„Das Klavier aus der Sackgasse führen“

Für die „Spuren-Zeitung 2017“, das Hausblatt der Klangspuren Schwaz, habe ich vor einiger Zeit einen Text über zeitgenössische Klaviermusik geschrieben, der inzwischen online steht (S. 15, runterscrollen).

Es geht um den Abschied vom Materialfortschritt, um Performance und (ganz untypisch für mich) um den Etüdenkomponisten Ligeti.

Viel Spaß!

Das Klavier aus der Sackgasse führen

Die Symbolik des Brunnens und die emotionale Welt Schuberts

Während der Komposition des Allheilmittels kam mir immer wieder das Bild des Brunnens in den Sinn. Ich habe kurzzeitig sogar erwogen, das Stück nach einem der mythologischen Brunnen zu benennen – aber dann fand ich „Hvergelmir“ oder „Urð“ doch eine Spur zu sperrig. Drum habe ich mich letztendlich für jene Brunnen entschieden, die man ganz am Rande der Welt findet; jene wundersamen Allheilquellen, aus denen man nur einen Tropfen zu trinken braucht, um jung, gesund, unverwundbar und unsterblich zu werden…

Zwei BrunnenDas Faszinierende am Brunnen ist seine Doppelgesichtigkeit. Es gibt auf der einen Seite die Springbrunnen, die sprudelnden Fontänen, die kunstfertig kaskadierenden Wasserspiele. Hier haben wir das reine Leben, das Spiel, die Leichtigkeit, die Freude, die Virtuosität. In den Fontane di Roma oder den Jeux d’eau haben sie ihren musikalischen Ausdruck gefunden.

Auf der anderen Seite stehen die tiefen, alten Ziehbrunnen, die seit jeher als Jenseitssymbol gelten. Die dunklen Tiefen stehen für die Unterwelt, für die unbewussten, schattenhaften Aspekte des Daseins, für die verlorene Vergangenheit und die unbekannte Zukunft. In der Tiefe des Brunnens wohnen die Nornen, die Najaden und Frau Holle – und wer hineinspringt wie die Goldmarie, begibt sich auf mythische Jenseitsreise und kommt verwandelt wieder zurück.

Beide Varianten des Brunnens gehören zusammen – es ist immer dasselbe Wasser. Schon Notker der Stammler wusste, dass „mitten wir im Leben sind mit dem Tod umbfangen“.

Während mich die sprudelnden, glitzernden, virtuosen Brunnen in den letzten Jahren künstlerisch und theoretisch schon viel beschäftigt habe, lagen mir die dunklen Jenseitsbrunnen viel ferner. Ich sah schlicht keine Möglichkeit, mit den mir zu Gebote stehenden musikalischen Mitteln – oder mit denen der Neuen Musik insgesamt – ernsthaft diese Region des menschlichen Lebens auszuloten.

Die wichtigste musikalische Bezugsfigur war für mich in diesem Bereich immer Franz Schubert. Sooft ich Schubert zuhöre, zieht er mich in den Brunnen hinab – er lullt mich ein, wiegt mich in den Schlaf, entführt mich wie Frau Holle, schildert mir fremde, vergangene, geträumte Welten, lässt mich traurig werden, weil ich ihnen fern bin, lässt meine Sehnsucht anschwellen, macht mich glücklich und unglücklich zugleich, zerteilt mich in Liebe und Schmerz.

Es gibt keinen anderen Komponisten, der dies alles in dieser Intensität mit mir tut. Seit jeher war es für mich ein Rätsel, wie Schubert das schafft. Und ich litt daran, dass ich das nicht schaffte. Bereits vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle darüber geschrieben.

Meine damalige Idee, die verschleierte Schönheit, die durch den Wasserspiegel schemenhaft sichtbarwerdende unterirdische Blumenwiese, durch verstimmte Klaviere zu beschwören, habe ich jetzt in meinem Allheilmittel weiterverfolgt.

