Was ist ein Hyperklavier, was kann es und wo findet man es?

Ich habe in den vergangenen Monaten nicht nur ein Allheilmittel gemixt, sondern auch ein Hyperklavier gebaut!

Dieses Hyperklavier, das am 24. November in Frankfurt erstmalig auf die Öffentlichkeit losgelassen wird, ist ganz wundersam – es stattet den Pianisten nämlich mit sieben Armen und 33 Fingern aus – und darum möchte ich es hier vorstellen, und, wie es sich für einen Komponisten Neuer Musik gehört, anschließend ästhetisch-kritisch diskutieren.

Für alle, die lieber Musik hören als Text lesen, gibt es hier ein kleines Video, in dem ich ein wenig auf dem Instrument improvisiere und dabei die wichtigsten Features demonstriere. Wer lieber Text liest als Musik hört, möge einige Zentimeter runterscrollen, dann gehts weiter.

In seinen frühesten Formen reicht das Hyperklavier bis ins Jahr 2007 zurück. Damals war ich noch Student der musikalischen Wunderheilkunde, und das Hyperklavier spielte noch nicht mit Klavier-, sondern mit FM-, d.h. mit synthetisierten Klängen. Das Grundprinzip – bewege wenig Finger, erhalte viele Töne – gab es aber schon damals. Wenn man nacheinander beispielsweise c‘ – g‘ anschlug, interpolierte die Maschine selbständig alle Zwischentöne. Man konnte also rasend schnelle Läufe spielen.

Ich habe das Hyperklavier damals zwar improvisierenderweise am ZKM Karlsruhe vorgestellt (und es lieferte lustigerweise 2009 sogar den Titel für eine Porträtsendung im Deutschlandradio Kultur – „Fehlt nur das Klavier mit den 1000 Tasten“) – aber ich habe nie ein Stück dafür komponiert. Doch als das Ensemble Modern letztes Jahr an mich herantrat mit dem Wunsch, ich möge meinem neuzuschreibenden Orchesterstück ein „elektronisch erweitertes“ Instrument beigeben, da wusste ich sofort: Ha – nun schlägt die Stunde meiner Wundermaschine!!!

Hyperklavier-Interface in Max/MSP

Hyperklavier-Interface in Max/MSP

Das von Grund auf neu konzipierte Hyperklavier des Jahres 2017 verfügt über mannigfache Effekte, die sich ein- und ausschalten und kombinieren lassen, ähnlich wie bei einer Jahrmarktsorgel.

Ein einfacher Effekt ist z.B. der „Repetierer“. Drückt man eine Taste, wird der entsprechende Ton in rasender Geschwindigkeit automatisch repetiert. Der Pianist muss also diese Technik nicht mehr üben. (Ich habe mich zwischenzeitlich sogar mit dem Gedanken getragen, damit Ravels „Alborada del gracioso“ nachzubauen und meinem Allheilmittel als Essenz beizufügen. Aber dann hat es mir doch nicht gefallen.)

Apropos „Alborada“: Rasend schnelle Läufe aufwärts und abwärts über die Klaviatur kann man mit dem Hyperklavier natürlich auch spielen. Man muss sich noch nichtmal die Fingerknöchel blutig machen, sondern nur bequem auf einen einzigen Knopf drücken – den Rest erledigt der Computer (vgl. Video, 0’35).

Zu den komplexeren Effekten gehört der „Akkordbooster“. Er reagiert nur dann, wenn zwei oder mehrere Töne exakt gleichzeitig angeschlagen werden. In diesem Fall berechnet er aus der Intervallkonstellation diverse Zusatztöne, sodass man mit zwei, drei oder vier gedrückten Tasten fünf-, neun- oder siebzehnstimmige Akkorde zaubern kann.

Besonders erfreulich: Wenn man währenddessen eine einstimmige Melodie spielt, wird diese nicht durch den Effekt beeinträchtigt, weil der ja nur dann aktiv wird, wenn mindestens zwei Töne zeitgleich gedrückt werden. Man kann also munter melodische und akkordische Elemente kombinieren; die akkordischen Elemente werden geboostet, die melodischen Elemente nicht. Das ermöglicht sehr schöne heterogene und explosive Strukturen.

Das Hyperklavier kann außerdem aus vierstimmigen Akkorden Riesen-Arpeggien über die gesamte Tastatur generieren. Ich habe damit Rachmaninoffs zweites Klavierkonzert nachgebildet – und im Gegensatz zu Ravels Alborada habe ich diese Kreation tatsächlich ins Allheilmittel untergerührt.

