Wie sich die Apokalypse vor meinen Augen in Heu verwandelte

Auf tagesschau.de kann man heute bei den „Bildern des Tages“ ein Gemälde von Claude Monet sehen, das gerade für einen Rekordpreis versteigert wurde. Faul wie ich bin, hab ich die Bildunterschrift nur halb gelesen und mir lieber das Gemälde angeschaut: ein riesiger, apokalyptischer Berg, der vor grandioser Gebirgsszenerie aus impressionistischem Nebelmeer aufragte, ähnlich Dantes Läuterungsberg oder Pieter Brueghels Turm von Babel. Ein prophetisches, gigantisches Bild – ein maßloser Bergkegel, der um ein vielfaches größer war als der ohnehin schon beeindruckende Gebirgszug im Hintergrund! Welch imposantes Szenario! Welch grandioses Kunstwerk!

Der apokalyptische Berg von Claude Monet

Ich las die Bildunterschrift zur Gänze und erfuhr, dass das Bild »Meule« heiße und zu Monets Heuschober-Serie gehöre. In Sekundenschnelle schrumpfte der gigantische Berg um den Faktor tausend, aus Granit wurde Heu, und ich stürzte von meinem luftig-erhabenen Beobachterstandpunkt ernüchtert auf ein abgeerntetes französisches Stoppelfeld. Tant pis. Welch langweiliges, uninspiriertes Bild…

Dasselbe Material. Dieselben Formen. Dieselben Farben. Und dennoch ein völlig anderes Kunstwerk.

Günther Oettinger beim Scheitern zusehen: RTL II für Gebildete

Nun gut, den Literaturnobelpreis wird Günther Oettinger für seine Rede wohl nicht bekommen. Die Pointen zünden nicht, die Vortragsweise ist verdruckst, die ganze Rede mehr auf lustig getrimmt denn tatsächlich witzig.

Aber muss man wegen schlechter Literatur zurücktreten? Warum darf Martin Sonneborn in Brüssel ungestraft sein Unwesen treiben, Oettinger aber nicht? Nur weil Sonneborn seine gruppenbezogenen Gemeinheiten raffinierter und gekonnter verpackt?

Der Nationale Volkskongress

Der Nationale Volkskongress

Alle Welt echauffiert sich, weil Oettinger behauptet, die Chinesen hätten Schuhcreme auf dem Kopf. Wer sich Bilder des Nationalen Volkskongresses ansieht, wird die Charakteristisierung „alle Anzug, Einreiher dunkelblau, alle Haare von links nach rechts mit schwarzer Schuhcreme gekämmt“ durchaus nachvollziehen können. Unter chinesischen Spitzenfunktionären gibt es tatsächlich eine bizarre optische Konformität. Wahrscheinlich benutzen sie sogar alle dieselbe Schuhcreme.

Natürlich sind nicht alle Äußerungen Oettingers so harmlos. Dass das chinesische Außenministerium über die Anapher „Schlitzohren und Schlitzaugen“ not amused ist, kommt wenig überraschend. Zumal unklar ist, worauf Oettinger überhaupt anspielt: hält er die Chinesen tatsächlich für „Schlitzohren“? Das kann ich mir kaum vorstellen. In den 1930er Jahren mochte das Klischee vom schmierig-schmutzigen, falsch lächelnden chinesischen Hinterhofgauner noch einen realen Hintergrund haben. Heute aber residieren die chinesischen Geschäftsleute, selbst die unseriösen, in Glaspalästen. „Schlitzohren“ als Armeleutewort ist da schlicht unpassend.

Ich vermute eher, dass Oettinger freudig-naiv auf das Wortpaar „Schlitzohren“-„Schlitzaugen“ stieß und beschloss (denn es sollte ja eine lustige Rede werden), das Begriffspaar einzubauen, ohne sich weitere Gedanken über die logische Konsistenz zu machen. Eine Pointe in der Lautgestalt, die inhaltlich nicht richtig aufgeht. Schade – aber, hey: der Mann ist kein Profi. Netter Versuch im Entertainment. Niemand kann alles können.

Was mich einfach nur nervt und stellenweise anekelt, ist die Selbstgerechtigkeit, mit der sich nun der politische Gegner über den gescheiterten humoristischen Amateur hermacht und seine Verdammung fordert. Ebenso nervt mich, dass das Vorgehen des Verlegers, der die Rede aus dem halbprivaten Raum gezerrt hat, fast nirgends problematisiert wird. Sicherlich handelt es sich bei der Veranstaltung des AGA Unternehmensverbands um eine halbprivat-halböffentliche Grauzone, und sicherlich ist es für den Verleger ein leichtes, den Abend als öffentlich zu klassifizieren und daraus das Recht – oh nein, die Pflicht! – abzuleiten, die dort gefallenen Worte ins Netz zu stellen. Und doch: die Veranstaltung war keineswegs so öffentlich, dass das chinesische Außenministerium eingeladen gewesen wäre mitzuhören. Es handelte sich um einen – nicht absolut, aber doch relativ – geschützten Raum. Diesen Raum hat der Verleger verletzt. Ich halte das zumindest für schlechten Stil.

Wenn in einer Gruppe über mich gelästert wird, dann möchte ich davon unbehelligt bleiben. Ich finde es okay, dass man über mich lästert, aber ich habe auch das Recht, von dem Geschwätz verschont zu bleiben. Leider gibt es immer wieder den „guten Freund“, der „im Vertrauen“ zu mir kommt, um mir empört zu erzählen, wie respektlos sich der Eduard über mich geäußert hätte („ich finde es wichtig, dass Du davon weißt“). Denunziant, Petze oder Intrigant nennt man solche Leute. Es sei denn, Eduard ist EU-Kommissar. Dann nennt man sie investigative Verleger.