Das Steiner Klavier

Das Steiner Klavier

Ich hatte das Glück, dafür auf ein ganz besonders schönes verstimmtes Klavier zurückgreifen zu können. Es stand jahrzehntelang bei meinen Großeltern in der bayerischen Ortschaft Stein an der Traun und verfiel.

Es ist sehr stark verstimmt und klingt momentan etwa eine kleine Terz zu tief. Die Tasten quietschen, sie sind extrem schwergängig, es gibt keine Anschlagsdynamik mehr. Die einzelnen Töne unterscheiden sich stark. Manche klingen fast rein, andere schwebend, andere zweistimmig oder glockenartig mehrstimmig. Jeder Ton hat einen ganz individuellen Charakter. Man kann den Part, den ich für dieses Klavier komponiert habe, nicht transponieren, ohne ihn zu zerstören.

Ein ehemaliger Schulkollege, der Pianist und Tonmeister Robert Lenzbauer, hat das Klavier vor einigen Jahren gesampelt. Es handelt sich sozusagen um eine digitale Momentaufnahme des analogen Verfalls – denn das Klavier verfällt weiter, und einige Tasten lassen sich kaum mehr niederdrücken. In ein paar Jahren wird das Klavier anders klingen, und irgendwann wird es gar nicht mehr spielbar sein.

Als Sample-Instrument ist es nun Teil des Hyperklaviers geworden. Während die anderen Hyperklavier-Techniken wie Akkordbooster, Tastenglissandierer etc. die virtuose Seite des Brunnens erkunden, lotet das Steiner Klavier die Tiefen des Jenseitsbrunnens aus.

Hier die ersten Takte des Klaviersolos aus dem Allheilmittel:

Ausschnitt aus dem Allheilmittel

Ausschnitt aus dem Allheilmittel

Das Orchester nimmt in der Folge die Pulsation auf. Ähnlich wie das verstimmte Klavier die Dur- und Moll-Dreiklänge durch einen Schleier zeigt, zeigt das Orchester die Pulsation in einer verschwimmenden Überlagerung von Quintolen und Quartolen. Die Regelmäßigkeit ist ahnbar, aber nie greifbar. Sie schimmert hinter dem Wasserspiegel.

Natürlich kommt die Pulsation nicht von ungefähr. Sie ist (zusammen mit der Varianten- und Mediantenharmonik) eins der wichtigsten Stilmittel Schuberts. In Stücken wie dem letzten Satz seiner A-dur-Sonate D 959 oder in Des Baches Wiegenlied wiegt und pulst es fast ununterbrochen. Während die Harmonik sich trübt und aufhellt, während das Paradies näher- und ferner rückt, während der Müllersbursche tot im Bach liegt, plätschern die Wellen unbekümmert weiter – sie wiegen, liebkosen uns, als ob nichts wäre, in den Schlaf, in den Tod…

Es ist eine fast naiv anmutende, in Wahrheit aber zutiefst komplexe und abgründige Dialektik zwischen Schönheit und Zerstörung, Gleichmaß und Irreversibilität, Kindheitstraum und Zynismus. Schubert erweckt durch das konstante Pulsieren den Eindruck, als würde nichts passieren – und gleichzeitig zieht er uns in harmonischer oder formaler Hinsicht den Boden unter den Füßen weg. Gerade noch sinnend am Rande des Brunnens stehend, den Blick versenkt in den gekräuselten, dunklen, endlosen Wasserspiegel, finden wir uns urplötzlich mitten im Strudel wieder…

Ich will keinen falschen Eindruck erwecken. Nur ein kleiner Teil des Allheilmittels spielt sich am Grunde des Brunnens ab. Es ist kein kontemplatives, sondern in weiten Teilen ein tobendes, tosendes, schwelgendes, überquellendes Werk. Doch mir war es wichtig – wichtiger noch als früher – die gesamte Bandbreite des menschlichen Daseins im Blick zu haben. Die vielschichtige Symbolik des Brunnens, die uns von den unauslotbarsten Tiefen bis zu den hochschießendsten Fontänen führt, schien mir da überaus passend.

Denn die Jenseitsreise ist lang. Allheilquellen gibt es nur am alleräußersten Rand der Welt. Sie sind verborgener als die Gralsburg.