Außerdem beherrscht das Hyperklavier natürlich Standardkniffe wie Tastaturbelegung im Achteltonabstand, Vibrato, Pitch-Bending, Rückwärtsspielen etc., was insbesondere in Kombination mit den obigen Effekten interessant wird.

Gesteuert wird das alles durch ein zweites (kleines) Keyboard, das oben auf dem Spielkeyboard draufsteht. Je nachdem, wie schnell die Effekte ein- und umgeschaltet werden müssen, braucht es dazu ein gehöriges Maß an Virtuosität.

Aber nun genug der Faktendarstellung. Schreiten wir zur ästhetischen Diskussion!

Das Hyperklavier ist natürlich keine simple Jahrmarktsorgel. Es ist ein utopisches Instrument, das nicht von ungefähr Teil eines Allheilmittels ist. Ich habe mal gehört, dass Zuhörer aus ländlichen Gebieten Südamerikas zu lachen begonnen hätten, als ein Orchester unisono mit dadada-daaaa zu Beethovens Fünfter einsetzte. Es ist, von außen betrachtet, ja tatsächlich etwas speziell, wenn sich dreißig oder achtzig Leute auf die Bühne setzen, um in konzertierter Aktion genau dasselbe zu tun.

FischeIm Orchester hat – anders als in einer Jazz- oder Popband oder auch in vielen traditionellen Musikkulturen – nicht jeder Musiker seine eigene Funktion (Melodie, Bass, Rhythmus, Harmonie etc.). Die Musiker geben ihre Individualität ein Stück weit preis, um ein größeres Individuum, einen Meta-Musiker, sozusagen einen Monsterfisch aus lauter kleinen Fischen entstehen zu lassen: das Orchester.

Genau so ein Monster ist das Hyperklavier auch. Hier ist es nicht die Menschenmasse, sondern die Computertechnik, die die Aktion des einzelnen Menschen vergrößert, aufbläht, übersteigt. Der Hyperklavierspieler bleibt ein einzelner Mensch, doch er erzeugt eine Klangfülle, wie es sonst nur dutzende Musiker können. Und der Hyperklavierspieler muss ebenso wie der Orchestermusiker seine Individualität ein Stück weit preisgeben, denn auf viele Parameter des aufgeblähten Instruments – z.B. auf die Lautstärkenbalance der Zusatztöne beim Akkordbooster oder auf die musikalische Gestaltung der automatischen Repetitionen – hat er keinen Einfluss mehr. Er ist der Maschine ausgeliefert und hat dennoch nur durch diese Maschine die Chance, gegenüber dem anderen Monster, dem Orchesterapparat, zu bestehen.

Mögen sich die beiden Monster? Nun ja – es ist kompliziert. Manchmal gibt es diese blitzlichtartige Vereinigung von Orchesterutopie und Technikutopie. Dann zuckt die unio mystica auf, die Transzendierung, der Hyperfisch. Aber ist die Utopie gut? Oder ist sie kitschig, ist sie gefährlich, totalitär, lächerlich? Die Zentrifugalkräfte setzen sofort ein. Die Fische schwimmen nicht mehr im Takt, die Individuen ziehen sich an den Haaren, karikieren sich, verspotten sich. Aber ist das nicht auch Transzendenz? Die Einsicht in die Lächerlichkeit unserer Anstrengungen?

Transzendenz, Hybris und Absurdität fließen ineinander. Wo der eine mystischen Überschwang erlebt, erblickt der andere nur Peinlichkeit. Und der dritte erkennt gerade in der Peinlichkeit die Transzendenz.

Ich habe übrigens gehört, dass manche Ärzte behaupten, es gäbe gar kein Allheilmittel. Nun – Beethoven wäre sicherlich auch der Meinung gewesen, es gäbe gar kein Hyperklavier; und die Taliban denken, es gäbe gar keine Musik. Man sollte das nicht allzu ernst nehmen. Zweifellos gibt es ein Allheilmittel. Man darf nur nicht glauben, es könnte alle Probleme lösen…

Allheilmittel und Matera

Allheilmittel für Orchester mit Klavier und Hyperklavier

Allheilmittel für Orchester mit Klavier und Hyperklavier

So… da bin ich wieder! Meine lange Abwesenheit hier geschah nicht von ungefähr – ich habe nämlich ein Allheilmittel entwickelt!

