, Grütter, Oswald usw.!

So unbescheiden das klingen mag, so sehr bin ich doch Sklave. Denn ein entscheidender Unterschied zwischen Komposition und Meta-Komposition besteht darin, dass das Material der Meta-Komposition über innere Energien verfügt, die den Meta-Komponisten herumschubsen. Wenn ich mit Tönen komponiere, wohnt den Tönen keine Eigenenergie inne. Ein eingestrichenes c drängt nirgendwo hin. Erst wenn ich es z.B. mit einem Crescendo versehe, bekommt es eine Richtung. Da das Material atomar ist, habe ich es vollständig im Griff. Die supraatomaren Entitäten hingegen habe ich nicht im Griff. Xenakis‘ Klavierstück Evryali entwickelt einen Furor, dem ich – als Meta-Komponist – nicht entkommen kann. Das Material hat ein Eigenleben und zerrt an mir. Ich muss es halb wüten lassen und es halb bändigen und es irgendwie – mitsamt all den anderen Supraatomen – in eine kohärente Meta-Komposition hineingießen. Eine – wie sagt man heute? – durchaus herausfordernde Aufgabe…

Wie man das konkret macht und welche erstaunlichen ästhetischen Konsequenzen das alles hat – dazu mehr in den nächsten Beiträgen!

Ach übrigens: Für das SCHWELBRAND-Konzert am 14. März in Berlin gibt es noch Karten! (SAVE THE DATE!!!!)

Ausgebeutete Künstler in den Silberminen der Tonkunst

Vincent (r.) ist Komponist, Abdel (M.) ist Installationskünstler – von ihrer Arbeit leben können beide nicht.

„Selbstausbeutung“ ist ein interessantes Wort. In einem ZEIT-Artikel ist es mir gerade wieder begegnet. Eine Geigerin beklagt sich, dass sie in der freien Szene für Hungerlohn schuften müsse. Sie überlege daher, auf Musiktherapie, Musikmanagement oder Kulturvermittlung umzusatteln. Denn: „Wo liegt die Grenze zwischen Idealismus und Selbstausbeutung?“

Versuchen wir das zu verstehen. Wer beutet hier wen aus? Leben wir als Künstler in einer Sklavenhaltergesellschaft? Oder sind womöglich ganz andere Mechanismen am Werk?

Hier finde ich es hilfreich, sprachanalytisch vorzugehen.

Was macht eine Ausbeutungssituation aus?

In der Regel dreierlei:

1. Es existiert eine Zwangslage. Der Arbeiter hat nur die Wahl: entweder für fast kein Geld schuften und damit notdürftig überleben – oder verhungern.

2. Der ausbeutende Kapitalist nimmt die allmähliche gesundheitliche und/oder psychische Zerstörung des Arbeiters in Kauf.

3. Dem Kapitalisten kann diese Zerstörung egal sein, weil der Arbeiter während der Zeit, in der er noch arbeitsfähig ist, genügend Profit abwirft.

Vergleichen wir diesen klassischen Ausbeutungsmechanismus mit der heute beklagten „Selbstausbeutung“. Offensichtlich trifft hier vor allem Punkt 2 zu. Der Ausbeuter – in Personalunion mit dem Ausgebeuteten – nimmt seinen eigenen gesundheitlichen Ruin in Kauf. Er merkt, dass es ihm von Woche zu Woche schlechter mit seiner Arbeit geht. Er fühlt sich ausgebeutet.

Punkt 3 und – insbesondere – Punkt 1 treffen hingegen nicht zu. Kein Künstler in Deutschland befindet sich in einer existentiellen Zwangslage, die mit derjenigen eines Textilarbeiters im Manchester des 19. Jahrhunderts oder eines Minenarbeiters im heutigen Südafrika auch nur ansatzweise vergleichbar wäre. Niemand muss hierzulande verhungern. Niemand ist überdies gezwungen, mangels anderer Perspektiven als freier Künstler zu arbeiten. Die überwiegende Mehrheit der freien Künstler hat eine hohe formale Bildung und könnte mehr oder weniger problemlos auch in gutbezahlten, sicheren Jobs unterkommen.