Ob die untenstehende Karte noch aktuell ist, weiß niemand.

Fundstellen von Allheilquellen (violett, historisch)

Fundstellen von Allheilquellen (violett, historisch)

Was ist ein Hyperklavier, was kann es und wo findet man es?

Ich habe in den vergangenen Monaten nicht nur ein Allheilmittel gemixt, sondern auch ein Hyperklavier gebaut!

Dieses Hyperklavier, das am 24. November in Frankfurt erstmalig auf die Öffentlichkeit losgelassen wird, ist ganz wundersam – es stattet den Pianisten nämlich mit sieben Armen und 33 Fingern aus – und darum möchte ich es hier vorstellen, und, wie es sich für einen Komponisten Neuer Musik gehört, anschließend ästhetisch-kritisch diskutieren.

Für alle, die lieber Musik hören als Text lesen, gibt es hier ein kleines Video, in dem ich ein wenig auf dem Instrument improvisiere und dabei die wichtigsten Features demonstriere. Wer lieber Text liest als Musik hört, möge einige Zentimeter runterscrollen, dann gehts weiter.

In seinen frühesten Formen reicht das Hyperklavier bis ins Jahr 2007 zurück. Damals war ich noch Student der musikalischen Wunderheilkunde, und das Hyperklavier spielte noch nicht mit Klavier-, sondern mit FM-, d.h. mit synthetisierten Klängen. Das Grundprinzip – bewege wenig Finger, erhalte viele Töne – gab es aber schon damals. Wenn man nacheinander beispielsweise c‘ – g‘ anschlug, interpolierte die Maschine selbständig alle Zwischentöne. Man konnte also rasend schnelle Läufe spielen.

Ich habe das Hyperklavier damals zwar improvisierenderweise am ZKM Karlsruhe vorgestellt (und es lieferte lustigerweise 2009 sogar den Titel für eine Porträtsendung im Deutschlandradio Kultur – „Fehlt nur das Klavier mit den 1000 Tasten“) – aber ich habe nie ein Stück dafür komponiert. Doch als das Ensemble Modern letztes Jahr an mich herantrat mit dem Wunsch, ich möge meinem neuzuschreibenden Orchesterstück ein „elektronisch erweitertes“ Instrument beigeben, da wusste ich sofort: Ha – nun schlägt die Stunde meiner Wundermaschine!!!

Hyperklavier-Interface in Max/MSP

Hyperklavier-Interface in Max/MSP

Das von Grund auf neu konzipierte Hyperklavier des Jahres 2017 verfügt über mannigfache Effekte, die sich ein- und ausschalten und kombinieren lassen, ähnlich wie bei einer Jahrmarktsorgel.

Ein einfacher Effekt ist z.B. der „Repetierer“. Drückt man eine Taste, wird der entsprechende Ton in rasender Geschwindigkeit automatisch repetiert. Der Pianist muss also diese Technik nicht mehr üben. (Ich habe mich zwischenzeitlich sogar mit dem Gedanken getragen, damit Ravels „Alborada del gracioso“ nachzubauen und meinem Allheilmittel als Essenz beizufügen. Aber dann hat es mir doch nicht gefallen.)

Apropos „Alborada“: Rasend schnelle Läufe aufwärts und abwärts über die Klaviatur kann man mit dem Hyperklavier natürlich auch spielen. Man muss sich noch nichtmal die Fingerknöchel blutig machen, sondern nur bequem auf einen einzigen Knopf drücken – den Rest erledigt der Computer (vgl. Video, 0’35).

Zu den komplexeren Effekten gehört der „Akkordbooster“. Er reagiert nur dann, wenn zwei oder mehrere Töne exakt gleichzeitig angeschlagen werden. In diesem Fall berechnet er aus der Intervallkonstellation diverse Zusatztöne, sodass man mit zwei, drei oder vier gedrückten Tasten fünf-, neun- oder siebzehnstimmige Akkorde zaubern kann.