Es dürfte niemanden überraschen, dass dieses einigermaßen ambitionierte Unterfangen ein Dreivierteljahr lang meine komplette Aufmerksamkeit beansprucht hat…

Jedenfalls (sofern hier noch irgendjemand mitliest): Eine erste Verkostung der Wundermedikation wird am 24. November bei der cresc.-Biennale in Frankfurt stattfinden! 58 Doktoren des Ensemble Modern Orchestra werden das Unmögliche möglich machen – und jedermann kann gegen ein geringes Entgelt von nur 19 Euro Zipperlein und Arthritis in den Klangstrudel werfen und anschließend gesund und verjüngt wieder daraus emporsteigen! EINE EINMALIGE GELEGENHEIT!!!

Mehr dazu in den nächsten Tagen.

Vorerst beginne ich damit, einige Sachen abzuarbeiten, über die ich hier schon seit langem schreiben wollte.

Im traurigen Monat November beginnen wir am besten mit einer Reise ins sonnendurchflutete Italien. Bereits im Mai war ich in Matera – einer der schönsten Städte Süditaliens (vgl. Bild), aber darum soll es heute gar nicht gehen.

matera1Stattdessen um den „Schandfleck der Nation“. Als solcher galt selbige Stadt Matera nämlich bis in die fünfziger Jahre. Es ist eine in den Berg gebaute Höhlenstadt, und die Höhlen sind eng, feucht und kalt. So wurden die Bewohner Ende der 50er Jahre in ein Neubeugebiet umgesiedelt, was sie zuerst blöd fanden; aber dann sahen sie, dass es da fließend Wasser und Strom aus der Leitung gab, und sie waren fürderhin zufrieden.

Die Altstadtviertel aber, die sogenannten „Sassi“, verfielen, bis sie ab den 80er Jahren behutsam restauriert wurden. 1993 wurde die Altstadt zum Weltkulturerbe erklärt, und im Jahr 2019 wird Matera Kulturhauptstadt Europas sein. Schon jetzt stehen überall Hinweistafeln, Baugerüste und Bagger, um die Sassi für das große Ereignis fitzumachen und in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

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Wenn man die Hauptstraßen verlässt und den kleinen Wegen folgt, die sich am Bergrücken entlangschlängeln, gelangt man in ein Viertel, das schon von Ferne archaischer und verfallener aussieht als der Rest der Stadt. Hier gibt es keine Touristen. Auch Einheimische sieht man kaum. Die Gegend ist weitgehend unbewohnt – so wie die ganze Altstadt in den 60er und 70er Jahren.

Matera

Absperrungen gibt es – Bella Italia! – größtenteils keine. Man kann ungehindert herumklettern und die Höhlen erkunden. Hier gibt es auch keine der ansonsten so zahlreichen Casa-Grotta-Museen, die einem mit Worten und Puppen begreiflich zu machen suchen, wie die Menschen damals gehaust haben. Ich konnte mich einfach in eine Höhle hineinsetzen – und versuchen, es mir selbst vorzustellen.

Hier, am äußersten Ende Materas, habe ich begriffen, was an den Lebensumständen der Menschen damals so schrecklich war. Als ich in der leeren, feuchten Höhle auf dem strohbedeckten Boden saß und durch das steinerne Loch nach außen blickte, war mein erster Gedanke: Man fühlt sich wie ein Tier.

Matera

Die Leute haben in diesen Höhlen tatsächlich mit ihren Schweinen und Ziegen und zehn oder zwanzig weiteren Menschen gelebt. Das Schlimme war nicht das fehlende fließende Wasser. Es waren nicht einmal nur der Hunger, die Ungeziefer und die Krankheiten, so entsetzlich das alles zweifellos war. Es war die Würdelosigkeit. Es war das Leben als Tier unter Tieren. Das Leben in einem Stall.

Die Casa-Grotta-Museen zeigen den Besuchern Stoffziegen, Stoffschweine und Stoffschafe, neben denen es sich ein Stoff-Pater-Familias am Feierabend mit seinem Bierkrug hinter seinem kleinen Tischchen gemütlich macht. Die freundliche Dame aus dem Lautsprecher erklärt – gerne auch auf Deutsch –, wie einfach und armselig die Menschen damals gelebt haben. Und man versteht nichts.