Natürlich kann man einwenden: da der Künstler selbst der Ausbeuter ist, gibt es womöglich keine äußere, wohl aber eine innere Zwangslage: eine Besessenheit, die dem Künstler gar keine andere Wahl lässt, als seine Gesundheit zu ruinieren, um kompromisslos seinen künstlerischen Weg zu verfolgen.

Doch interessanterweise fällt das Wort „Selbstausbeutung“ gerade in diesem Kontext in der Regel NICHT. Vielmehr ist umgekehrt meist dann von „Selbstausbeutung“ die Rede, wenn sich jemand entscheidet, diesen Weg VERLASSEN zu wollen. „Schluss mit der Selbstausbeutung!“ schallt es einem dann entgegen.

Wie verträgt sich dieses frei gewählte Schlussmachen mit dem unausweichlichen inneren Zwang, der dem Künstler eben NICHT die Wahl lässt, einfach mal so umzusatteln und in einen bequemeren, sichereren Job zu wechseln?

Nun, vermutlich existiert in den allermeisten Fällen, wo von Selbstausbeutung die Rede ist, überhaupt gar keine Zwangslage – weder eine innere noch eine äußere. Das Wort „Selbstausbeutung“ ist vielmehr ein Euphemismus, um die Mechanismen zu verschleiern, die tatsächlich am Werk sind.

Schon mit drei Jahren musste Greg zum ersten Mal in die Nylonwerke. Diese Erfahrung zeichnet ihn bis heute.

Diese Mechanismen an sich – sofern sie ehrlich benannt werden – sind natürlich absolut legitim und ehrenwert. Es ist völlig in Ordnung, wenn jemand nicht (mehr) als freier Künstler arbeiten möchte. Wenn er mehr Sicherheit in seiner Zeitplanung und Regelmäßigkeit auf seinem Bankkonto braucht. Wenn er genug hat von kontinuierlich durchgearbeiteten Nächten und ständigem Hinterherjagen nach Deadlines. Wenn er nicht ständig für alles und jedes selbst verantwortlich sein will. Wenn ihm ein gemütlicher Abend mit Freunden und Rotwein im Zweifel wichtiger ist, als sein nächstes Konzert oder seine nächste Ausstellung NOCH radikaler anzuschärfen.

Anscheinend ist es aber schwer, dies offen zuzugeben – vor allem dann, wenn sich zu alledem noch der leise Verdacht gesellt, dass die eigene künstlerische Arbeit womöglich doch nicht GANZ so bedeutend und revolutionär ist, wie man das als junger Feuerkopf einst gehofft hatte.

Und hier kommt der Euphemismus gut zupass. Rein sprachlich enthält das Wort „Selbstausbeutung“ zwar eine Anklage gegen sich selbst: Ich selbst bins! Ich selbst bin der Ausbeuter! Ich selbst schade mir! Und doch geht – anders als bei Selbstverletzung oder Selbstmordgedanken – niemand wegen Selbstausbeutung zum Psychiater. Denn das Wort impliziert vor allem eine Anklage gegen die Gesellschaft: Die Gesellschaft ists! Sie lässt es zu, dass Künstler von ihrer Arbeit nicht leben können! Die Zustände ist schuld, dass Künstler keinen sicheren Job haben! Dass sie trotz jahrzehntelanger Ausbildung nicht angemessen honoriert werden! Und dass sie, wenn sie dennoch als Künstler arbeiten wollen, eben zur Selbstausbeutung gezwungen sind.

So wird die Entscheidung: „Das mache ich nicht mehr mit!“ zum letzten rebellischen Akt einer tragischen Künstlerlaufbahn stilisiert. Auch wenn sichs eigentlich viel eher um eine simple Anpassung des eigenen Lebensentwurfs handelt. Unter dem Schlagwort „Selbstausbeutung“ lässt sich bequem die Fiktion aufrechterhalten, man wäre in einer anderen Gesellschaft, unter einer anderen Sonne vielleicht ein großer Künstler geworden. Aber die Zustände haben es nicht zugelassen. Das ist schön, bequem & unkompliziert. Angesichts der hier und heute – im internationalen wie historischen Vergleich – für Künstler immer noch recht komfortablen Situation, und angesichts der Millionen real ausgebeuteten Menschen auf dieser Erde finde ich es aber im Grunde nur eins: larmoyant und selbstmitleidig.