Besonders erfreulich: Wenn man währenddessen eine einstimmige Melodie spielt, wird diese nicht durch den Effekt beeinträchtigt, weil der ja nur dann aktiv wird, wenn mindestens zwei Töne zeitgleich gedrückt werden. Man kann also munter melodische und akkordische Elemente kombinieren; die akkordischen Elemente werden geboostet, die melodischen Elemente nicht. Das ermöglicht sehr schöne heterogene und explosive Strukturen.

Das Hyperklavier kann außerdem aus vierstimmigen Akkorden Riesen-Arpeggien über die gesamte Tastatur generieren. Ich habe damit Rachmaninoffs zweites Klavierkonzert nachgebildet – und im Gegensatz zu Ravels Alborada habe ich diese Kreation tatsächlich ins Allheilmittel untergerührt.

Außerdem beherrscht das Hyperklavier natürlich Standardkniffe wie Tastaturbelegung im Achteltonabstand, Vibrato, Pitch-Bending, Rückwärtsspielen etc., was insbesondere in Kombination mit den obigen Effekten interessant wird.

Gesteuert wird das alles durch ein zweites (kleines) Keyboard, das oben auf dem Spielkeyboard draufsteht. Je nachdem, wie schnell die Effekte ein- und umgeschaltet werden müssen, braucht es dazu ein gehöriges Maß an Virtuosität.

Aber nun genug der Faktendarstellung. Schreiten wir zur ästhetischen Diskussion!

Das Hyperklavier ist natürlich keine simple Jahrmarktsorgel. Es ist ein utopisches Instrument, das nicht von ungefähr Teil eines Allheilmittels ist. Ich habe mal gehört, dass Zuhörer aus ländlichen Gebieten Südamerikas zu lachen begonnen hätten, als ein Orchester unisono mit dadada-daaaa zu Beethovens Fünfter einsetzte. Es ist, von außen betrachtet, ja tatsächlich etwas speziell, wenn sich dreißig oder achtzig Leute auf die Bühne setzen, um in konzertierter Aktion genau dasselbe zu tun.

FischeIm Orchester hat – anders als in einer Jazz- oder Popband oder auch in vielen traditionellen Musikkulturen – nicht jeder Musiker seine eigene Funktion (Melodie, Bass, Rhythmus, Harmonie etc.). Die Musiker geben ihre Individualität ein Stück weit preis, um ein größeres Individuum, einen Meta-Musiker, sozusagen einen Monsterfisch aus lauter kleinen Fischen entstehen zu lassen: das Orchester.

Genau so ein Monster ist das Hyperklavier auch. Hier ist es nicht die Menschenmasse, sondern die Computertechnik, die die Aktion des einzelnen Menschen vergrößert, aufbläht, übersteigt. Der Hyperklavierspieler bleibt ein einzelner Mensch, doch er erzeugt eine Klangfülle, wie es sonst nur dutzende Musiker können. Und der Hyperklavierspieler muss ebenso wie der Orchestermusiker seine Individualität ein Stück weit preisgeben, denn auf viele Parameter des aufgeblähten Instruments – z.B. auf die Lautstärkenbalance der Zusatztöne beim Akkordbooster oder auf die musikalische Gestaltung der automatischen Repetitionen – hat er keinen Einfluss mehr. Er ist der Maschine ausgeliefert und hat dennoch nur durch diese Maschine die Chance, gegenüber dem anderen Monster, dem Orchesterapparat, zu bestehen.

Mögen sich die beiden Monster? Nun ja – es ist kompliziert. Manchmal gibt es diese blitzlichtartige Vereinigung von Orchesterutopie und Technikutopie. Dann zuckt die unio mystica auf, die Transzendierung, der Hyperfisch. Aber ist die Utopie gut? Oder ist sie kitschig, ist sie gefährlich, totalitär, lächerlich? Die Zentrifugalkräfte setzen sofort ein. Die Fische schwimmen nicht mehr im Takt, die Individuen ziehen sich an den Haaren, karikieren sich, verspotten sich. Aber ist das nicht auch Transzendenz? Die Einsicht in die Lächerlichkeit unserer Anstrengungen?