Das Museum zerstört zielgerichtet das, woran es erinnern soll. Indem es mit dem Finger auf seinen Gegenstand zeigt, verhindert es, dass man ihn im eigentlichen Kontext, unfingerbezeigt, erleben und erfahren kann.

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Im Mai 2017 hatten sich die Baugerüste schon weit in Richtung des archaischen Viertels von Matera ausgebreitet. Wahrscheinlich wird die Höhle, in der ich saß, bis 2019 auf Hochglanz poliert sein. Vielleicht wird ein Casa-Grotta-Museum draus gemacht. Vielleicht aber auch ein Restaurant, das Pizza mit verbranntem Weizen serviert, wie ihn die ärmsten Tagelöhner damals von den Feldern kratzen mussten. Der Teig wird dadurch dunkel und von einzigartigem Geschmack. Durch schonende Röstung kann man heute selbstverständlich die EU-Grenzwerte für krebserregende Substanzen einhalten. Die Erinnerung an frühere Zeiten soll schließlich nicht weh tun.

Blick vom alten auf das neue Matera

Blick vom alten aufs neue Matera

Nun, was soll ich mich beschweren? Die Pizza hat gut geschmeckt, und das auf Hochglanz polierte Matera ist wirklich eine wundervolle Stadt. Die Casa-Grotta-Museen könnte man für meinen Teil ersatzlos streichen, aber man ist ja schließlich nicht gezwungen hineinzugehen.

Die unbewohnten, verfallenen Höhlen am Stadtrand wird es wohl bald nicht mehr geben. Tja, das ist halt der Lauf der Zeit. Dann erinnert nichts mehr an den Schandfleck der Nation. Es bleiben nur noch die Erzählungen und Beschreibungen… wie diese von 1945 –

„Alle schlafen zusammen, Männer, Frauen, Kinder und die Tiere. So leben zwanzigtausend Menschen. Kinder gab es unzählige. In der Hitze, im Staub, fliegenumschwärmt tauchten sie von allen Seiten auf, entweder ganz nackt oder mit ein paar Lumpen bedeckt. Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt. Die mageren Weiber; mit unterernährten, schmutzigen Säuglingen an den welken Brüsten, grüßten mich freundlich und trostlos; es wirkte auf mich, als wäre ich in der blendenden Sonne in eine von der Pest heimgesuchte Stadt geraten.

Ich stieg immer weiter bis zum Grund der Schlucht hinab, und als ich aufblickte, sah ich endlich ganz Matera wie eine schräge Mauer. Von hier aus wirkte es fast wie eine richtige Stadt. Die Fassaden der Höhlen, die wie weiße, nebeneinander stehende Häuser aussahen, schienen mich mit den Türlöchern wie schwarze Augen anzusehen. So ist es wirklich eine sehr schöne, malerische und eindrucksvolle Stadt.“

(Carlo Levi, „Christus kam nur bis Eboli“)

Matera

Wann werden wir endlich erwachsen?

blabla

blabla

Falls mir meine künstlerische Identität noch nicht bekannt gewesen sein sollte – nach dem soeben zuendegegangenen Eclat-Festival gibt es keine Zweifel mehr!

Da ich der „Generation Y“ angehöre, beschäftigen mich folgende Themen: „Selbst-Optimierung“ (inkl. Deppenbindestrich), „Auflösung von Privatheit“ (wegen diesem Internet und so) sowie „der große Einfluss digitaler Medien auf den Menschen“ (natürlich!).

In den 80er Jahren geboren, hab ich leider keine Chance. Die „Generation Why“ (hach, welch herziges, am Festivalwochenende vielbemühtes Wortspiel) hat mich fest im Griff. Selbstverständlich beschäftige ich mich in meinen Kompositionen, ebenso wie meine gleichaltrigen Kollegen, stets mit den „vielfältigen Bezügen zwischen virtuellen und realen Welten“, mit den „Möglichkeiten der digitalen Medien“ sowie mit der „Lust an der Vernetzung“. Klaro. Genauso wie sich die Komponisten der 50er Jahre ständig mit dem verstörend neuen Medium des Telefons und die Künstler der 80er fortwährend mit den Abgründigkeiten des Faxgeräts auseinandergesetzt haben.

Hey. Ich bin 33 Jahre alt und hab in dieser Zeit schon ein paar Dinge erlebt. Wann entlassen uns die Festivalleiter endlich aus der Zwangsjacke der Jugendlichkeit? Zuerst haben wir mit Duplo gespielt, dann mit Lego, schließlich mit dem Internet. Immer ganz altersgemäß. Wie alt müssen wir denn werden, um endlich erwachsen zu sein?!