Damit man mich nicht falsch verstehe: Wenn Eduard ankündigt, mich ermorden zu wollen, oder wenn er sich damit brüstet, mir systematisch Schaden zuzufügen, dann möchte ich selbstverständlich davon erfahren. Auch hier handelt es sich um einen schmalen Grat. Akzeptables Lästern und inakzeptable Feindseligkeit gehen nahtlos ineinander über. Umso mehr ist es eine Sache der Feinfühligkeit und des Anstands, zu entscheiden, welche Informationen man weitergibt und welche man taktvoll für sich behält.

In meinen Augen gab es überhaupt keinen Anlass, dass das chinesische Außenministerium von Oettingers misslungenem Satireabend erfährt. Oettinger ist kein Rassist. Das zu behaupten wäre absurd. Und wenn doch, dann ist jeder dritte Politiker ein Rassist, und dann geht es nicht um Oettinger. Hier wird einfach ein Mann in seinem Scheitern vorgeführt, und ganz Europa schaut zu. RTL II mit moralischem Überlegenheitsanspruch. Der Zeigefinger des Spießers auf die arme Sau, die es nicht geschafft hat, die Zwiespältigkeiten ihrer Existenz hinter einer undurchdringlichen Maske zu verbergen.

Man muss Oettinger nicht mögen. Man muss auch seine Lästereien nicht mögen. Aber man muss ihm, verdammt noch mal, das Recht zugestehen, mit seinen Sprechakten zu scheitern, ohne gleich sein Haupt zu fordern. Wenn es dieses Recht nicht mehr gibt – auch und gerade für Personen des öffentlichen Lebens – dann reden bald alle wie Angela Merkel. Unangreifbar, phrasenhaft und stinklangweilig.

B.Z.: Autounfall zum Mitschunkeln

Sei nicht traurig, liebe Kleine...

Sei nicht traurig, meine Kleine…

Oh wie goldig, der B.Z.-Journalist Matthias Lukaschewitsch ist unter die Schlagertexter gegangen!

„Manchmal löscht die Feuerwehr auch Tränen“ – so poetisch sprang mir gestern eine Schlagzeile bei Google News entgegen. Was sich wohl dahinter verbergen mochte? Ein kleiner Junge, der seinen Teddy verloren hat und zum Trost im Feuerwehrauto mitfahren darf? Eine Flüchtlingsfrau, die sich in Berlin verlaufen hat, die Schilder nicht lesen kann und von Feuerwehrleuten nach Hause geleitet wird?

Nee, weit gefehlt. Eine 22jährige Frau ist bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Ihre Freundin steht heulend daneben. Aber alles halb so schlimm, denn: „Ein Retter legt liebevoll den Arm um sie, um sie zu trösten. Manchmal löscht die Feuerwehr auch Tränen.“

Wie süß! Na, dann ist ja alles nochmal gutgegangen. Glückwunsch, Herr Lukaschewitsch, für diese anrührende Geschichte! Mit Schlagermusik geht eben alles besser. Schwere Verletzung, Blutverlust, Rettungswagen? Egal! Würden sich die Menschen nur mal Zeit für ein Lächeln nehmen. Schubidubidaaa… UND JETZT ALLE:

Manchmal löscht die Feuerwehr auch Tränen,
Braucht kein Blaulicht, braucht auch kein Tatü-Tataa!
Wenn zwei Herzen sich nach Trost und Liebe sehnen,
Ist ihr starker, fester Arm ganz plötzlich da!

STROPHE:
Heute früüüh – wird Anna überfahren.
Heute früüüh – muss sie zur Not-OP.
Alles vollgespritzt mit Blut,
Doch verliere nicht den Mut,
Denn du muusst, du musst nicht traurig seiiin:

REFRAIN:
Manchmal löscht die Feuerwehr auch Tränen,

Saugt die Tropfen auf mit ihrem langen Schlauch!
Und das schafft sie ohne Hörner und Sirenen:
Warte nur – eines Tags erlebst dus auch!

Nach Bob Dylan – die Literaturnobelpreise der nächsten Jahre

Der berühmte Schriftsteller Bob Dylan

Der berühmte Schriftsteller Bob Dylan

Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis – für seine „poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Gesangstradition“!

Das setzt Maßstäbe, und mozartzuvielenoten kennt auch schon die Preisträger der nächsten Jahre:

2017: Reinhard Mey – für seine wortmächtige Aktualisierung der romantischen Dichtung in der Tradition von Novalis und Eichendorff, seinen herausragenden Beitrag zur deutschen Wehleidigkeit und seine einzigartigen Nervensägen-Qualitäten

2018: Bushido – für seine subtile Erlebnislyrik mit nuancierten politischen Implikationen (Morddrohung gegen Van der Bellen usw.)

2019: Franz Josef Wagner – für seine treffsichere Aphoristik in der Tradition eines Karl Kraus

2020: Holger Jung und Jean-Remy von Matt – für ihren Quatsch. Nee, aber jetzt haben Sie hergeschaut, was?

2021: Edmund Stoiber – für seine, äh, Lyrik, in der, sagen wir, die Tradition, also in der großen, äh war damals, ja, DADA, 1916, da steht er!

2022: Larry Page und Sergey Brin – für Literaturnobelpreis keine Ergebnisse, meinten Sie Linoleumfußboden?

Die Endlösung der Kleiderfrage

…kürzlich gesehen bei kik:

kik-kleiderstaender