Transzendenz, Hybris und Absurdität fließen ineinander. Wo der eine mystischen Überschwang erlebt, erblickt der andere nur Peinlichkeit. Und der dritte erkennt gerade in der Peinlichkeit die Transzendenz.

Ich habe übrigens gehört, dass manche Ärzte behaupten, es gäbe gar kein Allheilmittel. Nun – Beethoven wäre sicherlich auch der Meinung gewesen, es gäbe gar kein Hyperklavier; und die Taliban denken, es gäbe gar keine Musik. Man sollte das nicht allzu ernst nehmen. Zweifellos gibt es ein Allheilmittel. Man darf nur nicht glauben, es könnte alle Probleme lösen…

Allheilmittel und Matera

Allheilmittel für Orchester mit Klavier und Hyperklavier

Allheilmittel für Orchester mit Klavier und Hyperklavier

So… da bin ich wieder! Meine lange Abwesenheit hier geschah nicht von ungefähr – ich habe nämlich ein Allheilmittel entwickelt!

Es dürfte niemanden überraschen, dass dieses einigermaßen ambitionierte Unterfangen ein Dreivierteljahr lang meine komplette Aufmerksamkeit beansprucht hat…

Jedenfalls (sofern hier noch irgendjemand mitliest): Eine erste Verkostung der Wundermedikation wird am 24. November bei der cresc.-Biennale in Frankfurt stattfinden! 58 Doktoren des Ensemble Modern Orchestra werden das Unmögliche möglich machen – und jedermann kann gegen ein geringes Entgelt von nur 19 Euro Zipperlein und Arthritis in den Klangstrudel werfen und anschließend gesund und verjüngt wieder daraus emporsteigen! EINE EINMALIGE GELEGENHEIT!!!

Mehr dazu in den nächsten Tagen.

Vorerst beginne ich damit, einige Sachen abzuarbeiten, über die ich hier schon seit langem schreiben wollte.

Im traurigen Monat November beginnen wir am besten mit einer Reise ins sonnendurchflutete Italien. Bereits im Mai war ich in Matera – einer der schönsten Städte Süditaliens (vgl. Bild), aber darum soll es heute gar nicht gehen.

matera1Stattdessen um den „Schandfleck der Nation“. Als solcher galt selbige Stadt Matera nämlich bis in die fünfziger Jahre. Es ist eine in den Berg gebaute Höhlenstadt, und die Höhlen sind eng, feucht und kalt. So wurden die Bewohner Ende der 50er Jahre in ein Neubeugebiet umgesiedelt, was sie zuerst blöd fanden; aber dann sahen sie, dass es da fließend Wasser und Strom aus der Leitung gab, und sie waren fürderhin zufrieden.

Die Altstadtviertel aber, die sogenannten „Sassi“, verfielen, bis sie ab den 80er Jahren behutsam restauriert wurden. 1993 wurde die Altstadt zum Weltkulturerbe erklärt, und im Jahr 2019 wird Matera Kulturhauptstadt Europas sein. Schon jetzt stehen überall Hinweistafeln, Baugerüste und Bagger, um die Sassi für das große Ereignis fitzumachen und in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

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Wenn man die Hauptstraßen verlässt und den kleinen Wegen folgt, die sich am Bergrücken entlangschlängeln, gelangt man in ein Viertel, das schon von Ferne archaischer und verfallener aussieht als der Rest der Stadt. Hier gibt es keine Touristen. Auch Einheimische sieht man kaum. Die Gegend ist weitgehend unbewohnt – so wie die ganze Altstadt in den 60er und 70er Jahren.

Matera

Absperrungen gibt es – Bella Italia! – größtenteils keine. Man kann ungehindert herumklettern und die Höhlen erkunden. Hier gibt es auch keine der ansonsten so zahlreichen Casa-Grotta-Museen, die einem mit Worten und Puppen begreiflich zu machen suchen, wie die Menschen damals gehaust haben. Ich konnte mich einfach in eine Höhle hineinsetzen – und versuchen, es mir selbst vorzustellen.