Im Zweifel ist mir ein Komponist, der 50 oder 70 Jahre auf dem Buckel hat oder gar seit 20 oder 100 oder 500 Jahren tot ist, näher als irgendein Kollege, mit dem ich zufällig dasselbe Geburtsjahr teile. Mein Leben und meine Musik sind nicht so arm, dass sie allein von den technischen Neuerungen der letzten zehn Jahre bestimmt wären. Natürlich gibt es Komponisten, die brav übers Stöckchen hüpfen und sich alters- und generationengemäß verhalten. Wer bei Eclat war, kennt die Namen. Aber wen interessieren Mamas Lieblinge?

Ich glaube, wir reden hier eigentlich über eine ganz andere Generation. Nicht über die Generation Y und auch nicht über die Generation X oder die Generation Golf, sondern über die Generation der Babyboomer, die beim Entwerfen der Festivalprogramme partout den Eindruck vermeiden will, nicht mehr am Puls der Zeit zu sein. Eine Generation, für die das Internet immer noch Neuland ist (nicht schlimm!), die aber leider auf unbeholfene und wirklichkeitsfremde Weise die junge Generation in Geiselhaft zu nehmen sucht, um ihre Angst zu kurieren, womöglich bald nicht mehr dazuzugehören.

Wer zehn junge Komponisten übers Stöckchen hüpfen lässt, kann sich der Illusion hingeben, offen für die Jugend zu sein – genauso wie sich der Hundebesitzer freuen kann, wenn Bello schwanzwedelnd den Holzklotz zurückbringt.

Wir sind aber nicht Bello. Wir sind erwachsene Künstler und würden gerne als solche behandelt werden. Im übrigen nehme ich auch nur dann, wenn ich als erwachsener Mensch behandelt werde, mein älteres Gegenüber ebenfalls als erwachsenen Menschen ernst. Wenn er mich nur als Mitglied der Generation Y sieht, sehe ich in ihm nur den Abgesandten der Generation Pief. Und für diese stehn die Mauern bekanntlich sprachlos und kalt, und im Winde klirren die Fahnen. Achja – wer hier ein Hölderlinzitat zu erkennen meint: nein, das hab ich nicht aus dem Internet!

Verschwendung

Pommerscher KunstschrankAls ich letzte Woche in Stettin war, hat mich am meisten beeindruckt, was gar nicht da war. Zwanzigtausend Gulden hatte Herzog Philipp II. einst für das Wunderteil ausgegeben, und bis zu seinem Tod konnte er die Schulden nicht abbezahlen. Heute ist nur noch ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1934 übrig. Das Original ging 1945 in Flammen auf.

Der Pommersche Kunstschrank ist eine Riesenverschwendung. Eine Wunderkammer voller verschachtelter Fächer, Nischen, Schubladen und Geheimtüren. Eine Gemeinschaftsarbeit von 28 Künstlern – Goldschmieden, Malern, Bildhauern, Kupferstechern, Orgelbauern, Buchbindern, Uhrmachern und vielen anderen. Der Schrank hat Astrolabien und Hausapotheken beherbergt, chirurgische Instrumente und Sonnenuhren, Mühle- und Schachspiele mit individuell geschnitzten Miniaturfiguren – jeder Bauer ein eigener Typ –, Würfel- und Kartenspiele, die zwölf Arbeiten des Herkules, Greifen und Pegasus, Essgeschirr, Besteck, eine Miniaturorgel, einen Kompass, ein Fernrohr und vieles, vieles mehr. Es braucht in dem Dokumentarfilm geschlagene zwanzig Minuten, um den ganzen Schmus auszuräumen.

Wozu war das alles gut? Für nichts. Der Herzog hatte einfach Lust, so einen Wunderschrank zu haben. Drum ließ er sich einen machen. Mit Steuergeldern.

Irgendwo stand vor kurzem, die Elbphilharmonie wäre niemals entstanden, wenn von vornherein klar gewesen wäre, wie teuer sie werden würde. Das dürfte stimmen. Geldverschwendung ist heute durchaus weniger wohlgelitten als im Barock. Teure Kunstprojekte sind zwar möglich – doch je teurer, desto rigider werden sie einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen.