Relotius Hero

Er galt als junger Überflieger – dann stellte sich heraus, dass seine Geschichten erfunden waren

Der Name Claas Relotius steht dieser Tage für Fake und Lüge – nichts könnte fälscher sein!

Relotius ist echt!

Normale Geschichtenerzähler – Romanautoren, Satiriker, Utopiker –, die sind fiktiv. Sie bewegen sich zu 100% im Bereich der Fiktion und behaupten nichts anderes. Selbst wenn sie das Gegenteil zu suggerieren versuchen („…wisset, ich fand diese Blätter in den Unterlagen meines Urgroßonkels, welcher die Geschichte von einem morgenländischen Reisenden hörte und wahrheitsgetreu niederschrieb…“), dann ist das alles nur oberflächliches Geplänkel – für den Gebildeten sofort durchschaubar.

Aber RELOTIUS: der ist ECHT! Er verzichtet auf das schützende Etikett der Kunst. Er trägt seine Geschichten raus aus dem eingehegten Rahmen der hehren Kunst mitten hinein ins echte Leben, in die innerste Bastion des Faktischen: den SPIEGEL. Damit macht er im Grunde nichts anderes, als es die romantische Universalpoesie und das moderne Theater fordern: die Buchseiten bzw. die Bühne zu überschreiten, Kunst und Leben schmerzhaft aufeinanderprallen zu lassen, ungesicherte Situationen zuzulassen und uns dadurch im Innersten herauszufordern.

Dass Relotii Erzählungen nach Ansicht der Experten reinster Kitsch seien, seine Metaphern abgeschmackt und sein Satzbau epigonal – ach, das trübt das Bild nur am Rande. Man kann nicht alles haben. Aber die Aufregung ist gut! Die Verärgerung ist gut! Das Entsetzen ist gut! Go on, Claas Relotius!!

Mini-Schäferhund möchte nicht Pinscher heißen…

Armer, armer Minimoog

Annegret Kramp-Karrenbauer beschwert sich über die Bezeichnung „Mini-Merkel“ und fügt im Namen von „Millionen Frauen im Land“ hinzu, einem Manne würde derlei despektierliche Verniedlichung nimmermehr widerfahren.

Ich hab mich kurz auf Google umgesehen:

  • Gerhard Schröder nannte Christian Wulff 1994 einen Mini-Stoiber.
  • Das Neue Deutschland nannte Peter Gauweiler 1998 einen Mini-Strauß.
  • Dieter Hildebrandt nannte Stoiber einen „Mini-Strauß für kleinere Räume“.
  • Für den Focus war 1999 Roland Koch der Mini-Stoiber.
  • Einen Mini-Schröder gab es auch, nämlich Walter Momper 1999 in der ZEIT.
  • Philipp Mißfelder war für die WirtschaftsWoche 2015 ein Mini-Kohl.
  • Sogar einen Mini-Merz gab es: Günther Oettinger in einer SPD-Meldung aus dem Jahr 2007.

Nur eine „Mini-Kramp-Karrenbauer“ sucht man bei Google vergeblich. Ist wahrscheinlich allzu klein…

Die benachteiligte Politikerin hingegen ist felsenfest überzeugt, dass an ihr „überhaupt nichts mini ist“, schließlich habe sie doch ein Kind gezeugt, einen Baum gepflanzt und ein Haus gebaut 56 Jahre lang auf dieser Erde zugebracht, drei Kinder großgezogen und Karriere gemacht.

Ja zweifellos: dies sind exakt die Qualitäten, die Politiker in die Weltgeschichte eingehen lassen! Hans Huber und Joachim Raff waren sicherlich auch der Meinung, mit ihren 10 Sinfonien hätten sie ein verbrieftes Anrecht auf Unsterblichkeit. Sie blieben trotzdem Mini. Tjaja.

Wer Maxi werden will, kümmere sich gerne drum. Kohls Mädchen wurde alsbald zur mächtigsten Frau der Welt. Mini-Kakania darf es ihr gerne gleichtun. Falls nicht, sei ihr gerne und höflichst ausgerichtet: Heul doch!