Hier, am äußersten Ende Materas, habe ich begriffen, was an den Lebensumständen der Menschen damals so schrecklich war. Als ich in der leeren, feuchten Höhle auf dem strohbedeckten Boden saß und durch das steinerne Loch nach außen blickte, war mein erster Gedanke: Man fühlt sich wie ein Tier.

Matera

Die Leute haben in diesen Höhlen tatsächlich mit ihren Schweinen und Ziegen und zehn oder zwanzig weiteren Menschen gelebt. Das Schlimme war nicht das fehlende fließende Wasser. Es waren nicht einmal nur der Hunger, die Ungeziefer und die Krankheiten, so entsetzlich das alles zweifellos war. Es war die Würdelosigkeit. Es war das Leben als Tier unter Tieren. Das Leben in einem Stall.

Die Casa-Grotta-Museen zeigen den Besuchern Stoffziegen, Stoffschweine und Stoffschafe, neben denen es sich ein Stoff-Pater-Familias am Feierabend mit seinem Bierkrug hinter seinem kleinen Tischchen gemütlich macht. Die freundliche Dame aus dem Lautsprecher erklärt – gerne auch auf Deutsch –, wie einfach und armselig die Menschen damals gelebt haben. Und man versteht nichts.

Das Museum zerstört zielgerichtet das, woran es erinnern soll. Indem es mit dem Finger auf seinen Gegenstand zeigt, verhindert es, dass man ihn im eigentlichen Kontext, unfingerbezeigt, erleben und erfahren kann.

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Im Mai 2017 hatten sich die Baugerüste schon weit in Richtung des archaischen Viertels von Matera ausgebreitet. Wahrscheinlich wird die Höhle, in der ich saß, bis 2019 auf Hochglanz poliert sein. Vielleicht wird ein Casa-Grotta-Museum draus gemacht. Vielleicht aber auch ein Restaurant, das Pizza mit verbranntem Weizen serviert, wie ihn die ärmsten Tagelöhner damals von den Feldern kratzen mussten. Der Teig wird dadurch dunkel und von einzigartigem Geschmack. Durch schonende Röstung kann man heute selbstverständlich die EU-Grenzwerte für krebserregende Substanzen einhalten. Die Erinnerung an frühere Zeiten soll schließlich nicht weh tun.

Blick vom alten auf das neue Matera

Blick vom alten aufs neue Matera

Nun, was soll ich mich beschweren? Die Pizza hat gut geschmeckt, und das auf Hochglanz polierte Matera ist wirklich eine wundervolle Stadt. Die Casa-Grotta-Museen könnte man für meinen Teil ersatzlos streichen, aber man ist ja schließlich nicht gezwungen hineinzugehen.

Die unbewohnten, verfallenen Höhlen am Stadtrand wird es wohl bald nicht mehr geben. Tja, das ist halt der Lauf der Zeit. Dann erinnert nichts mehr an den Schandfleck der Nation. Es bleiben nur noch die Erzählungen und Beschreibungen… wie diese von 1945 –

„Alle schlafen zusammen, Männer, Frauen, Kinder und die Tiere. So leben zwanzigtausend Menschen. Kinder gab es unzählige. In der Hitze, im Staub, fliegenumschwärmt tauchten sie von allen Seiten auf, entweder ganz nackt oder mit ein paar Lumpen bedeckt. Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt. Die mageren Weiber; mit unterernährten, schmutzigen Säuglingen an den welken Brüsten, grüßten mich freundlich und trostlos; es wirkte auf mich, als wäre ich in der blendenden Sonne in eine von der Pest heimgesuchte Stadt geraten.

Ich stieg immer weiter bis zum Grund der Schlucht hinab, und als ich aufblickte, sah ich endlich ganz Matera wie eine schräge Mauer. Von hier aus wirkte es fast wie eine richtige Stadt. Die Fassaden der Höhlen, die wie weiße, nebeneinander stehende Häuser aussahen, schienen mich mit den Türlöchern wie schwarze Augen anzusehen. So ist es wirklich eine sehr schöne, malerische und eindrucksvolle Stadt.“

(Carlo Levi, „Christus kam nur bis Eboli“)

Matera

Wann werden wir endlich erwachsen?

blabla

blabla

Falls mir meine künstlerische Identität noch nicht bekannt gewesen sein sollte – nach dem soeben zuendegegangenen Eclat-Festival gibt es keine Zweifel mehr!