Wer heute einen Antrag auf Fördergelder stellt, muss angeben, was seine „Ziele“ sind. Niemand bekommt Geld, bloß weil er schreibt „ich hab halt Bock drauf“. Sobald Kunst signifikante Geldsummen beansprucht, wird sie in ein ökonomisches Korsett gespannt. Sie muss einen Nutzen bringen. Der Nutzen muss nicht zwingend finanziell sein – aber er muss doch explizit benannt werden.

Aus moralischer Sicht ist das sicherlich verständlich. Geld ist knapp, und solange in Afrika Menschen hungern, liegt es nahe, genau zu begründen, warum man Geld für Kunst ausgibt – und wieviel. Der Wunderschrank des Philipp II. war zweifellos unmoralisch. Während er für sein Schachspiel pittoreske Elfenbein-Bauern schnitzen ließ, lebten die echten Bauern in Pommern in Armut. Es ist irgendwie verständlich, dass keine heutige Förderkommission eine so riesige Summe für ein so wirkungsloses Kunstwerk bewilligen würde.

Und doch – zeigt sich nicht gerade in dieser obszönen Verschwendung die grenzensprengende, utopische Macht der Kunst? Was ist das für eine kastrierte Rumpfkunst, der stets der Nutzen und die Moral vorgeschaltet sind? Kann eine Kunst, die sich ihre Moral und ihren Nutzen nicht selbst schafft, sondern die lediglich die existierenden Kategorien von Moral und Nützlichkeit ausfüllt, überhaupt irgendetwas verändern? Was bringt es, Ziele festzulegen – mögen sie noch so lauter sein – und diesen Zielen dann hinterherzuhecheln? Sind die wirklich neuen, revolutionären Ziele nicht gerade jene, zu denen wir aufbrechen, noch ohne sie zu kennen?

Wir erleben heute (je mehr Geld involviert ist, um so mehr) den Triumph der Ökonomie über die Kunst – im Namen der Moral. Doch genau das bedeutet den ästhetischen (und letztlich auch moralischen) Bankrott. Nur der Spießer weiß vorab, was „man tut“ und was nicht. Kunst hingegen muss obszön sein und ziellos und freischweifend. Ich will nicht vorab wissen, wohin sie uns führt. Ich will nicht ihre Ziele im Programmheft nachlesen können. Kunst soll nichts erfüllen und illustrieren, sondern eine neue, verquere, unerhörte Welt bauen – und mich damit durchrütteln und verwandeln. Nur so kann sich wirklich etwas ändern. Wir müssen die Ziele vergessen – und verschwenden!!

Hoch auf dem gelben Taxi

Kürzlich durch die verschneite brandenburgische Landschaft kutschiert werdend, fragte ich mich, ob die Tatsache, dass man in Deutschland im Taxi vorne, in Frankreich hingegen hinten Platz nimmt, womöglich ein Erbe der deutschen Romantik sein könnte, welche ihre sehnsüchtig frohgemut reisenden Helden bekanntlich hoch oben auf dem gelben Wagen beim Schwager vorn sitzend platzierte (und nicht etwa wie den Philister hinten im Coupé!), auf dass sich der Dichter Wind und Wetter und dem einfachen Volke aussetzen konnte, den Elementargewalten mithin, welchselbigen sich die deutsche Seele ohnehin immer so seelentief verwandt fühlte, ganz anders als dem welschen, verzärtelten savoir-vivre, welches man selbstredend nur verachten konnte, oh, Trüffel- und Weinsorten auseinanderhalten könnend, aber nicht den rauhen, herben Wind zwischen den Nüstern spürend und nicht des Kutschers ungehobelter, aber doch so echter und reicher Sprache lauschend, obgleich es mir trotzdem lieber gewesen wäre, die Taxifahrerin hätte nicht so viel gesabbelt, sondern mich geradewegs zum Ziel gebracht, stattdessen fuhr sie mich irgendwo ins Nirgendwo in der brandenburgischen Pampa, weil der von vornherein sehr windig aussehende Navi schließlich ganz ausgefallen war und der Autoatlas kurz hinter Bernau aufhörte und sie die Ortskundeprüfung offensichtlich geschwänzt hatte, und anstatt ein sehnsüchtiges Liedchen von Waldhörnern im stillen Lande zu pfeifen, habe ich lieber geflucht und sie angeherrscht, dass ich jetzt womöglich meine Gage nicht bekomme………… oh, ich elender Philister……………