Jamal Khashoggi, Wieland der Schmied und Tantalos

Jamal Khashoggi auf Platz 1 von Google News

Jamal Khashoggi auf Platz 1 von Google News

Laut Reporter ohne Grenzen sind seit Jahresbeginn weltweit 57 Journalisten getötet worden. Dass gerade die Ermordung von Jamal Khashoggi tagelang die Titelseiten der westlichen Zeitungen beherrscht, während die kaum weniger schrecklichen Mordfälle aus Mexiko oder Afghanistan kaum beachtet werden, ist kein Zufall.

Der Mord von Istanbul rührt an elementare, nachgerade mythische Motive. Das lässt ihn erschütternder und verworfener erscheinen als z.B. die Ermordung von Rubén Pat, einem mexikanischen Journalisten, der am 24. Juli in ​​Playa del Carmen, Yucatán auf offener Straße erschossen wurde, nachdem ihm Beamte zuvor gedroht hatten, „er wisse schon, was auf ihn zukäme“, wenn er weiterhin den lokalen Polizeichef kritisiere.

Jamal Khashoggi wurde nicht auf offener Straße erschossen. Er wurde auch nicht nach einem offiziellen (Schau-)Prozess hingerichtet. Der Mord geschah klammheimlich – und nicht irgendwo, sondern ausgerechnet in einem Konsulat. An einem Ort also, welcher der Sitte nach besonders geschützt, besonders unverletzlich ist. Genau das macht den Mord so perfide – und so mythologisch aufgeladen. Denn im Grunde erleben wir hier nichts anderes als eine Abwandlung des Motivs „Frevlerische Verletzung des Gastrechts“.

Gescheiterter Tantalos

Gescheiterter Tantalos

In den abendländischen Mythologien müssen wir sehr weit zurückgehen, bis wir auf ähnliche Geschichten stoßen. Die Sage von Wieland dem Schmied fällt mir ein: er lockt die Söhne des verhassten Königs unter falschen Versprechungen in seine Hütte, schlägt ihnen dort den Kopf ab und fertigt aus ihren Hirnschalen goldene Trinkbecher, die er dem König sodann zum täglichen Gebrauch überreicht.

In der griechischen Mythologie ist Tantalos zu nennen: er fordert die Götter heraus, indem er ihnen beim Gastmahl seinen eigenen Sohn als Speise vorsetzt – in der Erwartung, dass sie zu dumm sind, es zu merken. Anders als Wieland geht Tantalos‘ Plan nicht auf: die Götter lassen sich nicht täuschen – und ihr Fluch verfolgt seine Familie noch fünf Generationen lang.

Die Ermordung von Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul ist im Kern genau dasselbe: ein Frevel.

Der Mord widerspricht allem, was Sitte und Tradition gebieten. Er entweiht einen heiligen Ort – heilig nicht im wörtlichen Sinne, aber doch im übertragenen. Diplomatische und konsularische Vertretungen sind unverletzlich. Sie sind sakrosankt – ein Wort, das bezeichnenderweise beide lateinische Wörter für heilig (sacer und sanctus) enthält.

Auslandsvertretungen haben bis heute Schutzfunktion. Julian Assanges Flucht in die ecuadorianische Botschaft von London (2012) und Kardinal Mindszentys Flucht in die Budapester US-Botschaft (1956) sind wohl die bekanntesten Beispiele.

Dieser sakrosankte Schutzort wurde von Saudi-Arabien verletzt. Und dies nicht nur geringfügig, indem Khashoggi dort z.B. verhaftet oder entführt worden wäre. Nein, der Frevel ist der größtmögliche: Eine Bluttat im heiligen Bezirk. Genauso wie Tantalos den Göttern nicht etwa ein Stück Hundefleisch serviert hat, sondern, als größtmögliche Schandtat, seinen eigenen Sohn.

In beiden Fällen geht es um den maximalen Kontrast zwischen dem heiligen, unverletzlichen Ort und der barbarischen Handlung, die dort gezielt und bewusst verübt wird.

Die Frage drängt sich auf: Warum? – Warum frevelt Tantalos, warum Saudi-Arabien? Was versprechen sie sich davon – und wie rechtfertigen sie sich?