Da ich der „Generation Y“ angehöre, beschäftigen mich folgende Themen: „Selbst-Optimierung“ (inkl. Deppenbindestrich), „Auflösung von Privatheit“ (wegen diesem Internet und so) sowie „der große Einfluss digitaler Medien auf den Menschen“ (natürlich!).

In den 80er Jahren geboren, hab ich leider keine Chance. Die „Generation Why“ (hach, welch herziges, am Festivalwochenende vielbemühtes Wortspiel) hat mich fest im Griff. Selbstverständlich beschäftige ich mich in meinen Kompositionen, ebenso wie meine gleichaltrigen Kollegen, stets mit den „vielfältigen Bezügen zwischen virtuellen und realen Welten“, mit den „Möglichkeiten der digitalen Medien“ sowie mit der „Lust an der Vernetzung“. Klaro. Genauso wie sich die Komponisten der 50er Jahre ständig mit dem verstörend neuen Medium des Telefons und die Künstler der 80er fortwährend mit den Abgründigkeiten des Faxgeräts auseinandergesetzt haben.

Hey. Ich bin 33 Jahre alt und hab in dieser Zeit schon ein paar Dinge erlebt. Wann entlassen uns die Festivalleiter endlich aus der Zwangsjacke der Jugendlichkeit? Zuerst haben wir mit Duplo gespielt, dann mit Lego, schließlich mit dem Internet. Immer ganz altersgemäß. Wie alt müssen wir denn werden, um endlich erwachsen zu sein?!

Im Zweifel ist mir ein Komponist, der 50 oder 70 Jahre auf dem Buckel hat oder gar seit 20 oder 100 oder 500 Jahren tot ist, näher als irgendein Kollege, mit dem ich zufällig dasselbe Geburtsjahr teile. Mein Leben und meine Musik sind nicht so arm, dass sie allein von den technischen Neuerungen der letzten zehn Jahre bestimmt wären. Natürlich gibt es Komponisten, die brav übers Stöckchen hüpfen und sich alters- und generationengemäß verhalten. Wer bei Eclat war, kennt die Namen. Aber wen interessieren Mamas Lieblinge?

Ich glaube, wir reden hier eigentlich über eine ganz andere Generation. Nicht über die Generation Y und auch nicht über die Generation X oder die Generation Golf, sondern über die Generation der Babyboomer, die beim Entwerfen der Festivalprogramme partout den Eindruck vermeiden will, nicht mehr am Puls der Zeit zu sein. Eine Generation, für die das Internet immer noch Neuland ist (nicht schlimm!), die aber leider auf unbeholfene und wirklichkeitsfremde Weise die junge Generation in Geiselhaft zu nehmen sucht, um ihre Angst zu kurieren, womöglich bald nicht mehr dazuzugehören.

Wer zehn junge Komponisten übers Stöckchen hüpfen lässt, kann sich der Illusion hingeben, offen für die Jugend zu sein – genauso wie sich der Hundebesitzer freuen kann, wenn Bello schwanzwedelnd den Holzklotz zurückbringt.

Wir sind aber nicht Bello. Wir sind erwachsene Künstler und würden gerne als solche behandelt werden. Im übrigen nehme ich auch nur dann, wenn ich als erwachsener Mensch behandelt werde, mein älteres Gegenüber ebenfalls als erwachsenen Menschen ernst. Wenn er mich nur als Mitglied der Generation Y sieht, sehe ich in ihm nur den Abgesandten der Generation Pief. Und für diese stehn die Mauern bekanntlich sprachlos und kalt, und im Winde klirren die Fahnen. Achja – wer hier ein Hölderlinzitat zu erkennen meint: nein, das hab ich nicht aus dem Internet!