Es gibt zwei mögliche Antworten. Die eine ist: Mein Tun ist kein Frevel, denn es dient einem höheren, noch wichtigeren, heiligeren Ziel. Dies ist die Antwort des politischen Kämpfers. Die andere lautet: Jawohl, ich bin ein Frevler – und ich kann es mir leisten, denn ich bin stark genug! Dies ist die Antwort des archaischen Wüterichs.

Tantalos fällt klar in die zweite Kategorie. Er fordert die Götter dreist heraus, weil er glaubt, schlauer zu sein als sie. Doch Saudi-Arabien? Blicken wir dafür auf den Mastermind hinter dem Frevel: Kronprinz Mohammed bin Salman.

Mohammed bin Salman

Mohammed bin Salman

Der saudische De-Facto-Herrscher gilt als impulsiv und aufbrausend. Er ist ein krasser Gegenentwurf zur früheren saudischen Tradition der Stabilität und Berechenbarkeit. Unter seiner Herrschaft geschehen unerhörte Dinge: Mitglieder der königlichen Familie werden verhaftet, Kinos werden wiedereröffnet, Frauen dürfen autofahren, die diplomatischen Beziehungen zu Katar werden abgebrochen, der Jemen wird bombardiert, konservative wie liberale Kritiker werden reihenweise eingesperrt.

Unter Mohammed bin Salman scheint sich Saudi-Arabien von einer traditionellen absoluten Monarchie zu einer modernen Diktatur zu wandeln: Willkür, Unberechenbarkeit und Rechtsunsicherheit ersetzen den restriktiven, berechenbaren Konservatismus der Vergangenheit.

Mohammed bin Salman ist beileibe kein Liberaler, genausowenig aber ein Traditionalist oder religiöser Hardliner. Seine Denkmuster sind klar autoritär – doch die (für traditionelle Herrschaft typische) Balance zwischen dem eigenen Wirken als gestaltende Autorität und dem Gehorsam gegenüber vorgefundenen traditionellen und religiösen Autoritäten ist bei ihm deutlich zugunsten ersterem verschoben.

Der Kronprinz verändert und gestaltet, weil er es kann. Mögliche Konkurrenz in der Königsfamilie hat er frühzeitig ausgeschaltet. Er ist mächtig und erlebt sich als mächtig. Die Vermutung liegt nahe, dass er auch im Fall Khashoggi denkt: ich darf das, denn ich kann das!

Ob er damit rechnete, dass der frevlerische Mord ebenso im medialen Rauschen untergehen würde wie die Ermordung von Rubén Pat und seiner 56 Berufskollegen seit Jahresbeginn, oder ob er den Eklat bewusst in Kauf nahm, um der Welt zu zeigen: „Seht, so ruchlos bin ich! Fürchtet mich!“, sei dahingestellt. Das unsouveräne Rumgeeiere nach der Tat lässt eher auf ersteres schließen. Die zweite Variante wäre wohl selbst für Saudi-Arabien zu archaisch. Das war eher die Methode des Islamischen Staats: hemmungslose Tabubrüche – und offen dazu Stehen. Aber der IS hatte keine konsularischen Vertretungen. Er war ein Outlaw von Anfang an. Seine maximale Fallhöhe war viel kleiner.

Der Rest des Spiels dürfte vorhersehbar sein. Entweder gelingt es Mohammed bin Salman, durch weiteres Rumlavieren, halbherzige Tatsachenverdrehungen und Bauernopfer seine Machtposition zu bewahren. Das wäre kaum eine Pressemeldung wert, hören wir doch Tag für Tag ähnliches aus den Feld-Wald-und-Wiesen-Diktaturen unserer Zeit (die wenigsten beherrschen das Spiel mit der Realitätsverdrehung so virtuos wie – auf ganz unterschiedliche Art – Putin und Trump). Oder aber Mohammed bin Salman ergeht es wie Tantalos – er scheitert und landet im Orkus.

So oder so – bis ins fünfte Glied dürfte die Familie Saud in keinem Fall verflucht werden. Khalid bin Salman steht, wie man hört, schon bereit.